Nadeem Aslam: „Das Haus der fünf Sinne“

                                                                    
 April 2010 Ein Roman über den unaufhaltsamen Niedergang Afghanistans
 

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BuchumschlagDer Autor dieses Buches stammt selbst aus Afghanistan, lebt jedoch heute im westlichen Ausland. In seiner Heimat hätte er diesen Roman auch kaum schreiben können, ohne angefeindet oder – was wahrscheinlicher ist – umgebracht zu werden. Doch Aslam ist durchaus nicht zum Christentum konvertiert oder ein kategorischer Gegner des Islam. Seine Prägung sitzt zu tief, als dass er alle seine Glaubens- und Wertesysteme über Bord werfen könnte. Doch er beschreibt auf der anderen Seite schonungslos, wie die geistlichen Führer der Taliban den Koran und dessen Interpretation pervertiert haben und mit welcher Konsequenz sie jungen, bewusst ungebildet gehaltenen Menschen ihre ganz persönliche, auf kompromisslose Konfrontation mit der Welt der „Ungläubigen“ ausgerichtete Version des Korans einflößen.

Der siebzigjährige Engländer Marcus lebt allein nahe dem Dorf Usha in einem Haus, das er einst mit seiner afghanischen Frau Qatrina ausgebaut hat. Ihr zuliebe hat er den muslimischen Glauben angenommen und sich einen lokalen Namen zugelegt. Doch die Einheimischen  haben diese „Mischehe“ nie akzeptiert, und die Geistlichen warteten nur auf eine Gelegenheit, diesen Sündenpfuhl auszuräuchern.

Marcus und Qatrina waren beide Ärzte und halfen in den taliban-freien Zeiten bei der medizinischen Versorgung der bitterarmen Bevölkerung. Doch dabei gerieten sie aus verschiedensten Gründen in die Konflikte zwischen den Warlords, die sich zwar nicht für Religion, dafür aber um so mehr für Macht und Geld interessierten. Ihr Regime war kaum besser als das der Taliban, und ihre Grausamkeit konnte sich durchaus mit der ihrer religiösen Gegner messen. Beide Parteien haben stets die Unwissenheit und religiöse Furcht der Bevölkerung ausgenutzt, um ihre jeweiligen Ziele zu verfolgen.

Da Marcus und Qatrina bereits seit den siebziger Jahren verheiratet waren, haben sie auch den Einmarsch der Sowjets und deren desaströsen Krieg gegen das Volk und die Taliban erlebt. In diesen Wirren ist Qatrina erst verrückt geworden, da man ihr unvorstellbare Dinge abverlangt hat, und eines Tages wegen „Ehebruchs“ - Ehe mit einem „Ungläubigen“ - umgebracht worden. Ihre einzige Tochter Zameen hat einst zusammen mit ihrem jungen afghanischen Freund einen Geistlichen bei einem Mord beobachtet und sich damit dessen Hass zugezogen. Eine falsche Denunziation durch eben diesen Geistlichen bei den Sowjets genügte, um von diesen festgenommen und unter schlimmsten Umständen eingesperrt zu werden. Ein junger russischer Soldat nutzte ihre Ohnmacht aus und schwängerte sie, um kurz darauf zu desertieren und zu verschwinden.

Dessen Schwester Lara kommt nun nach weit über zwanzig Jahren nach Afghanistan, um das Schicksal ihres Bruders aufzuklären, und findet bei Marcus eine Bleibe. Denn alleine kann auch im heutigen Afghanistan keine Frau reisen. Dazu stößt David, ein Edelsteinhändler und langjähriger CIA-Agent, der schon zu Sowjetzeiten in Afghanistan war und dort gegen die Besatzer agiert hat. David hat sich nun, mit Mitte fünfzig, aus dem aktiven CIA-Dienst zurückgezogen, verfügt jedoch noch immer über viele hilfreiche Beziehungen zu dem Dienst und zu lokalen Warlords. Er hat einst Zameen und ihren kleinen Sohn – Ergebnis der nächtlichen Vergewaltigungen im sowjetischen Gefängnis – kennengelernt und sich in Zameen verliebt. Eines Tages jedoch verschwand Zaamen mit ihrem Sohn und wurde nie mehr gesehen. Später erfuhren Marcus und David von ihrem Tod, doch das Schicksal von Marcus' Enkel blieb im Dunkeln. David sieht es als seine Aufgabe an, diese Lücke für Marcus und für sich zu füllen. Dabei überschneidet sich ihre Vergangenheitsforschung mit der Laras, und immer mehr schält sich für den Leser der schreckliche Zusammenhang der beiden Handlungspfade heraus. Doch in den Tod Zameens sind mehr Menschen verwickelt, als es anfangs den Anschein hat, und auf die Protagonisten kommen noch große menschliche Enttäuschungen zu, die nicht nur den Taliban oder den Sowjets anzulassen sind.

Aslam baut auch zwei afghanische Protagonisten ein. Der junge Bhizad gibt sich aus taktischen Gründen als Marcus' Enkel aus, um näher an die verhassten Westler zu kommen. Doch dann wird er für ein Attentat auf eine von David finanzierte Schule ausgewählt, wobei er vor der Schule angeblich einen Zeitzünder setzen soll. Erst auf der Fahrt zur Schule wird ihm der wahre Sachverhalt klar....
Der nur wenig ältere Casa hat Bhizad angeleitet und träumt selbst von dem ultimativen Selbstmordattentat, bei dem er möglichst viele Ungläubige mit in den Tod reißt und selbst ins Paradies auffährt. Er arbeitet jedoch für einen Warlord, der den religiösen Fanatismus der jungen Leute gerne für seine eigene Zwecke nutzt. Bei einem missglückten Anschlag verliert Casa seine Waffe und wird verwundet. David findet ihn und bringt ihn ins Krankenhaus, nicht ahnend, dass es sich um einen Kämpfer handelt. Casa weiß jedoch, dass seine Kameraden ihn nun für einen Verräter halten, und lässt sich von David in Marcus' Haus einladen, um sich auszukurieren. Dort ist er jetzt mit der wirklichen Welt der weißen konfrontiert, trifft dort plötzlich unverschleierte Frauen und verliebt sich prompt in eine junge afghanische Lehrerin, die ebenfalls vor den Drohungen der Taliban zu Marcus geflohen ist. Die Warlords sind auch keine Hilfe für Marcus, da sie kompromisslos eigene Machtinteressen verfolgen, denen die auf Frieden zielenden Absichten der Westler nur im Wege stehen. Man muss jedoch die Amerikaner und Engländer dulden, weil sie die fundamentalistischen Taliban in Schach halten, die andernfalls durch ihre schiere Zahl den Warlords äußerst gefährlich werden könnten.

In dieser unübersichtllichen und hochbrisanten Situation sitzen David und Marcus sowie die beiden Frauen zwischen allen Stühlen und können sich keine Stunde sicher fühlen. Die zusätzliche Anwesenheit eines fanatisierten Kämpfers im engsten Kreise, auch wenn dieser selbst höchst gefährdet ist, verschärft die Situation noch. So treibt alles auf ein unkontrollierbares und gerade deshalb vorhersehbares Ende zu, bei dem keiner gewinnt.

Nadeem Aslam bedient sich in seinem Buch eines ausgeprägt assoziativen Stils. Der Handlungsablauf, in westlichen Büchern meist im Vordergrund und in mehr oder minder konsequenter Weise vorangetrieben, spielt hier eine eher untergeordnete Rolle. In gewisser Weise spiegelt sich darin ein überlieferter orientalischer Fatalismus wider: „es spielt sowieso keine Rolle, wer was tut“, will dieser Stil sagen, da die Dinge sowieso nicht vom freien Willen der Menschen abhängen. Konkret schlägt sich dieser Stil in laufenden Abschweifungen nieder, die von fast jeder Handlung ausgehen. Jedes Ereignis und jede Aussage eines beteiligten weckt bei den anderen Assoziationen und Erinnerungen, und der Strom der zeitgleichen Handlung geht nahtlos über in eine andere Zeit und in die Erinnerungen  an längst vergangene Ereignisse. das macht es biswweilen schwierig, dem Gang der Ereignisse zu folgen. Dabei mischt sich der Autor selbst in den Gang der Assoziationen und Gedankengänge ein und suggeriert, selbst er als Subjekt des Romans wisse nicht, wer welche Schuld trägt und wie die Handlung weitergehen mag. Wir kennen die Eingriffe des „objektiven“, allwissenden Autors auch aus der westlichen Literatur, wo sie jedoch allein der Deutung der Charaktere und der Vorbereitung auf neue Ereignisse dient. Westliche Romanautoren legen Gedanken der Unsicherheit oder des Zweifels typischerweise ihren Protagonisten in den Mund, weil sie intuitiv wissen, dass Unwissen über den weiteren Handlungsgang aus der Perspektive des „Schöpfers“ unlogisch klingt. Die orientalische scheint dies jedoch anders zu sehen und legt weniger Wert auf die Handlungslogik oder die Geschlossenheit der Fiktion als auf die Vielfalt und „Blumigkeit“ der Gedanken.

So ist denn Aslams Buch kein Thriller über das heutige Afghanistan sondern vielmehr eine Zustandsbeschreibung, die das schreiende Elend der Unterdrückung und des unwissenden Fanatismus zum Gegenstand hat. Diese fatalistische Sicht erlaubt am Ende auch keinen Lichtblick, wie ihn die westliche Literatur sich oft am Ende eines pessimistischen Buches erlaubt. Bei Aslam hat sich bis zum Schluss nichts zum Positiven gewendet, und implizit steht damit auch hinter der Mission der westlichen Staaten ein mehr als dickes Fragezeichen. Und für Afghanistan sieht Aslam nicht einmal ein Fragezeichen sondern lediglich die Merkmale eines unaufhaltsamen Zerfalls.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 978-3-498-00077-6 erschienen und kostet 19,95 €.

Frank Raudszus     

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