Andreas Bernard: „Vorn“

                                                                    
 April 2010 Ein selbstkritischer Insider-Roman aus der Welt der Lifestyle-Magazine
 

Als PDF-Datei



































Ihre Meinung über E-Mail hier


BuchumschlagBevor man dieses Buch als einen beliebigen zeitkritischen Roman mit polemischem Unterton einordnet, sollte man wissen, dass der Autor selbst Mitarbeiter des „SZ Magazins“ ist, einer periodischen Beilage der „Süddeutschen Zeitung“, die weniger über Politik und Wirtschaft als über all die Dinge berichtet, die vor allem junge und am öffentlichen Leben interessierte Leute interessieren. Die Erlebnisse des Protagonisten Tobias, die der Autor in der dritten Person schildert, sind also weniger ausgedacht als hautnah erlebt. Dass bisherige Rezensionen – zumindest eine in einer anderen großen Tageszeitung – eher leicht  marginalisierend ausfielen, kann man wohl ein wenig unter den „Nestbeschmutzer-Effekt“ subsumieren.

Tobias ist einundzwanzig und studiert Germanistik in einer süddeutschen Großstadt an der Isar. Seine bodenständige und engagierte Freundin Emily lernt er bei seinem Studentenjob im Flüchtlingsheim kennen und schätzen. Er beobachtet seine Umwelt und schreibt seine Eindrücke gerne nieder. Am liebsten würde er sich als Autor der „VORN“ sehen, der Lifestyle-Beilage der örtlichen, überregional renommierten Tageszeitung. Mit etwas Mut und Chuzpe bringt er dort tatsächlich einen Artikel unter und kann sich als freien Mitarbeiter etablieren. Darauf ist er unglaublich stolz und fühlt sich jetzt den erlauchten Kreisen des Journalismus zugehörig. Im Laufe der Zeit lernt er alle die Leute kennen, die er bisher nur als Namen unter ihren Artikeln kannte. Dabei muss er jedoch die Erfahrung machen, dass Vorstellung und Realität oft weit auseinander klaffen. Einen gut aussehenden und „coolen“ junger Mann hält er für einen für seine intellektuell-sarkastischen Artikel bewunderten Redakteur, muss jedoch feststellen, dass diese Ikone klein, unscheinbar und eher spießig aussieht und dass der fälschlich für diesen Gehaltene ein Niemand ist.

Je länger Tobias bei „VORN“ arbeitet, desto mehr nimmt er die dort herrschende Attitüde an, die Menschen in vorgefertigte Kategorien einzuteilen, die von den Trendsettern der Redaktion festgelegt werden. Diese legen z. B. „In“- und „Out“-Ausdrücke fest, deren Gebrauch den Gegenüber automatisch auf Augenhöhe erhebt oder aber endgültig ausgrenzt. Dabei stellt die geradezu synchrone Geisteshaltung und intellektuelle Arroganz der Redaktion ein hermetisches System dar, das jeden Neuankömmling schnellstens aufsaugt und gleichschaltet oder abstößt.

Bernard beschreibt diesen Mikrokosmos der Selbstgewissheit mit einem trockenen Humor und ohne  sich in vordergründiger Polemik zu verlieren. Man merkt ihm an, dass er lange zu diesem System gehört (hat) und es höchst unfair fände, sich plötzlich als darüber stehender Beckmesser zu betätigen. Er schätzt die Kollegen und ihre jeweiligen Kollegen durchaus, nimmt jedoch im Laufe der Zeit immer mehr ihre selbstzentriertre Weltsicht wahr.

Neben der Beschreibung der intellektuellen Macken und Marotten der einzelnen Mitarbeiter gelingen ihm dabei auch treffende Milieuschilderungen. Die beste betrifft die bekannte Münchner Bar „Schumann's“, in der alle verkehren, die etwas auf sich halten bzw. sich für etwas halten. Bernard beobachtet nicht nur, dass es dort Stammgäste gibt, die die Kellner duzen dürfen und immer einen Platz bekommen, sondern auch all die anderen Gäste, die mit betonter Beiläufigkeit eben diesen Status zu demonstrieren vefrsuchen, obwohl sie ihn nicht besitzen. Dem Schumann's sind mehrere längere Abschnitte aus verschiedenen Perspektiven gewidmet, und jede zeichnet für sich einen besonderen soziokulturellen Aspekt dieser „Location“ (auch ein „verbotener“ Begriff!) nach.

Doch neben dieser ironischen Schilderung des Lifestyle-Journalismus' bringt Bernard auch eine ernsthafte Komponente ins Spiel. Irgendwann verliebt sich Tobias in eine der vielen jungen und attraktiven Praktikantinnen, die sich der „angesagten“ Zeitung geradezu aufdrängen, und trennt sich von seiner langjährigen Freundin. Nachdem jedoch die kurze Liebe ein abruptes Ende gefunden hat, erkennt Tobias von Tag zu Tag mehr sein „Leben im Falschen“ und distanziert sich erst innerlich, dann auch offiziell von der „VORN“, indem er zu der Tageszeitung wechselt. Er bleibt zwar der „VORN“ weiter verbunden, muss jedoch für deren Artikel und vor allem für die Geisteshaltung der Redaktion keine Verantwortung mehr übernehmen. Man könnte auch sagen, er sein über die „VORN“ hinausgewachsen, nur würde das keiner seiner Kollegen akzeptieren. Der durchaus dünkelhafte Korpsgeist dieser „Speerspitze des Journalismus“ duldet keine Emanzipation, nur Ausgrenzung durch die Besitzer der Deutungshoheit.

Am Schluss erkennt Tobias, dass er sich seiner Freundin wegen ihrer Bodenständigkeit geschämt hatte, da sie nie bereit war, die journalistischen Selbstdarstellungsdiskussionen seines redaktionellen Freundeskreises zu bewundern oder sich gar an ihnen zu beteiligen. Zu spät erkennt er die Gradlinigkeit und die Echtheit seiner Freundin und ihrer Umgebung, fasst aber alle diese späten Erkenntnisse in einer E-Mail zusammen, die er nie abschickt.

Es spricht für den Autor, dass er diese späte Erkenntnis nicht für ein billiges „Happy End“ missbraucht sondern sie als solche stehen lässt. Das spiegelt die Realität wesentlich besser wider als jedes romanhafte Zugeständnis an ein vermeintliches Leserinteresse. Dem Autor ist mit diesem Buch ein plastisches Portrait des Journalistenmilieus gelungen, speziell des „Lifestyle“-Sektors, ohne dass dies als billiges Nachtreten daherkommt. Wenn die schreibende Zunft kritisch-ironisch über sich selbst schreibt, ist das besonders brisant, weil man damit die Eitelkeit von Heerscharen von Journalisten – verhinderten Schriftstellern – trifft und rhetorisch entsprechend aufgerüstete Reaktionen herausfordert. Man kann als Journalist so ein Buch natürlich auch totschweigen!

Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 3-89964-148-5 erschienen und kostet 16,95 €.

Frank Raudszus  

Übersicht

Gästebuch

Home

Hier bestellen bei AMAZON