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Michel Foucault: "Die Regierung des
Selbst und der anderen" |
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Ein
Vorlesungszyklus
des französischen Inteleektuellen aus den
achtziger Jahren |
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Michel Foucault
(1926-1984) war einer der bedeutendsten französischen
Intellektuellen des letzten Jahrhunderts. Er ließ sich nicht in
die gängigen philosophischen Schulen einordnen und stand sowohl
dem Strukturalismus als auch dem Marxismus kritisch gegenüber, was
ihm von seinen politisch wesentlich konsequenter eingestellten
Zunftgenossen zeitlebens Kritik einbrachte. Von 1982 bis 1984 hielt er
am renommierten "Collège de France" eine Reihe von Vorlesungen
zu Fragen des Diskurses, der Wissensaneignung, der Konstituierung des
Subjekts sowie zum Phänomen der Macht. Das vorliegende Buch ist
ein nur unwesentlich überarbeiteter Mitschnitt dieser Vorlesungen,
in dem sogar akustisch unverständliche Worte als solche markiert
sind. Nur
an wenigen Stellen haben die Herausgeber erklärende Texte
eingefügt und ansonsten die wörtliche Rede des Vortragenden
stehen gelassen.Aufgrund des Redemitschnitts bleibt die Wirkung der direkten Rede erhalten. An vielen Stellen verlässt Foucault sogar den Kontext seiner Vorlesung und weist auf bestimmte organisorische oder verwaltungstechnische Dinge hin. Oder er flicht Wendungen der Umgangssprache ein, die man in einem reinen Druckwerk so nicht vorfinden würde. Darüber hinaus ist der Vortrag auch von Redundanzen geprägt, wie sie in einer Vorlesung zwecks Verdeutlichung des Gesagten üblich sind. All diese Besonderheiten schaden dem Text jedoch in keiner Weise, sondern lassen sogar die Person des Vortragenden um so plastischer aus den Worten hervortreten. Schon in der Einleitung, die man unbedingt lesen sollte, kommt Foucault auf wichtige Erkenntnisse zu sprechen. So charakterisiert er die "Aufklärung" als die einzige Epoche, die sich ihrer selbst und ihrer Wirkung bewusst war und sich selbst den Namen gegeben hat. Das trägt deutlich selbstreferenzielle Züge und entbehrt nicht eines gewissen Surrealismus. Aus der Frage nach dem Wesen der Aufklärung entwickelt Foucault die Frage "Was ist die Revolution". Dazu zitiert er Kant und Fichte, die schon zu ihrer Zeit die besondere Bedeutung der französischen Revolution erkannten und darin ein historisches Programm sahen. Kant stellt die Frage nach der Revolution als Zeichen des "Fortschritts", was immer dieser sei. Mit dieser Einleitung hat Foucault sozusagen die Eck- und Ausgangspunkte seiner Vorlesung festgelegt. In der ersten Vorlesung vom 5. Januar 1983 beantwortet er dann die Frage "Was ist die Aufklärung" mit Kants Satz "Der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit". Im Folgenden diskutiert er die Implikationen dieses scheinbar eindeutigen Satzes. Die "Selbstverschuldung" kann er nur auf mangelnden Mut zurückführen, denn fehlende Fähigkeiten wären keine Schuld. Foucault diskutiert im Detail den Kantschen Begriff der "Unmündigkeit" mit seinen aktiven und passiven Aspekten und kommt schließlich zu der paradoxen Erkenntnis, dass die von einer selbstdefinierten revolutionären Elite angestoßene und kontrollierte Revolution keine Befreiung der Massen im eigentlichen Sinne ist, da sie deren Unmündigkeit nicht aufhebt sondern nur in einen anderen Kontext überführt. Am Ende der ersten Vorlesung zitiert und kritisiert er die fast schon sarkastisch anmutende Feststellung Kants, König Friedrich von Preußen sei "das Antlitz der Aufklärung", weil die von ihm - als "deus ex machina" - verordnete Religionsfreiheit Kant einen Ausgang aus dem logischen Zirkel der "selbsttätigen Befreiung aus der Unmündigkeit" bot. In den weiteren Kapiteln beschäftigt sich Foucault intensiv mit dem Begriff der "freien Rede", die schon im alten Athen als "Parrhesia" eine hohe Wertschätzung genoss. Dazu holt er weit aus bis zu Platon und dessen Diskurs mit dem Tyrannen von Syrakus und gelangt zum Wahrheitsbegriff, der von der "Parrhesia" nicht zutrennen ist. Parrhesia bedeutet "Wahrsprechen" und darf weder aus einem Beweis, noch einer Überredung, einer Lehre oder einer Diskussion bestehen. Sie ist die freimütige Äußerung des für wahr Gehaltenen ohne Rücksicht auf die Folgen für den sie Äußernden. Im Folgenden kommt Foucault zu Euripides und seiner Tragödie "Ion", die das Problem der Parrhesia in exemplarischer Weise abhandelt. Dabei stellt er das Schicksal des unehelich geborenen (Nicht-)Atheners Ion dem von Ödipus entgegen, da hier ähnliche tragische Verwechslungen von Mutter- bzw. Vaterbeziehungen vorliegen, und diskutiert an diesem Beispiel die Bedeutung der "Parrhesia" für das hellenische Griechenland. Diese kurze Inhaltsangabe bezieht sich nur auf die ersten zwei Vorlesungen und ist als Einführung und Anregung zu verstehen. Wir wollen und können an dieser Stelle nicht alle Vorlesungen inhaltlich zusammenfassen und kommentieren, da dies erstens die Fähigkeiten des Rezensenten bei weitem übersteigen würde und außerdem dem Werk nicht gerecht werden könnte. Ingesamt zehn Vorlesungen gehören zu diesem Zyklus, der sich fast bis zu Foucaults Tod erstreckte, und der in gewisser Weise als Vermächtnis des unerschrockenden französischen "Freidenkers" gelten kann. Denn indem sich Foucault nicht zuletzt in dieser Vorlesungsreihe gegen die herrschenden philosophischen und ideologischen "Schulen" seiner Zeit aussprach, übte er selbst die von ihm beschworene "Parrhesia" aus. Wer sich nicht scheut, philosophisch anspruchsvolle Texte zu lesen und sich mit ihnen gedanklich zu beschäftigen, findet in diesem Buch ein reiches Betätigungsfeld. Es eröffnet einerseits völlig neue Perspektiven und verzichtet andererseits wohltuend auf jegliche ideologische Indoktrination der Leser. Foucault will seinen Zuhörern und Lesern den Weg zum Denken öffnen, ihnen jedoch keine fertige - die "einzig richtige" - Weltanschauung vermitteln. Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 987-3-518-58537-5 erschienen und kostet 45 €. Frank Raudszus |
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