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Eva Baronsky: "Herr Mozart wacht auf" |
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Eine
musikalische
Zeitreise
aus dem Rokokko in die Gegenwart |
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Seit
der
Mensch denken (und schreiben) kann, fasziniert ihn die Idee der
Zeitreise. Wer hat nicht schon einmal - zumindest als Kind - davon
geträumt, als allwissender Neuzeitmensch in die Antike oder das
Mittelalter zu reisen, um dort mit dem Wissen des Nachgeborenen zu
glänzen, oder aber zu schauen, wie die Welt in zweihundert Jahren
aussieht. Ernsthafte Schriftsteller haben das Thema sogar literarisch
behandelt, sahen sich dabei jedoch nicht nur mit rein biologischen und
physikalischen, sondern vor allem logischen Problemen konfrontiert. Die
Autorin Eva Baronsky hat sich diesem Thema in ihrem Erstlingsroman aus
einer ganz spezifischen Perspektive genähert: der Musik. Sie
lässt den wohl genialsten Musiker aller Zeiten (?) nach
zweihundert Jahren wiederauferstehen und konfrontiert ihn mit der
Moderne im Allgemeinen, der Musik im Speziellen und vor allem mit
seinem eigenen Werk. Eva Baronsky fragt nicht lange nach eventuellen esoterischen oder gar biologischen Ursachen für die Reinkarnation "in ipso", sie lässt Wolfgang Amadé Mozart (der "Amadeus" ist eine seiner ersten Ärgernisse in dieser Welt!) eines kalten Dezembermorgens im Jahr 2006 in einer etwas heruntergekommenen Wiener Wohngemeinschaft in übelster körperlicher Verfassung aufwachen, nachdem sie im "Prolog" seinen Tod am 5. Dezember 1791 poetisch-realistisch beschrieben hat. Mozart wacht im vollen Bewusstsein seines letzten Tages auf und glaubt sofort, im Vorhof der Hölle zu weilen, da er das "Requiem" nicht mehr fertiggestellt hat. Diese Aufgabe muss er vor dem endgültigen Übergang ins Nichts zuendebringen. Die rauhbeinigen männlichen Bewohner hält er trotz ihrer sehr direkten Sprache für Engel, und die auf einer breiten, schwarzen Straße vor dem Haus hin- und herflitzenden Kaleschen mit kleinen Rädern und ohne Pferde für göttliche Beförderungsmittel. Doch der Gedanke an seine Pflicht überwiegt die Furcht vor der seltsamen Umgebung, und er fängt "stante pede" an, auf einem Stapel weißen Papiers seine noch klar präsenten Ideen für das Requiem in Noten umzusetzen. Als die "Engel" seine Bedeutung und Aufgabe nicht verstehen und ihn zu niederen Hausarbeiten anhalten, verlässt er in einem erbarmungswürdigen Aufzug - wie ein Penner gekleidet - und ohne seine Noten das Haus und strolcht durch die Straßen. Langsam entdeckt er Wien, findet mit dem Stephansdom den einzig bekannten Anhaltspunkt und entdeckt schließlich im Pflaster der Fußgängerzone einen Gedenkstein an Joseph Haydn, dessen Todestag zu seiner nicht geringen Verstörung auf 1809 festgelegt wird/wurde. Die Erkenntnis des wahren Sachverhalts trifft ihn aber erst, als er seinen eigenen Gedenkstein nicht weit von dem Haydns findet. Bei einem Straßenmusiker bleibt er stehen und hört seine eigene "Kleine Nachtmusik", doch seine impulsiven Kommentare wecken nur dessen misstrauische Reaktion. Dennoch folgt er dem polnischen Geiger bis in ein Lokal, wo dieser spielen soll und offensichtlich wegen des fehlenden Klavierspielers vom Wirt beschimpft wird. Aufschlag Mozart! Klar, dass er als Aushilfspianist sowohl bei Pjotr - so heißt der Geiger - als auch bei den Gästen Staunen und Bewunderung auslöst, obwohl er schnell spürt, dass er in dieser Kneipe seine musikalischen Perlen vor die Säue wirft. Doch die unhaltbare Situation, der Hunger und die Kälte lassen ihn bei Pjotr bleiben und zu ihm in seine einfache Bleibe ziehen, um weiter mit einfacher Unterhaltungsmusik sein spärliches Brot zu verdienen. Pjotr, ein klassisch ausgebildeter Geiger aus Masuren ohne Anstellungschancen in Polen, erkennt sofort das Genie des Fremden, der sich in seiner Erklärungsnot von einem Musterauswweis den Namen "Wolfgang Mustermann" ausleiht. Denn Mozart erkennt sofort, dass eine Offenlegung seiner wahren Identität ihn postwendend ins "Tollhaus" befördern würde. Wer hätte sich denn "zu seinen Zeiten" auch als Monteverdi ausgeben können? In diesem Stil geht es weiter, wobei Eva Baronsky immer wieder die Musik in den Mittelpunkt stellt und dabei ihr fundiertes Wissen beweist. Aus ihrer Beschreibung von Mozarts Gedanken und seinem Klavierspiel darf man schließen, dass sie sogar passabel Klavier spielt. Bei ihr führt Mozarts bekannte Sprunghaftigkeit dazu, dass er gemeinsame Termine mit Pjotr vergisst, weil er zufällig in einer Jazzbar landet und von dieser Musik fasziniert ist. irgendwann setzt er sich einfach ans Klavier und improviert frei über die von der letzten Jazzband vorgegebenen Themen, und von dem Augenblick ist er der Star des "Blue Notes". Dort lernt er auch eine Saxophonspierlein kennen und für eine Nacht lieben, doch sie verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Bei einem ziellosen Spaziergang durch das eiskalte Wien flüchtet er sich in ein Piano-Geschäft, bewundert die Bösendorfers und Steinways und fängt sofort an zu spielen. Der Besitzer erkennt sofort das Genie und versorgt ihn mit Schüleradressen, doch Mozart kann - natürlich - die Telefonnummern nicht deuten. Er hält sie für eine geistreiche Verschlüsselung musikalischer Themen, entschlüsselt sie nach einem alten Verfahren und komponiert sofort zwei Sonaten auf die Telefonnummern. Über seine musikalischen Bewunderer kommt er schließlich zu einer Vertretung eines ausgefallenen Pianisten, der Mozart spielen sollte, und überwältigt das Publikum mit einem fulminanten Programm, das neben der besagten Sonate aus einer Reihe improvisierter Neuschöpfungen besteht. Schließlich und endlich landet er sogar als Solo-Interpret bei einem großen Mozart-Konzert im "Wiener Musikverein" und lässt dort das Musikalische Fachpublikum ebenfalls vor Ehrfurcht erstarren - alles als der namenlose "Wolfgang Mustermann"! Eva Baronsky lässt auch ihre persönlichen Musikvorlieben erkennen. Bei ihr stürzt sich Mozart sehr schnell in die "Nach-Mozartsche" Musik und kommt zu aufschlussreichen Erkenntnissen: Beethoven unterstellt er überhebliches Ignorieren des Publikumsgeschmacks und lässt ihn links liegen, Schuberts Musik nimmt ihn schon beim Studium der Partituren gefangen und Chopin verehrt er als großen Pianisten. Vor allem über die gleichermaßen hohe Wertschätzung der letzten beiden, die im 19. Jahrhundert lange Zeit als zweitrangige Salonmusiker galten, lohnt sich das Nachdenken sicherlich. Als kleinen "Gag" lässt die Autorin ihren Helden durch das ganze Buch im Idom des späten 18. jahrhunderts sprechen, wie wir es aus Mozarts Briefen an den Vater und vor allem an das "Bäsle" kennen. Das erzeugt nicht nur Lokal- und Zeitkolorit, sondern sorgt auch für eine gewisse Art subtilen sprachlichen umors, den man nicht unterschätzen sollte. Romane mit einem solchen "Fantasy-Einschlag" stehen immer vor dem Problem, wie man die absurde Fiktion mit der Realität verbindet. Eine musikalische Zeitreise könnte sich - wie die Autorin es durchaus tut - ironisch-parodistisch mit den Änderungen des musikalischen Geschmacks und der allgemeinen Weltauffassung beschäftigen, ansonsten den über die Zeit eingereisten Protagonisten jedoch auf jeden Fall inkognito reisen lassen. Denn jede Enthüllung der Identität konfrontiert die Absurdität mit der Realität und zwingt den Autor, sich auf eine Seite zu schlagen. Daher würden die meisten Autoren Mozart einen zufälligen oder tragischen (zweiten) Tod sterben lassen, um die Kollision der Welten zu vermeiden, und damit im Rahmen einer historischen Parodie bleiben. Nicht so Eva Baronsky: sie führt erstens eine tiefe Beziehung zu einer Frau ein und nimmt diese zweitens zum Anlass, Mozart seine Identität gegenüber der Frau enthüllen zu lassen. Das führt natürlich zum Desaster, da die Frau sich emotional schwer erschüttert von dem vermeintlich in Wahnvorstellungen Befangenen trennt. Doch die Autorin geht den Weg konsequent weiter. Nach einem eher leichten Unfall landet Mozart im Krankenhaus und bleibt bei seiner Behauptung, er selbst zu sein, worauf er umgehend in einer Nervenheilanstalt landet. Dort behandelt man ihn sehr freundlich und zuvorkommend und redet ihn selbstverständlich mit "Herr Mozart" an, doch selbst er weiß die bedeutung dieser Anrede richtig einzuschätzen. Eva Baronsky hat also die Kollision zwischen den scharf getrennten Welten herbeigeführt und muss sich jetzt irgendwie herauswinden. Zu einer satirischen Kritik an den Zuständen in psychatrischen Anstalten gibt ihr Thema kein Anlass, also muss sie das Buch anders zu Ende führen. Was die persaönliche Seite betrifft, geht sie ihren Weg ebenfalls bis zum "bitteren" Ende, denn Mozart hinterlässt eine schwangere Freundin, bevor er sich auf nebulöse Weise wieder verabschiedet. Vorher hat stellt er aber noch sein Requiem fertig, dessen erste Version aus der Wohngemeinschaft inzwischen über Umwege bei der Musikakademie gelandet ist und dort als Sensation gefeiert wird. Als Unbekannter mit schwersten Persönlichkeitsstörungen beendet er die Arbeit und "entschwindet" dann. Der Epilog schildert seine letzten Lebensminuten im Wien des späten 18. Jahrhundert, als sei die Reise ins 21. Jahrhundert nur ein letzter Traum gewesen. Das gewagte Ende mit der Kollision der beiden Welten lässt zwar einige literarische und logische Fragen offen und hinterlässt den leisen Anflug eines überhöhten Kitsches, tut im großen Ganzen jedoch dem Roman keinen Abbruch. Über lange Strecken gelingt es der Autorin, die Verlorenheit eines Genies in einer ihm fremden Welt überzeugend darzustellen. Denn darum geht es ihr wohl im Wesentlichen und nicht um eine spannende "Fantasy"-Geschichte am attraktiven Beispiel Wolfgang Amadeus(!) Mozarts. Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 987-3-351-03272-2 erschienen und kostet 19 €. Frank Raudszus |
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