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Armin Thurnher: "Der
Übergänger" |
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Eine
augenzwinkernde
Hommage
an die Musik und einen großen Pianisten |
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Dieses Buch dreht sich in erster Linie um Musik und in
zweiter um einen großen zeitgenössischen Interpreten: den
Pianisten Alfred
Brendel. Im Jahr 2008 beendete er im Alter von 77 Jahren seine
Konzertkarriere mit einer internationalen Abschiedstournee, die am 18.
Dezember 2008 im Wiener Musikverein ihren Höhepunkt und Abschluss
fand. Der Autor - selbst Musikliebhaber und Amateur-Pianist - hat im
Laufe seines Lebens eine Hochachtung für Brendel entwickelt, die
an Verehrung grenzt oder sie gar erreicht. Dabei verwenden wir diesen
Begriff ohne jegliche Ironie und erkennen seine Berechtigung durchaus
an. Thurnher hat zu diesem Anlass jedoch keine der üblichen Künstlerbiografien mit ihren bisweilen langweilenden Lebensdetails und überzogenen Lobliedern verfasst, sondern wagt auch hier einen journalistischen und durchaus ironisch-humoristischen Ansatz. Dabei beschränkt er die Ironie hauptsächlich auf seine eigene Person und versagt sich den billigen Triumph vieler Biografen, den berühmten Gegenstand ihrer Recherchen im Nachhinein kleinzuschreiben. Die damit verbundene Gefahr der Glorifizierung nimmt er bewusst in Kauf. Den humoristischen Aspekt gewinnt er durch einen selbstreferentiellen Trick: er selbst als Ich-Erzähler und Wiener Journalist plant seit längerem ein Buch über Alfred Brendel. Die dazu erforderlichen Interviews mit Brendel, von diesem selbst angeboten, kommen über längere Zeit aus den verschiedensten beruflichen und privaten Gründen nicht zustande, so dass der Autor den Pianisten Brendel des Öfteren "verfehlt". Daraus ergibt sich irgendwann der Titel "Die Verfehlungen des Alfred Brendel". Es geht also nicht um falsche Tastenanschläge des Pianisten bei Konzerten oder gar andere dunkle Verfehlungen desselben, obwohl der Titel dies unterschwellig suggeriert. Dieses Buch hat der Ich-Erzähler (und Autor) seit einiger Zeit sowohl im verlegerischen als auch privaten Umfeld angedeutet und sieht sich deshalb zunehmend mit mehr oder minder insistierenden Nachfragen konfrontiert. Das Scheitern seiner Bemühungen um dieses Buch zieht sich als "Running Gag" durch den ganzen Roman. Als solcher ist das Buch deshalb eingeordnet, weil Thurnher neben den tatsächlichen Personen - er selbst und Alfred Brendel - eine Reihe fiktiver Personen eingeführt hat und außerdem erfundene Situationen und Ereignisse einflicht. Die Selbstreferenz kommt dadurch ins Spiel, dass eben dieses Buch, das zu schreiben ihm nicht gelingen will, mit dem vorliegenden Roman Realität geworden ist. Das erinnert ein wenig an René Magrittes Schriftzug "Ceci n'est pas une pipe", der eine Pfeife darstellt. Doch noch eine weitere - nicht sofort erkennbare - Referenz hat Thurnher in sein Buch eingeflochten. Der Titel "Der Übergänger" weckt sofort Assoziationen an Thomas Bernhards Buch "Der Untergeher". Dabei spielt die fast spiegelbildliche Abbildung der Titel die eher zweitrangige Rolle eines Wortspiels. Die eigentliche Kongruenz liegt im Thema: Thomas Bernhard schildert die Verzweiflung eines ehemaligen Pianisten, der nach einem längeren gemeinsamen Studienaufenthalt mit Glenn Gould das Klavierspielen aufgegeben hat, da er dessen Größe nie wird erreichen können. Ist dies aus der Sicht der Bernhardschen Romanfigur ein Problem der künstlerischen Identität auf höchstem Niveau, wiederholt es sich bei Thurnher nahezu als Parodie auf der schiefen Ebene zwischen Spitzenkünstler und Dilettant. Thomas Bernhard schüttet in seinem Buch die bei ihm gewohnten Pauschalurteile über seine Heimat aus. Sein Ich-Erzähler erklärt die gesamte Musikausbildung in Österreich samt dem Salzburger Mozarteum als inkompetent und geradezu desaströs für die Musik und lässt als Pianist nur Glenn Gould gelten. Es gibt keinen anderen Gott neben ihm. Dass natürlich auch das (österreichische) Publikum ahnungs- und kulturlos ist, versteht sich von selbst. Wer Bernhard kennt, weiß, dass sein Ich-Erzähler nicht als Satire auf eitle und eifersüchtige Künstlernaturen gemeint ist, sondern die Meinung des Autors wiedergibt. Angesichts dieser Analogie stellt sich natürlich die Frage, wie sich Thurnher zu seinem berühmt(er)en Literaturkollegen stellt. Dabei ist aufschlussreich, dass er Bernhards Roman nie explizit nennt, ihn selbst aber ein oder zwei Mal in nichtmusikalischem Zusammenhang erwähnt, was man als versteckte Referenz verstehen kann. Allerdings wüsste man gerne, was Thurnher von folgender Passage in "Der Untergeher" hält: "Zehntausende Musikhochschüler ... werden von ihren unqualifizierten Lehrern zugrunde gerichtet.....Werden Gulda oder Brendel und sind doch nichts. Werden Gilels und sind doch nichts." Wer die Analogie zu Bernhard bewusst herstellt, sollte sich auch diesen Aussagen stellen. Thurnher erwähnt zwar auch Glenn Gould (S. 31) und nimmt ihm gegenüber eine skeptische Haltung ein, dessen "Seligsprechung" durch den Bernhardschen Protagonisten erwähnt er jedoch nicht. Auch auf weitere zeitgenössische Geistesgrößen geht Thurnher mehr oder minder verschlüsselt ein. So zitiert er den bekannten Kulturkritiker Joachim Kaiser im Zusammenhang mit Brendel nur unter dem Pseudonym "Der Mohikaner", das sich aus dessen Autobirgraphie "Der letzte Mohikaner" ableitet. Einen Exkurs in die literarische Welt und deren Verhältnis zur Musik unternimmt Thurnher anlässlich einer Reise durch Deutschland in Weimar, wo er über "Goethes Verfehlung an Schubert" sinniert und dann erkennt, dass man - frei nach Gotehe - das Positive nur durch Ironie retten könne (sic!). Das kann man durchaus als einen Kernsatz in Thurnhers Buch betrachten, steht er doch in der Tat vor dem Problem, einen zu recht bewunderten Künstler in seinem Buch zu beschreiben, ohne ihn durch Lobhudelei in eine nahezu banale Handelsware zu verwandeln. Eine wichtige Rolle spielt in diesem Buch Thurnhers eigene Position im Kultur- und speziell Musikbetrieb. Er bekennt sich selbst als fürchterlichen Dilettanten und kokettiert gerne mit seinen - angeblich - indiskutablen Fähigkeiten am Klavier. Wenn dann andererseits hervorragende Musiker - real oder fiktiv?? - sehr gerne mit ihm Kammermusik spielen und ihn - natürlich aus reiner Höflichkeit! - loben, kann es so schlecht um sein pianistisches Können nicht stehen. Doch hier kann man ihn verstehen, denn jede auch nur halbwegs positive Darstellung der eigenen Fähigkeiten würde in so großer literarisch-journalistischer Nähe zu Alfred Brendel nur lächerlich wirken. Über Klaviermusik und ihre Interpretation, vor allem durch Brendel, erfährt man in diesem Buch ebenfalls vieles, wobei diese Aussagen natürlich immer subjektiv aus der Perspektive des Autors kommen. Thurnher versteht sich nicht als Musikwissenschaftler, der Beethoven-Sonaten und deren korrekte Wiedergabe analysiert, sondern als leidlich(?) gebildeter Musikliebhaber, der sich mit Musikstücken und ihrer ihren Interpreten beschäftigt und sich eine Meinung dazu bildet. Bei dieser "Außenwahrnehmung" entwickelt er eine entfernte Ähnlichkeit mit Thomas Bernhards Protagonisten, wenn er das übliche Konzertpublikum als "Krautfleischesser" und "Medizinalräte" abwertet. Als Nicht-Österreicher kennen wir zwar den Begriff des "Krautfleischessers" nicht, können uns aber gut vorstellen, wie er gemeint ist. Es mag zwar stimmen, dass viele(?) Konzertbesucher nur wegen des gesellschaftlichen Anlasses erscheinen - "Brendel spielt" - und nur über geringe musikalische Kenntnisse verfügen, es fragt sich jedoch, ob deshalb der Besuch eines Konzertes generell negativ zu werten ist. Einerseits unterstützt auch der uninteressierteste Konzertbesucher mit seinem Einrittsgeld die Musik, andererseits hinterlässt ein klassisches Konzert (ein modernes ebenso) kulturgesellschaftlich gesehen immer noch wesentlich positivere Eindrücke als Alternativen wie der "Musikantenstadl" oder ein Kneipenbesuch, auch bei "Krautfleischessern". Am Ende finden Thurnher und Brendel doch noch zu mehreren - durchaus nicht fiktiven - Interviews zusammen, die einen profunden Einblick in die künstlerische und menschliche Person Alfred Brendels gestatten. Hier nimmt der Autor sich und seine Ironie mit sicherem Gespür zurück und lässt den "großen Alten" sprechen. Brendels Bemerkungen über die Musik, die richtige Interpretation (gibt es die?), den Musikbetrieb und die lieben Kollegen vermitteln ein differenziertes Bild dieser Gesprächsgegenstände und des Interviewten. Dass dabei auch noch eine andere lokale Größe, Friedrich Gulda, in höflicher Form "sein Fett wegkriegt", ist eine andere Sache, die einerseits zum Kulturbetrieb gehört und in der größenbedingten Enge des österreichischen Kulturbetriebes wohl nicht zu vermeiden ist. Gulda war wegen seines Grenzgängertums lange Zeit eine Reizfigur für beide Seiten - Klassik und Jazz - und muss sich auch posthum dieser Tatsache noch stellen. Das Buch ist im Zsolnay-Verlag unter der ISBN 987-3-552-05367-0 erschienen und kostet 19,90 €. Frank Raudszus |
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