| Henning Mankell: "Der Feind im Schatten" |
![]() |
Ein
Spionageroman mit voraussehbarem Ausgang |
| Als PDF-Datei Ihre Meinung über E-Mail hier |
Nach
langwierigen Recherchen, die er nur teilweise im Rahmen seiner
dienstlichen Obliegenheiten durchführen kann, kommt Wallander dem
wahren Sachverhalt schließlich auf die Spur und konfrontiert den
verschwundenen ehemaligen Marineoffizier in seinem Versteck mit der
Wahrheit. Da
diese mittlerweile den meisten Lesern aufgrund anderer Rezensionen oder
eigener Lektüre bekannt sein dürfte, brauchen wir sie hier
nicht zu verschweigen: der pensionierte Offizier war selbst über
Jahrzehnte als Spion tätig, aber nicht für die Sowjets bzw.
Russen sondern für die USA. Seine Frau ist ihm auf die Schliche
gekommen und musste eliminiert werden, nachdem ihr Mann in ein
sicheres Versteck gebracht worden war. Man hat ihre Leiche dann
praktischerweise als russische Spionin präpariert. Die
Erzählzeit spielt im Jahr 2008, und die Zeiten der aktiven
Spionage reichen zurück bis in die siebziger Jahre. Wer
Mankell kennt, merkt bei der Lektüre bald, dass der Autor hier
das uralte Klischee - ob unberechtigt oder nicht - des bösen
Sowjetspions aufnimmt und es
umdreht. Schon zur Mitte des Buches nimmt der Hinweis auf die
Sowjetunion derart viel Raum ein, dass man als Leser bereits an dieser
Lösung zweifelt und auf die Gegenseite tippt. Nun gab es in der
Vergangenheit tatsächlich handfeste Beweise nur für
Spionageaktivitäten der Sowjets, so den schwedischen Oberst
Wennerström, den Mankell ehrlicherweise auch geschickt als
Beispiel dieser Ost-West-Sichtweise in sein Buch integriert, oder das
in schwedischen Hoheitsgewässern festgekommene U-Boot der
sowjetischen Marine, dessen Kommandant angeblich im volltrunkenen
Zustand vom Kurs abgekommen war. Spektakuläre Spionagefälle
für den Westen gab es nicht, und das aus guten Gründen: zwar
war Schweden nicht in der NATO, fühlte sich aber dem "freien"
Westen zugehörig und tauschte sich offiziell auf bilateraler Basis
mit einzelnen westlichen Staaten aus, so auch mit den USA. Diese hatten
also keinen Grund, einen Spion tief im Herzen des schwedischen
Militärs anzuheuern, wenn sie die meisten sie interessierenden
Informationen auf offiziellem Wege - oder aus der freien Presse -
erlangen konnte. Mankell
jedoch baut zwecks Abbau der alten Vorurteile - "böse" Russen,
"gute "Amis" - ein Szenario auf, das vorne und hinten nicht stimmt.
Dabei merkt man auch, dass er keine eigenen Erfahrung mit dem
Militär und schon gar nicht mit der Marine hat, denn es
unterlaufen ihm verschiedene gravierende Fehler, die letztlich die
Logik seines Romans an absurdum führen. Fangen
wir mit den kleineren Fehlern an: Der Protagonist bekleidete zuletzt
den Rang eines Korvettenkapitäns. Angeblich ist er wegen einer
Umgehung des Dienstweges anlässlich eines persönlichen
Gesprächs mit Regierungschef Olof Palme in Ungnade gefallen und
nicht weiter befördert worden. Zu diesem Zeitpunkt - 1982 - ist er
jedoch bereits knapp fünfzig Jahre alt und damit weit jenseits des
typischen Alters dieses Dienstgrades. Wer als Stabsoffizier mit
fünfzig noch Korvettenkapitän ist, trinkt, ist unfähig
oder hat diverse Disziplinarstrafen auf dem Kerbholz. Ein so integrer
und befähigter Offizier, wie ihn Mankell bis zu diesem Zeitpunkt
beschreibt, wäre unter Umständen sogar bereits Admiral, und
an einer Textstelle schreibt ihm Mankell in einem Nebensatz auch genau
diesen Dienstgrad zu. Außerdem spricht Mankell von einer hohen
Stellung und zentralen Funktionen seines Protagonisten. Ein
fünfzigjähriger Korvettenkapitän passt nicht in dieses
Bild. Doch
das sind nur lässliche Ungenauigkeiten, wenn auch symptomatisch.
Es stellt sich nämlich die Frage, was dieser Offizier für die
USA hätte ausspionieren sollen. Angeblich geht es um technische
Innovationen, doch bei aller Wertschätzung für die
schwedische Wehrindustrie muss man feststellen, dass die
Waffenentwicklung - vor allem in der Marine - seit einem halben
Jahrhundert von den USA dominiert und bestimmt wird. Deren Interesse
galt während des Kalten Krieges einzig und allein der
technologischen Entwicklung in der Sowjetunion, zu Neuigkeiten aus
westlichen Ländern, so sie überhaupt von Interesse waren,
hatte man einfacheren Zugang über normale Kanäle oder ganz
einfach als Kunde der schwedischen Waffenindustrie. Wohl aus
diesem Grund fällt Mankell ein
geheimes Horchgerät ein, das die USA angeblich für das
Abhören sowjetischer Unterseekabel im Pazifik entwickelt hatten
und mit dem sie - natürlich heimlich - ein sowjetisches
Unterseekabel in der Ostsee abhören wollen. Abgesehen von den
technischen und
praktischen Schwierigkeiten, die ein solches Gerät in den
frühen achtziger Jahren unwahrscheinlich escheinen lassen, tauchen
in der Umgebung der Ostsee andere Fragen auf. Mankell unterstellt
zumindest unterschwellig, dass die USA mit Hilfe des Spions mit einem
solchen Gerät sowjetische Kabel in der Ostsee abgehört haben.
Dies wirft jedoch die Frage auf, wieso die Sowjets ihre Kabel nicht
innerhalb ihrer eigenen Hoheitsgewässer ausgelegt haben -
schließlich wollten sie über das Kabel mit den anderen
Ostsee-Anrainern des Warschauer Paktes kommunizieren. Warum sollten sie
dieses Kabel in einer Region verlegen, in der die schwedische Marine
und sogar einfache Fischer ungehindert verkehren können? Mankell
baut das von einem Fischer versehentlich aus dem Grund gerissene und
entwendete Gerät zu einem potentiellen Spionage-Gegenstand auf,
von dem niemand wissen darf, lässt jedoch andererseits die
schwedische Marine offiziell danach suchen. Was hat bei einem so
offiziellen Vorgang dann noch ein Spion zu tun? Kurz,
Mankell bleibt den Grund für die langjährige
Spionagetätigkeit seines Negativhelden schuldig. Zwar
schwadroniert er geheimnisvoll von U-Booten der NATO, die heimlich in
schwedischen Gewässern herumkurven, nur was sollten diese in den
gefährlichen Gewässern der schwedischen Schären zu
suchen haben? Diese Frage lässt sich für sowjetische Boote
viel leichter beantworten, weil es in diesem Fall darum ging,
Zugangswege und Schutzvorrichtungen für eine eventuelle Invasion
Schwedens auszukundschaften. Denn aufgrund der Neutralität
Schwedens war dies stets eine Option für die Sowjetunion, um sich
näher an die Nordsee und den Atlantik heranzutasten. Warum sie
diese Option - glücklicherweise! - nicht in die Tat umsetzten, ist
eine andere Frage. Das auf Grund gelaufene sowjetische U-Boot
jedenfalls spricht nicht gerade für intensive
Spionageaktivitäten der USA. So
bleibt am Schluss ein Spion, der nichts für die USA
auskundschaften konnte. Offensichtlich auch deshalb lässt Mankell
ihn durch enttäuschte Freundeshand sterben, ehe er den
Behörden und damit der Öffentlichkeit Details seiner
Tätigkeit schildern konnte. Natürlich muss Mankell diesen
literarischen Trick auch deswegen anwenden, weil er sonst die Fiktion
eines öffentlichen Spionageskandals mit den USA als Hintergrund
hätte aufbauen müssen, die letztlich keinerlei konkreten
Bezug zur Realität hätte aufweisen können. Aber auch die
detaillierte Schilderung der Motive der USA und der auszuspionierenden
Ziele hätte Mankell sicherlich in Bedrängnis gebracht. Da ist
es doch besser, den treulosen Verräter schnell sterben zu lassen. Abgesehen
von diesen logischen Schwächen sind dem Roman jedoch sein
spannunsgreicher Handlungsablauf und seine überzeugende
Darstellung der Personen zugute zu halten. Alle Charaktere sind
durchweg glaubwürdig und als Menschen mit Stärken und
Schwächen dargestellt. Im Mittelpunkt steht dabei ein alternder
Wallander, der unter der Einsamkeit und der Angst vor dem Alter leidet.
Zum endgültigen Abschluss seiner Wallander-Serie lässt
Mankell seinen Helden zum Schluss der Alzheimer-Krankheit zum Opfer
fallen und wirft so noch einen tragischen Schatten
auf die letzten Zeilen. Das Buch ist im Zsolnay-Verlag erschienen und kostet 26 Euro. Frank Raudszus |
|