Henning Mankell: "Der Feind im Schatten"

                                                                    
 Juli 2010 Ein Spionageroman mit voraussehbarem Ausgang
 
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BuchumschlagDie Leser Mankellscher Kriminalromane kennen den Autor als engagierten Schriftsteller, der mit jedem Roman eine gesellschaftspolitische Kritik verbindet und dabei eindeutig Stellung bezieht. Das macht ihn einerseits sympathisch und authentisch, andererseits aber auch anfällig für eine ideologische Sicht der Verhältnisse bis hin zur Anpassung der - fiktiven - Realität an seine Weltsicht. So prangert er in seinen Büchern gerne die moralische Verwahrlosung der (schwedischen) Oberschicht bis hin zur kriminellen sexuellen Perversion an, ohne dass dafür handfeste Belege in Form entsprechender Skandale oder Prozesse über das Maß der alltäglichen Normabweichungen hinaus vorliegen. Will sagen, er schildert mögliche moralische Verkommenheit, als sei sie schwedischer Alltag und nicht nur Beschwörung der eigenen Sorge um den Zustand der Gesellschaft.

Auch im vorliegenden Roman setzt er die Möglichkeitsform weitgehend als Spiegel der Realität ein. Es geht um einen pensionierten Marineoffizier, der plötzlich verschwindet. Da er der "Schwiegervater in spe" von Kommissar Wallanders Tochter ist, weckt sein Verschwinden dessen berufliches Interesse, und Mankells "Held" macht sich sozusagen außer- oder nebendienstlich an die Lösung dieses Falles. Als nach wenigen Tagen die Ehefrau des Verschwundenen tot aufgefunden wird, scheint der Fall zumindest halbwegs geklärt. Die Frau hat sich offensichtlich das Leben mit Schlaftabletten genommen und trug außerdem noch geheime Militärdokumente in ihrer Tasche. Sie wird als Spionin der Russen identifiziert und ihr Mann für tot gehalten, da er offensichtlich hinter ihre geheime Nebentätigkeit gekommen ist. Soweit die offizielle Interpretation, an die Wallander natürlich aufgrund der nicht stimmigen Umgebungsbedingungen und seiner Intuition nicht glaubt.

Nach langwierigen Recherchen, die er nur teilweise im Rahmen seiner dienstlichen Obliegenheiten durchführen kann, kommt Wallander dem wahren Sachverhalt schließlich auf die Spur und konfrontiert den verschwundenen ehemaligen Marineoffizier in seinem Versteck mit der Wahrheit. Da diese mittlerweile den meisten Lesern aufgrund anderer Rezensionen oder eigener Lektüre bekannt sein dürfte, brauchen wir sie hier nicht zu verschweigen: der pensionierte Offizier war selbst über Jahrzehnte als Spion tätig, aber nicht für die Sowjets bzw. Russen sondern für die USA. Seine Frau ist ihm auf die Schliche gekommen und musste eliminiert werden, nachdem ihr Mann in ein sicheres Versteck gebracht worden war. Man hat ihre Leiche dann praktischerweise als russische Spionin präpariert. Die Erzählzeit spielt im Jahr 2008, und die Zeiten der aktiven Spionage reichen zurück bis in die siebziger Jahre.

Wer Mankell kennt, merkt bei der Lektüre bald, dass der Autor hier das uralte Klischee - ob unberechtigt oder nicht - des bösen Sowjetspions aufnimmt und es umdreht. Schon zur Mitte des Buches nimmt der Hinweis auf die Sowjetunion derart viel Raum ein, dass man als Leser bereits an dieser Lösung zweifelt und auf die Gegenseite tippt. Nun gab es in der Vergangenheit tatsächlich handfeste Beweise nur für Spionageaktivitäten der Sowjets, so den schwedischen Oberst  Wennerström, den Mankell ehrlicherweise auch geschickt als Beispiel dieser Ost-West-Sichtweise in sein Buch integriert, oder das in schwedischen Hoheitsgewässern festgekommene U-Boot der sowjetischen Marine, dessen Kommandant angeblich im volltrunkenen Zustand vom Kurs abgekommen war. Spektakuläre Spionagefälle für den Westen gab es nicht, und das aus guten Gründen: zwar war Schweden nicht in der NATO, fühlte sich aber dem "freien" Westen zugehörig und tauschte sich offiziell auf bilateraler Basis mit einzelnen westlichen Staaten aus, so auch mit den USA. Diese hatten also keinen Grund, einen Spion tief im Herzen des schwedischen Militärs anzuheuern, wenn sie die meisten sie interessierenden Informationen auf offiziellem Wege - oder aus der freien Presse - erlangen konnte.

Mankell jedoch baut zwecks Abbau der alten Vorurteile - "böse" Russen, "gute "Amis" - ein Szenario auf, das vorne und hinten nicht stimmt. Dabei merkt man auch, dass er keine eigenen Erfahrung mit dem Militär und schon gar nicht mit der Marine hat, denn es unterlaufen ihm verschiedene gravierende Fehler, die letztlich die Logik seines Romans an absurdum führen.

Fangen wir mit den kleineren Fehlern an: Der Protagonist bekleidete zuletzt den Rang eines Korvettenkapitäns. Angeblich ist er wegen einer Umgehung des Dienstweges anlässlich eines persönlichen Gesprächs mit Regierungschef Olof Palme in Ungnade gefallen und nicht weiter befördert worden. Zu diesem Zeitpunkt - 1982 - ist er jedoch bereits knapp fünfzig Jahre alt und damit weit jenseits des typischen Alters dieses Dienstgrades. Wer als Stabsoffizier mit fünfzig noch Korvettenkapitän ist, trinkt, ist unfähig oder hat diverse Disziplinarstrafen auf dem Kerbholz. Ein so integrer und befähigter Offizier, wie ihn Mankell bis zu diesem Zeitpunkt beschreibt, wäre unter Umständen sogar bereits Admiral, und an einer Textstelle schreibt ihm Mankell in einem Nebensatz auch genau diesen Dienstgrad zu. Außerdem spricht Mankell von einer hohen Stellung und zentralen Funktionen seines Protagonisten. Ein fünfzigjähriger Korvettenkapitän passt nicht in dieses Bild.

Doch das sind nur lässliche Ungenauigkeiten, wenn auch symptomatisch. Es stellt sich nämlich die Frage, was dieser Offizier für die USA hätte ausspionieren sollen. Angeblich geht es um technische Innovationen, doch bei aller Wertschätzung für die schwedische Wehrindustrie muss man feststellen, dass die Waffenentwicklung - vor allem in der Marine - seit einem halben Jahrhundert von den USA dominiert und bestimmt wird. Deren Interesse galt während des Kalten Krieges einzig und allein der technologischen Entwicklung in der Sowjetunion, zu Neuigkeiten aus westlichen Ländern, so sie überhaupt von Interesse waren, hatte man einfacheren Zugang über normale Kanäle oder ganz einfach als Kunde der schwedischen Waffenindustrie. Wohl aus diesem Grund fällt Mankell ein geheimes Horchgerät ein, das die USA angeblich für das Abhören sowjetischer Unterseekabel im Pazifik entwickelt hatten und mit dem sie - natürlich heimlich - ein sowjetisches Unterseekabel in der Ostsee abhören wollen. Abgesehen von den technischen und praktischen Schwierigkeiten, die ein solches Gerät in den frühen achtziger Jahren unwahrscheinlich escheinen lassen, tauchen in der Umgebung der Ostsee andere Fragen auf. Mankell unterstellt zumindest unterschwellig, dass die USA mit Hilfe des Spions mit einem solchen Gerät sowjetische Kabel in der Ostsee abgehört haben. Dies wirft jedoch die Frage auf, wieso die Sowjets ihre Kabel nicht innerhalb ihrer eigenen Hoheitsgewässer ausgelegt haben - schließlich wollten sie über das Kabel mit den anderen Ostsee-Anrainern des Warschauer Paktes kommunizieren. Warum sollten sie dieses Kabel in einer Region verlegen, in der die schwedische Marine und sogar einfache Fischer ungehindert verkehren können? Mankell baut das von einem Fischer versehentlich aus dem Grund gerissene und entwendete Gerät zu einem potentiellen Spionage-Gegenstand auf, von dem niemand wissen darf, lässt jedoch andererseits die schwedische Marine offiziell danach suchen. Was hat bei einem so offiziellen Vorgang dann noch ein Spion zu tun?

Kurz, Mankell bleibt den Grund für die langjährige Spionagetätigkeit seines Negativhelden schuldig. Zwar schwadroniert er geheimnisvoll von U-Booten der NATO, die heimlich in schwedischen Gewässern herumkurven, nur was sollten diese in den gefährlichen Gewässern der schwedischen Schären zu suchen haben? Diese Frage lässt sich für sowjetische Boote viel leichter beantworten, weil es in diesem Fall darum ging, Zugangswege und Schutzvorrichtungen für eine eventuelle Invasion Schwedens auszukundschaften. Denn aufgrund der Neutralität Schwedens war dies stets eine Option für die Sowjetunion, um sich näher an die Nordsee und den Atlantik heranzutasten. Warum sie diese Option - glücklicherweise! - nicht in die Tat umsetzten, ist eine andere Frage. Das auf Grund gelaufene sowjetische U-Boot jedenfalls spricht nicht gerade für intensive Spionageaktivitäten der USA.

So bleibt am Schluss ein Spion, der nichts für die USA auskundschaften konnte. Offensichtlich auch deshalb lässt Mankell ihn durch enttäuschte Freundeshand sterben, ehe er den Behörden und damit der Öffentlichkeit Details seiner Tätigkeit schildern konnte. Natürlich muss Mankell diesen literarischen Trick auch deswegen anwenden, weil er sonst die Fiktion eines öffentlichen Spionageskandals mit den USA als Hintergrund hätte aufbauen müssen, die letztlich keinerlei konkreten Bezug zur Realität hätte aufweisen können. Aber auch die detaillierte Schilderung der Motive der USA und der auszuspionierenden Ziele hätte Mankell sicherlich in Bedrängnis gebracht. Da ist es doch besser, den treulosen Verräter schnell sterben zu lassen.

Abgesehen von diesen logischen Schwächen sind dem Roman jedoch sein spannunsgreicher Handlungsablauf und seine überzeugende Darstellung der Personen zugute zu halten. Alle Charaktere sind durchweg glaubwürdig und als Menschen mit Stärken und Schwächen dargestellt. Im Mittelpunkt steht dabei ein alternder Wallander, der unter der Einsamkeit und der Angst vor dem Alter leidet. Zum endgültigen Abschluss seiner Wallander-Serie lässt Mankell seinen Helden zum Schluss der Alzheimer-Krankheit zum Opfer fallen und wirft so noch einen tragischen Schatten auf die letzten Zeilen.

Das Buch ist im Zsolnay-Verlag erschienen und kostet 26 Euro.

Frank Raudszus

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