Hans Joachim Schädlich:"Kokoschkins Reise"

                                                                    
 Juli 2010 Ein etwas zielloser Versuch eines Schnelldurchgang durch das letzte Jahrhundert
 

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BuchumschlagDas letzte Jahrhundert mit seinen Schrecken und Umbrüchen verlockt Schriftsteller immer wieder dazu, ein literarisches Panorama dieser Epoche zu schaffen, das möglichst vom Kaiserreich deutscher oder russischer Provenienz bis zum Irak-Krieg eines George W. Bush reicht. Der Traum vom Jahrhundertroman scheint in den Köpfen vieler Autoren zu stecken und auf seine Realisierung zu warten. Will man den Familienroman meiden, der schnell die Züge der Kolportage annimmt, so steht man dabei vor dem Problem, dass ein Menschenleben diese Spanne kaum noch glaubwürdig überbrücken kann. Das haben bereits einschlägige Romane aus den neunziger Jahren über die Täter des Dritten Reiches gezeigt, die sich mit dem Problem konfrontiert sahen, greise Täter und Opfer als glaubwürdige Protagonisten auftreten zu lassen.

Auch Hans Joachim Schädlich steht in seinem Roman "Kokoschkins Reise" vor diesem Problem, will er doch tatsächlich die letzten achtzig Jahre anhand der Rückschau seiner Hauptperson wieder aufleben lassen. Kokoschkin ist in den Wirren der zwanziger Jahre mit seiner Mutter aus dem nachrevolutionären sowjetischen Terror-Regime nach Berlin geflohen, nachdem die Machthaber seinen gemäßigten Vater umgebracht haben. Dort lebt er unter ärmlichsten Bedingungen und muss Mitte der Dreißiger als russischer Jude schon wieder um sein Leben fürchten. Über Freunde gelangt er in die USA und an ein Stipendium, während seine Mutter anderen Emigranten nach Paris folgt und dort auch bis zu ihrem Tode bleibt.

Diese Geschichte erzählt Kokoschkin einem tschechischen Freund, den er einst im "Prager Frühling" des Jahres 1968 kennengelernt hat und mit dem er im Jahr 2005- als etwa Neunzigjähriger - die Stätten seiner Jugend in Europa bereist. Das Buch spielt auf mehreren Zeitebenen, die der Autor derart mischt, dass sich die zeitliche Zuordnung bisweilen etwas schwierig gestaltet.  Mal befindet sich Kokoschkin auf dem Schiff zurück in die USA, dann wieder im Berlin oder Petersburg wenige Wochen davor, oder die Erzählung führt in die dreißiger Jahre ins vor- und frühnazistische Deutschland. Vor allem die Szenen der aktuellen Zeitebene springen nahezu wahllos zwischen Zeiten und Orten hin und her, während die Rückblicke in die Vergangenheit etwas homogener wirken.

Schädlichs Versuch, ein Jahrhundert aus der Sicht eines Betroffenen zu portraitieren, kann den hohen Anspruch literarisch nicht adäquat umsetzen. Schließlich kommen auf knapp 190 Seiten das bolschewistische Sowjetsystem und das Dritte Reich jeweils mit  ihrer systematischen Verfolgung Andersdenkender und vor allem der Juden sowie die Zeit des Kalten Krieges und die aktuelle weltpolitische und gesellschaftliche Situation zur Sprache. Da können all diese Themen, die einzeln für sich schon ganze Bücherwände füllen, nur angerissen und gesprächsweise erörtert werden. Zudem lassen die große zeitliche Distanz und das Alter des Protagonisten die Ereignisse im Nebel des Ungefähren und "längst Vergangenen" verschwinden und marginalisieren sie damit - sicher ungewollt. Wenn Kokoschkin seinem Freund Hlavacek von Verfolgung und Gefahr berichtet, liest sich das stets fast beiläufig und wie von den Mühlen der Zeit zu kleinem Schrot zermahlen. Man hat den Eindruck, dass die damaligen Ereignisse den an der letzten Schwelle seines Lebens stehenden Kokoschkin im Grunde genommen nicht mehr berühren. Genauso wenig wie die Abendunterhaltungen an seinem Tisch auf dem Schiff, die sich um lächerliche Fragen der "political correctness" und des guten Benehmens drehen und denen er gern zu einem Drink an der Bar ausweicht. Autobiographisch kann diese Haltung nicht gemeint sein, denn zwischen dem Autor, Jahrgang 1935, und seiner Hauptperson klaffen immerhin etwa zwanzig Jahre. Zwar ist Schädlich in der DDR aufgewachsen und kann daher das Leben des Kokoschkin in gewisser Weise nachempfinden, doch bei allen berechtigten Vorbehalten gegenüber dem System der DDR besteht doch immer noch ein grundsätzlicher Unterschied zu den Terror-Regimes Stalins und Hitlers. Einen Schlüsselroman kann man also guten Gewissens verneinen.

Damit bleibt von der Odyssee des Fjodor Kokoschkin mit all ihren tödlichen Gefahren eine "Rundreise" durch die neuere europäische Geschichte, die in ihrer Beliebigkeit an das vielzitierte "Europe in five days" japanischer Reisegruppen erinnert.  Die wahre Brutalität und der tödliche Schrecken der politischen Extreme des frühen zwanzigsten Jahrhunderts kommen dabei nie zum Ausdruck, vor allem, da der Protagonist und seine Mutter mehrfach durch Glück und dank freundlicher Unterstützung überleben oder sogar Karriere machen. Am Ende fragt man sich, welche Botschaft der Autor durch sein "Glückskind" Kokoschkin transportieren will, wenn er denn überhaupt diesen Anspruch erhebt. Das letztlich erfolgreiche Leben des Protagonisten könnte man fast als Hommage an "die beste aller möglichen Welten" oder an die USA als Retter auffassen, und falls der Autor mit dieser Biografie keine gültige Aussage verbindet, dann muss man diese Geschichte als ausdrücklich nicht repräsentativen, individuellen Lebensbericht eines Menschen betrachten, der mehreren Unrechtsystemen mit etwas Glück und Protektion rechtzeitig entfliehen konnte.

Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 978-3-498-06401-3 erschienen und kostet 17,95 Euro.

Frank Raudszus



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