| Hans Joachim Schädlich:"Kokoschkins Reise" |
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Ein etwas
zielloser Versuch eines Schnelldurchgang durch das letzte Jahrhundert |
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Auch
Hans
Joachim
Schädlich steht in seinem Roman "Kokoschkins Reise"
vor diesem Problem, will er doch tatsächlich die letzten achtzig
Jahre anhand der Rückschau seiner Hauptperson wieder aufleben
lassen. Kokoschkin ist in den Wirren der zwanziger Jahre mit seiner
Mutter aus dem nachrevolutionären sowjetischen Terror-Regime nach
Berlin geflohen, nachdem die Machthaber seinen gemäßigten
Vater umgebracht haben. Dort lebt er unter ärmlichsten Bedingungen
und muss Mitte der Dreißiger als russischer Jude schon wieder um
sein Leben fürchten. Über Freunde gelangt er in die USA und
an ein Stipendium, während seine Mutter anderen Emigranten nach
Paris folgt und dort auch bis zu ihrem Tode bleibt. Diese
Geschichte
erzählt
Kokoschkin einem tschechischen Freund, den er
einst im "Prager Frühling" des Jahres 1968 kennengelernt hat und
mit dem er im Jahr 2005- als etwa Neunzigjähriger - die
Stätten seiner Jugend in Europa bereist. Das Buch spielt auf
mehreren Zeitebenen, die der Autor derart mischt, dass sich die
zeitliche Zuordnung bisweilen etwas schwierig gestaltet. Mal
befindet sich Kokoschkin auf dem Schiff zurück in die USA, dann
wieder im Berlin oder Petersburg wenige Wochen davor, oder die
Erzählung führt in die dreißiger Jahre ins vor- und
frühnazistische Deutschland. Vor allem die Szenen der aktuellen
Zeitebene springen nahezu wahllos zwischen Zeiten und Orten hin und
her, während die Rückblicke in die Vergangenheit etwas
homogener wirken. Schädlichs
Versuch,
ein
Jahrhundert aus der Sicht eines Betroffenen zu
portraitieren, kann den hohen Anspruch literarisch nicht adäquat
umsetzen. Schließlich kommen auf knapp 190 Seiten das
bolschewistische Sowjetsystem und das Dritte Reich jeweils mit
ihrer systematischen Verfolgung Andersdenkender und vor allem der Juden
sowie die Zeit des Kalten Krieges und die aktuelle weltpolitische und
gesellschaftliche Situation zur Sprache. Da können all diese
Themen, die einzeln für sich schon ganze Bücherwände
füllen, nur angerissen und gesprächsweise erörtert
werden. Zudem lassen die große zeitliche Distanz und das Alter
des Protagonisten die Ereignisse im Nebel des Ungefähren und
"längst Vergangenen" verschwinden und marginalisieren sie damit -
sicher ungewollt. Wenn Kokoschkin seinem Freund Hlavacek von Verfolgung
und Gefahr berichtet, liest sich das stets fast beiläufig und wie
von den Mühlen der Zeit zu kleinem Schrot zermahlen. Man hat den
Eindruck, dass die damaligen Ereignisse den an der letzten Schwelle
seines Lebens stehenden Kokoschkin im Grunde genommen nicht mehr
berühren. Genauso wenig wie die Abendunterhaltungen an seinem
Tisch auf dem Schiff, die sich um lächerliche Fragen der
"political correctness" und des guten Benehmens drehen und denen er
gern zu einem Drink an der Bar ausweicht. Autobiographisch kann diese
Haltung nicht gemeint sein, denn zwischen dem Autor, Jahrgang 1935, und
seiner Hauptperson klaffen immerhin etwa zwanzig Jahre. Zwar ist
Schädlich in der DDR aufgewachsen und kann daher das Leben des
Kokoschkin in gewisser Weise nachempfinden, doch bei allen berechtigten
Vorbehalten gegenüber dem System der DDR besteht doch immer noch
ein grundsätzlicher Unterschied zu den Terror-Regimes Stalins und
Hitlers. Einen Schlüsselroman kann man also guten Gewissens
verneinen. Damit
bleibt
von
der Odyssee des Fjodor Kokoschkin mit all ihren
tödlichen Gefahren eine "Rundreise" durch die neuere
europäische Geschichte, die in ihrer Beliebigkeit an das
vielzitierte "Europe in five days" japanischer Reisegruppen
erinnert. Die wahre Brutalität und der tödliche
Schrecken der politischen Extreme des frühen zwanzigsten
Jahrhunderts kommen dabei nie zum Ausdruck, vor allem, da der
Protagonist und seine Mutter mehrfach durch Glück und dank
freundlicher Unterstützung überleben oder sogar Karriere
machen. Am Ende fragt man sich, welche Botschaft der Autor durch sein
"Glückskind" Kokoschkin transportieren will, wenn er denn
überhaupt diesen Anspruch erhebt. Das letztlich erfolgreiche Leben
des Protagonisten könnte man fast als Hommage an "die beste aller
möglichen Welten" oder an die USA als Retter auffassen, und falls
der Autor mit dieser Biografie keine gültige Aussage verbindet,
dann muss man diese Geschichte als ausdrücklich nicht
repräsentativen, individuellen Lebensbericht eines Menschen
betrachten, der mehreren Unrechtsystemen mit etwas Glück und
Protektion rechtzeitig entfliehen konnte. Das Buch ist im Rowohlt-Verlag unter der ISBN 978-3-498-06401-3 erschienen und kostet 17,95 Euro. Frank Raudszus |
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