Maximilian Steinbeis:"Pascolini"

                                                                    
 Juli 2010 Eine bayerische Räuber- und Gesellschaftssatire der frühen Nachkriegszeit
 
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BuchumschlagDie Bayern "tickten" schon immer ein wenig anders und betrachten sich mehr als Bürger des Freistaats denn als Deutsche. Das ist - wenn auch meist auf frotzelndem Niveau - allgemein bekannt und wird auch weitgehend akzeptiert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges sahen bayerische Monarchisten und Partikularisten verschiedener Couleur jedoch die realistische Chance, sich vom verhassten und nun nicht mehr existenten preußischen Joch zu befreien und Bayern zu einem wahrhaft unabhängigen Staat zu machen. In dieser Zeit und im traditionell rückständigen Oberbayern siedelt der Autor seinen Roman an, den man am ehesten als eine Volkssatire mit humoristischen Vordergrund und bitterernstem Hintergrund bezeichnen kann.

Die Lektüre weckt bereits nach wenigen Seiten Assoziationen an die Romane Leon Feuchtwangers, in denen dieser die bayerische Mentalität und den typischen politischen und gesellschaftlichen Filz seiner Zeit schildert. Doch während es bei Feuchtwanger meist um Politik von der Kommune bis zum Land sowie um gesellschaftliche Rituale und menschliche Schwächen geht, die das katastrophale Ende nur andeuten, lässt Steinbeis in seinem Roman den Tod reiche Ernte einfahren. Mit fast kabarettistischer Beiläufigkeit erwähnt er Attentate schrecklichen Ausmaßes mit toten Frauen und Kindern oder lässt sich die bayerischen Widersacher mit fast sportlicher Gelassenheit gegenseitig umbringen. Und wenn dann wieder ein Katholik oder "Evangelischer" eines grässlichen Todes gestorben ist, sind die Bürger eher parteipolitisch empört denn menschlich betroffen. Ein Menschenleben gilt hier grundsätzlich wenig, frei nach dem Motto "Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen". Und die Rache folgt nie aus dem verwundeten Herzen eines Angehörigen sondern aus dem verletzten Ehrgefühl der Kumpane des Verschiedenen. Auch die Polizei ist bei Steinbeis nur eine Partei unter mehreren, und das nicht etwa unbewusst, sondern im vollen Bewusstsein ihrer Parteilichkeit. Polizist und Anarchist kennen sich gegenseitig gut, trinken auch gerne mal ein Bier zusammen, bringen sich aber bei nächster Gelegenheit ebenso gerne gegenseitig um. Diese Eigenart des Romans erinnert an Grimmelshausens "Simplicissimus", der dem unverständlichen Grauen seiner Zeit ebenfalls nur noch mit schwärzestem Galgenhumor und vorgetäuschter Naivität begegnen kann.

Im Fahrwasser dieser beiden am Horizont noch erkennbaren literarischen Vorbilder erzählt Steinbeis in der Person der ich-erzählenden Camilla, was sich in dem verlassenen Flecken Ettengrub kurz nach dem Krieg ereignet hat. Hier lebt die Familie des Professors Friedmann mit seiner gastfreundlichen Frau und den beiden Töchtern Marina und Camilla, und in ihrem Haus gehen die seltsamsten Kostgänger ein und aus, das heißt, sie gehen mehr ein als aus, denn sie verlassen das gastliche Haus ungern. Dass die großzügige Gastgeberin - der Hausherr ist zu Beginn der Geschichte bereits Geschichte - dabei auch fragwürdige Personen beherbergt, liegt auf der Hand.

Das wesentliche Konfliktpotential besteht neben den Autonomiebestrebungen ominöser Untergrundbewegungen im wesentlichen in dem Gegensatz zwischen alteingesessenen Katholiken und zugereisten - oder -geflüchteten - "Evangelischen". Dabei berufen sich die hauptsächlich aus einfachen Schichten stammenden Katholiken auf althergebrachte Traditionen, während die evangelischen Neulinge überwiegend die Staatsgewalt und die Geschäftswelt repräsentieren. Dass die katholische Kirche in diesem Dauerkonflikt nicht nur aus dem Hintergrund kräftig mitmischt, versteht sich von selbst.

Im Mittelpunkt der Handlung steht der "Ur-Bayer" Mathias Pascolini, Abkömmling einer geschäftstüchtigen Gastronomenfamilie und Sohn eines ehemaligen SS-Offiziers. Als Kopf einer Schmugglerbande an der damals noch existierenden österreichischen Grenze erhöht er nicht nur das Einkommen des mütterlichen Gasthofes sondern erwirbt sich auch beim einfachen Volk den Ruf eines bayerischen Robin Hood und wird als "Hiasl" dank verschiedener gescheiterter polizeilicher Zugriffe zu einer lokalen Legende. Maximilian Steinbeis schildert das bewegte Leben dieses so unerschrockenen wie rechtsfernen Mannsbildes mit einem tüchtigen Schuss Humor, der, wie bereits gesagt, an Grimmelhausens "Simplicissimus" erinnert und bei dem Mord und Totschlag  zu pittoresken Randerscheinungen einer aus dem Ruder gelaufenen Zeit gehören. Interpretiert man diesen "leichtfüßigen" Umgang mit dem Tod mehr von einer satirisch-literarischen denn von einer moralisch-ethischen Seite, so entwickelt dieses Buch eine volkstümliche, ja fast anarchische Qualität und entlarvt mit seiner "Großzügigkeit" gegenüber dem Tabu den Zustand der damaligen Zeit und Gesellschaft.

Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN 978-3-351-03296-8 erschienen und kostet 19,95 Euro.

Frank Raudszus

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