Christa Wolf: "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud"

                                                                    
 August 2010 Eine Bestandsaufnahme eines Lebens in der DDR aus kalifornischer Perspektive
 
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BuchumschlagChrista Wolf, Jahrgang 1929, hat bis zur sogenannten "Wende" in der DDR gelebt und publiziert. Nach der Ausbürgerung Wolfgang Biermanns im Jahr 1976 hat sie sich energisch gegen diese Maßnahme gewandt und sich auch danach des Öfteren kritisch über das Regime geäußert. Daher galt sie im Westen in den letzten Jahren vor dem Umbruch als "gefühlte" Dissidentin, bis Anfang der neunziger Jahre neben ihrer "Opfer"-Akte der Stasi auch eine alte "IM-Akte" auftauchte. Objektive Zeitzeugen haben schon damals auf den frühen Zeitpunkt dieses Vorgangs und seine eher zweitrangige Bedeutung hingewiesen, doch interessierte Kreise haben diesen unerwarteten Fund natürlich medial ausgeschlachtet, da Christa Wolf aus ihrer Sympathie für die Idee des Sozialismus nie einen Hehl gemacht hatte. Mit dieser Situation sah sich die Schriftstellerin in den frühen Neunzigern unerwartet konfrontiert, und sie hat diese Erfahrung in dem vorliegenden Roman verarbeitet.

Der Ausgangspunkt des Buches entbehrt nicht einer gewissen politischen und ideologischen Pikanterie. Christa Wolf erhielt Anfang der Neunziger ein Stipendium für einen etwa einjährigen Studienaufenthalt in einer kalifornischen Literaturstiftung. Die Zusage mutet angesichts ihrer sozialistischen und Kapitalismus- und USA-kritischen Grundeinstellung etwas seltsam an, da diese Einladung nicht nur eine Ehrung durch den früheren Klassenfeind bedeutete sondern auch mit deutlichen finanziellen Vorteilen verbunden war. Sie entschied sich jedoch dafür und zog denn auch mit einem Fundus literarisch-politischen Materials früherer amerika-kritischer Emigranten von Bertold Brecht bis Thomas Mann nach Santa Monica.

Das Buch beginnt mit der eher skeptischen und distanzierten Ankunft in einem großzügigen Appartement in Santa Monica und beschreibt den Aufenthalt in Form eines Romans. Die Autorin hätte daraus zwar auch eine Dokumentation machen können, doch aus Gründen der literarischen Freiheit hat sie sich für die Fiktion entschieden. Dazu musste sie zwar die Personen ihrer neuen Umgebung weitgehend unkenntlich machen opder verfremden, hatte dafür jedoch die Möglichkeit, ihre Eindrücke ohne Einschränkungen zu beachtender Persönlichkeitsrechte oder gar juristischer Nachhutgefechte aus ihrer Sicht zu beschreiben. Für Teilnehmer dieser Literaten- und Wissenschaftlerrunde aus verschiedenen Ländern mag es durchaus aufschlussreich und eventuell unangenehm sein, sich oder andere wiederzuerkennen, doch für den unbefangenen Leser spielt das eine untergeordnete Rolle. Von der ersten Seite wird klar, dass es sich hier um einen autobiographischen Bericht mit sehr konkreten und wohl auch "realistischen" Charakterdarstellungen handelt.

Zwei Stellen spielen in diesem Roman eine zentrale Rolle: die erste (S. 156) ist das Gedicht des Barockdichters Paul Fleming:

Sei dennoch unverzagt, gib dennoch unverloren,
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
Vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
Hat sich gleich wieder dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Die zweite Stelle fällt eher dem Leser als zentraler Punkt ins Auge als dass Christa Wolf ihn so sehen würde, sie zeigt aber unverfälscht die Weltanschauung der Autorin und hängt darüber hinaus eng mit dem obigen Gedicht zusammen. Auf Seite 168 schreibt sie ohne jegliche Ironie oder große Geste, fast beiläufig den Satz "Nach dem Scheitern der Volkserhebung vom Herbst 1989, die kein Programm hatte....". Wohlgemerkt, hier hat kein Druckfehler aus dem 17. Juni 1953 den Herbst 1989 gemacht, sondern gerade die Beiläufigkeit zeigt, dass die Autorin diese Feststellung wie eine Selbstverständlichkeit aus tiefstem Herzen trifft. Nun wissen wir, dass gewisse Kreise in der Bürgerrechtsbewegung damals durchaus eine eigenständige DDR im Gewande eines aufgeklärten, demokratischen Sozialismus als Ziel verfolgten. Ob diese Vorstellung realistisch war, sei dahingestellt, legitim und nachvollziehbar war sie durchaus, denn der Sozialismus verfolgt als Idee unbestritten menschenwürdige Ziele. Wenn jemand jedoch die gewaltlose Absetzung und Vertreibung eines despotischen Regimes und die Tatsache der Wiedervereinigung - man kann es durchaus auch "Eingemeindung" der DDR in die BRD nennen - schon als "Scheitern" bezeichnet, wirft das ein nicht nur erhellendes sondern geradezu grelles Licht auf die Grundeinstellung der Verfasserin. Die ganz alltägliche Freiheit des Einzelnen von Unterdrückung - von der Reisefreiheit bis zur freien Meinungsäußerung - ist für sie offensichtlich zweitrangig gegenüber der Aufgabe der Utopie. Doch mit Argumenten ist der Autorin nicht beizukommen, da sie nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Arbeit erhebt. Sie muss dieses "Scheitern" nicht historisch, politisch oder gar ethisch-moralisch begründen, sie stellt es als Autorin einfach fest und lässt die Leser mit diesem Satz allein.

Der Bezug zu dem obigen Gedicht liegt darin, dass sich Christa Wolf in die innere Emigration der unverstandenen Visionärin zurückzieht. Dinge wie Neid und die hässliche Umstände, die sich gegen sie "verschworen" haben, lässt sie an sich abtropfen und zieht sich im Wissen um den Besitz der "reinen Wahrheit" auf sich selbst zurück. Auch diese "Wahrheit", sprich die Ausgestaltung und Stabilisierung eines demokratisch-sozialistischen Staates DDR in der harten weltpolitischen Realität, braucht sie in einem Roman nicht zu begründen und tut es auch nicht. Sie gehört zu den von dem nach westlichem Konsum gierenden Volk der DDR Verratenen, und an einer anderen Stelle erwähnt sie diese Entscheidung für den Konsum in eindeutig abwertendem Ton.

Christa Wolf hat ihren Roman in drei miteinander verzahnten Geschichten strukturiert: da ist einmal die Schilderung ihres Aufenthalts in Kalifornien, die Beschreibung der Stadt und ihrer Bevölkerung, ihrer neuen Kollegen und ihrer Aktivitäten rund um Los Angeles. Parallel dazu beschreibt sie die Suche nach einer ehemaligen Emigrantin, die mit einer mittlerweile verstorbenen Freundin der Autorin einen langen Briefwechsel geführt hat und nur als "L." bekannt ist. Dieses Vorhaben dient offiziell als Zweck ihres Arbeitsaufenthalt in Kalifornien, im Roman dient es ihr jedoch dazu, die Zeit des Dritten Reiches und der Emigranten wieder aufleben zu lassen. In diesem Kontext zitiert sie ausgiebig Brecht, der ebenfalls im kapitalistischen Feindesland Schutz vor den braunen Machthabern fand und seine Beschützer später aus der DDR ideologisch bekämpfte. Wichtiger wird ihr jedoch Sigmund Freud, dessen Mantel - "Overcoat" - In Form einer Anekdote ins Spiel kommt und dann für Christa Wolf geradezu mythologische Züge annimmt. Mit diesem Mantel hat Freud sein Inneres bedeckt und versteckt, und dieses Bild wendet die Autorin mehr und mehr auch für sich an. Bisweilen muss man den Mantel umdrehen - das Innere nach außen wenden und alles umkrempeln -, dann dient er wieder dazu, das eigene Innere vor dem Zugriff der äußeren Welt zu schützen. In den Briefen der "L.", die Christa Wolf ausgiebig zitiert, kommen sowohl das Entsetzen über die Entwicklung im Dritten Reich als auch die Enttäuschung über das Leben in der - kapitalistischen - Emigration zum Ausdruck. Zumindest implizit und zwischen den Zeilen nimmt Christa Wolf in diesen Passagen die Haltung des politisch definierten und damit endgültig von aller Vergangenheit gereinigten Antifaschismus der DDR ein. Als ehemalige DDR-Bürgerin gehört sie automatisch zu den Antifaschisten und kann andere Systeme wie die Bundesrepublik als "neutrale Unbeteiligte" von außen betrachten.

Die dritte Geschichte betrifft ihre angebliche "Entlarvung" als Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) der Stasi. Mitten während ihres Aufenthalts in den USA erfährt sie davon und von der Medien-Kampagne in Deutschland gegen sie. Sie ist anfangs völlig verstört und fühlt sich zutiefst ungerecht behandelt. Das ist nachvollziehbar, da die Akte wohl auf wenigen Gesprächen zwischen Christa Wolf und der Stasi im Jahr 1959 beruhte und danach keine bedeutenden Kontakte mehr bestanden. Doch Christa Wolf geht nach einiger Zeit des Destabilisierung mit sich selbst ins Gericht und fragt sich, warum sie diesen Vorfall vergessen konnte (sie hatte ihn auch nach der Wende nicht von sich aus gemeldet). Man könnte ihr ein gezieltes "Vergessen" à la Günter Grass unterstellen, doch das wäre wohl eher unangebracht. Sie hat diesen Vorfall wohl tatsächlich vergessen. Doch ihre Selbsterforschung bis in die tiefsten Winkel ihrer Seele und Erinnerung beschäftigt sich weniger mit der Bedeutung eines eventuellen IM-Status, sondern mehr mit sich selbst. Eine gewisse Larmoyanz auf hohem Niveau ist nicht zu verkennen. Sie gesteht mit einer gewissen "Großherzigkeit" den eigenen Fehler ein, nicht jedoch ohne dieses Eingeständnis sofort mit einer heftigen Kritik am westlichen "way of life" zu verbinden, als wäre dieser unterschwellig der Grund für ihren "Fehler" (gewesen). Dass diese Kritik am Westen im übertragenen Sinne aus einem kalifornischen "Edelrestaurant" kommt, mutet ein wenig seltsam an.

Christa Wolf steht zu ihrer sozialistischen Grundeinstallung, was per se nicht zu beanstanden ist. Bei ihrer Rückschau auf ihr Leben fällt jedoch auf, dass sie der DDR relativ lange aktiv "die Stange hielt". So fand sie seinerzeit den Aufstand der Arbeiter am 17.Juni 1953 unverständlich und schlug sich mit Parteiabzeichen an der Brust stolz auf die Seite des Staates, was man im Alter von knapp 24 Jahren noch nachvollziehen kann. Zu späteren einschneidenden Ereignissen äußerst sie sich in ihrer Rückschau jedoch so gut wie gar nicht. Den Mauerbau 1961 - sie war immerhin schon 31 Jahre alt - erwähnt sie, wenn überhaupt, nur als Zeitmarke ("vor" bzw. "nach dem Mauerbau"), erspart sich jedoch jeglichen weiteren Kommentar. Das Gleiche gilt für Schießbefehl, Mauertote, Schauprozesse, Bespitzelung und was der "Betreuungsaktivitäten" der DDR-Regierung noch mehr waren. Statt diese bedrückenden Erfahrungen im Roman zu verarbeiten oder aus irgendeiner politischen oder gesellschaftlichen Perspektive zu begründen, ignoriert sie sie einfach. Die eigene Befindlichkeit, die Idiosynkrasien ihrer Psyche und ihre (Alb-)Träume breiten sich wie der "Overcoat of Dr. Freud" über alle Ereignisse und Tatsachen aus, die sich mit ihrer Utopie nicht vereinbaren lassen. Besonders ihre eigenen Träume - Dr. Freud lässt grüßen! - spielen immer wieder eine wesentliche Rolle und erreichen oft gesellschaftspolitischen Symbolwert.

Auch die Seminargenossen der Autorin befleißigen sich gerne eines gehobenen, intellektuell legitimierten "USA-Bashings". Man genießt als Stipendiat alle Privilegien des kapitalistischen Systems, schaut mit melancholischem Blick aus den Fenstern des klimatisierten Büros in "1a-Lage" auf den weiten Pazifik und beklagt das Los der "homeless people" oder den reaktionären Kurs der westlichen Politiker. Die Tätigkeiten der einzelnen Stipendiaten sind durchaus von unterschiedlicher gesellschaftlicher Relevanz, da sie jedoch höchstwahrscheinlich fiktional sind, lassen sich daraus Rückschlüsse weniger auf die realen Stipendiaten des Instituts als vielmehr die Weltsicht der Autorin ziehen. Auf Seite 337 diskutiert sie mit ihren Freunden unter anderen die Begriffe "Freiheit" und "Selbstbestimmtheit" und zeigt eine sehr ambivalente Haltung zu ersterem Begriff, während so vage Begriffe wie "Gerechtigkeit" und "Solidarität" eher als Aufruf denn als Definition stehen bleiben.

Erst am Schluss bringt sie das Wort "Verfehlung" im Zusammenhang mit sich selbst zu Papier und gesteht sich ein, dass die "eigentlichen Verfehlungen ... im Stillen geschehen....nicht die öffentlich sichbaren", und dass man sie ".. sehr lange vor sich verschweigt...". So hat das Jahr in Kalifornien zum Schluss bei der Autorin doch zu einer gewissen Selbsterkenntnis geführt, die sie zwar nicht am konkreten (politisch-gesellschaftlichen) Beispiel erläutert, jedoch erahnen lässt. Auch im Falle dieser renommierten Schriftstellerin ist allso nachzuvollziehen, dass sich die gesellschaftliche Prägung eines ganzen Lebens nicht durch noch so plausible und schlagende äußere Entwicklungen aufheben oder gar ändern lässt. Um Aristoteles abzuwandeln: "Die Menschen sind, wie sie sind!"

Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 978-3-518-42050-8 erschienen und kostet 24,80 Euro.

Frank Raudszus

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