| Christa Wolf: "Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud" |
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Eine
Bestandsaufnahme eines Lebens in der DDR aus kalifornischer Perspektive |
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Der
Ausgangspunkt
des
Buches entbehrt nicht einer gewissen politischen und
ideologischen Pikanterie. Christa Wolf erhielt Anfang der Neunziger ein
Stipendium für einen etwa einjährigen Studienaufenthalt in
einer kalifornischen Literaturstiftung. Die Zusage mutet angesichts
ihrer sozialistischen und Kapitalismus- und USA-kritischen
Grundeinstellung etwas seltsam an, da diese Einladung nicht nur eine
Ehrung durch den früheren Klassenfeind bedeutete sondern auch mit
deutlichen finanziellen Vorteilen verbunden war. Sie entschied sich
jedoch dafür und zog denn auch mit einem Fundus
literarisch-politischen Materials früherer amerika-kritischer
Emigranten von Bertold Brecht bis Thomas Mann nach Santa Monica. Das
Buch
beginnt
mit der eher skeptischen und distanzierten Ankunft in
einem großzügigen Appartement in Santa Monica und beschreibt
den Aufenthalt in Form eines Romans. Die Autorin hätte daraus zwar
auch eine Dokumentation machen können, doch aus Gründen der
literarischen Freiheit hat sie sich für die Fiktion entschieden.
Dazu musste sie zwar die Personen ihrer neuen Umgebung weitgehend
unkenntlich machen opder verfremden, hatte dafür jedoch die
Möglichkeit, ihre Eindrücke ohne Einschränkungen zu
beachtender Persönlichkeitsrechte oder gar juristischer
Nachhutgefechte aus ihrer Sicht zu beschreiben. Für Teilnehmer
dieser Literaten- und Wissenschaftlerrunde aus verschiedenen
Ländern mag es durchaus aufschlussreich und eventuell unangenehm
sein, sich oder andere wiederzuerkennen, doch für den unbefangenen
Leser spielt das eine untergeordnete Rolle. Von der ersten Seite wird
klar, dass es sich hier um einen autobiographischen Bericht mit sehr
konkreten und wohl auch "realistischen" Charakterdarstellungen handelt.
Zwei
Stellen
spielen
in diesem Roman eine zentrale Rolle: die erste (S. 156)
ist das Gedicht des Barockdichters Paul Fleming: Sei dennoch unverzagt, gib dennoch
unverloren, Die
zweite
Stelle
fällt eher dem Leser als zentraler Punkt ins Auge
als dass Christa Wolf ihn so sehen würde, sie zeigt aber
unverfälscht die Weltanschauung der Autorin und hängt
darüber hinaus eng mit dem obigen Gedicht zusammen. Auf Seite 168
schreibt sie ohne jegliche Ironie oder große Geste, fast
beiläufig den Satz "Nach dem Scheitern der
Volkserhebung vom Herbst 1989, die kein Programm hatte....".
Wohlgemerkt, hier hat kein Druckfehler aus dem 17. Juni 1953 den Herbst
1989 gemacht, sondern gerade die Beiläufigkeit zeigt, dass die
Autorin diese Feststellung wie eine Selbstverständlichkeit aus
tiefstem Herzen trifft. Nun wissen wir, dass gewisse Kreise in der
Bürgerrechtsbewegung damals durchaus eine eigenständige DDR
im Gewande eines aufgeklärten, demokratischen Sozialismus als Ziel
verfolgten. Ob diese Vorstellung realistisch war, sei dahingestellt,
legitim und nachvollziehbar war sie durchaus, denn der Sozialismus
verfolgt als Idee unbestritten menschenwürdige Ziele. Wenn jemand
jedoch die gewaltlose Absetzung und Vertreibung eines despotischen
Regimes und die Tatsache der Wiedervereinigung - man kann es durchaus
auch "Eingemeindung" der DDR in die BRD nennen - schon als "Scheitern"
bezeichnet, wirft das ein nicht nur erhellendes sondern geradezu
grelles Licht auf die Grundeinstellung der Verfasserin. Die ganz
alltägliche Freiheit des Einzelnen von Unterdrückung - von
der Reisefreiheit bis zur freien Meinungsäußerung - ist
für sie offensichtlich zweitrangig gegenüber der Aufgabe der
Utopie. Doch mit Argumenten ist der Autorin nicht beizukommen, da sie
nicht den Anspruch einer wissenschaftlichen Arbeit erhebt. Sie muss
dieses "Scheitern" nicht historisch, politisch oder gar
ethisch-moralisch begründen, sie stellt es als Autorin einfach
fest und lässt die Leser mit diesem Satz allein. Der
Bezug
zu
dem obigen Gedicht liegt darin, dass sich Christa Wolf in die
innere Emigration der unverstandenen Visionärin zurückzieht.
Dinge wie Neid und die hässliche Umstände, die sich gegen sie
"verschworen" haben, lässt sie an sich abtropfen und zieht sich im
Wissen um den Besitz der "reinen Wahrheit" auf sich selbst zurück.
Auch diese "Wahrheit", sprich die Ausgestaltung und Stabilisierung
eines demokratisch-sozialistischen Staates DDR in der harten
weltpolitischen Realität, braucht sie in einem Roman nicht zu
begründen und tut es auch nicht. Sie gehört zu den von dem
nach westlichem Konsum gierenden Volk der DDR Verratenen, und an einer
anderen Stelle erwähnt sie diese Entscheidung für den Konsum
in eindeutig abwertendem Ton. Christa
Wolf
hat
ihren Roman in drei miteinander verzahnten Geschichten strukturiert:
da
ist
einmal die Schilderung ihres Aufenthalts in Kalifornien, die
Beschreibung der Stadt und ihrer Bevölkerung, ihrer neuen Kollegen
und ihrer Aktivitäten rund um Los Angeles. Parallel dazu
beschreibt sie die Suche nach einer ehemaligen Emigrantin, die mit
einer mittlerweile verstorbenen Freundin der Autorin einen langen
Briefwechsel geführt hat und nur als "L." bekannt ist. Dieses
Vorhaben dient offiziell als Zweck ihres Arbeitsaufenthalt in
Kalifornien, im Roman dient es ihr jedoch dazu, die Zeit des Dritten
Reiches und der Emigranten wieder aufleben zu lassen. In diesem Kontext
zitiert sie ausgiebig Brecht, der ebenfalls im kapitalistischen
Feindesland Schutz vor den braunen Machthabern fand und seine
Beschützer später aus der DDR ideologisch bekämpfte.
Wichtiger wird ihr jedoch Sigmund Freud, dessen Mantel - "Overcoat" -
In Form einer Anekdote ins Spiel kommt und dann für Christa Wolf
geradezu mythologische Züge annimmt. Mit diesem Mantel hat Freud
sein Inneres bedeckt und versteckt, und dieses Bild wendet die Autorin
mehr und mehr auch für sich an. Bisweilen muss man den Mantel
umdrehen - das Innere nach außen wenden und alles umkrempeln -,
dann dient er wieder dazu, das eigene Innere vor dem Zugriff der
äußeren Welt zu schützen. In den Briefen der "L.", die
Christa Wolf ausgiebig zitiert, kommen sowohl das Entsetzen über
die Entwicklung im Dritten Reich als auch die Enttäuschung
über das Leben in der - kapitalistischen - Emigration zum
Ausdruck. Zumindest implizit und zwischen den Zeilen nimmt Christa Wolf
in diesen Passagen die Haltung des politisch definierten und damit
endgültig von aller Vergangenheit gereinigten Antifaschismus der
DDR ein. Als ehemalige DDR-Bürgerin gehört sie automatisch zu
den Antifaschisten und kann andere Systeme wie die Bundesrepublik als
"neutrale Unbeteiligte" von außen betrachten. Die
dritte Geschichte betrifft ihre angebliche "Entlarvung" als
Inoffizielle Mitarbeiterin (IM) der Stasi. Mitten während ihres
Aufenthalts in den USA erfährt sie davon und von der
Medien-Kampagne in Deutschland gegen sie. Sie ist anfangs völlig
verstört und fühlt sich zutiefst ungerecht behandelt. Das ist
nachvollziehbar, da die Akte wohl auf wenigen Gesprächen zwischen
Christa Wolf und der Stasi im Jahr 1959 beruhte und danach keine
bedeutenden Kontakte mehr bestanden. Doch Christa Wolf geht nach
einiger Zeit des Destabilisierung mit sich selbst ins Gericht und fragt
sich, warum sie diesen Vorfall vergessen konnte (sie hatte ihn auch
nach der Wende nicht von sich aus gemeldet). Man könnte ihr ein
gezieltes "Vergessen" à la Günter Grass unterstellen, doch
das wäre wohl eher unangebracht. Sie hat diesen Vorfall wohl
tatsächlich vergessen. Doch ihre Selbsterforschung bis in die
tiefsten Winkel ihrer Seele und Erinnerung beschäftigt sich
weniger mit der Bedeutung eines eventuellen IM-Status, sondern mehr mit
sich selbst. Eine gewisse Larmoyanz auf hohem Niveau ist nicht zu
verkennen. Sie gesteht mit einer gewissen "Großherzigkeit" den
eigenen Fehler ein, nicht jedoch ohne dieses Eingeständnis sofort
mit einer heftigen Kritik am westlichen "way of life" zu verbinden, als
wäre dieser unterschwellig der Grund für ihren "Fehler"
(gewesen). Dass diese Kritik am Westen im übertragenen Sinne aus
einem kalifornischen "Edelrestaurant" kommt, mutet ein wenig seltsam an. Christa
Wolf
steht
zu ihrer sozialistischen Grundeinstallung, was per se nicht
zu beanstanden ist. Bei ihrer Rückschau auf ihr Leben fällt
jedoch auf, dass sie der DDR relativ lange aktiv "die Stange hielt". So
fand sie seinerzeit den Aufstand der Arbeiter am 17.Juni 1953
unverständlich und schlug sich mit Parteiabzeichen an der Brust
stolz auf die Seite des Staates, was man im Alter von knapp 24 Jahren
noch nachvollziehen kann. Zu späteren einschneidenden Ereignissen
äußerst sie sich in ihrer Rückschau jedoch so gut wie
gar nicht. Den Mauerbau 1961 - sie war immerhin schon 31 Jahre alt -
erwähnt sie, wenn überhaupt, nur als Zeitmarke ("vor" bzw.
"nach dem Mauerbau"), erspart sich jedoch jeglichen weiteren Kommentar.
Das Gleiche gilt für Schießbefehl, Mauertote, Schauprozesse,
Bespitzelung und was der "Betreuungsaktivitäten" der DDR-Regierung
noch mehr waren. Statt diese bedrückenden Erfahrungen im Roman zu
verarbeiten oder aus irgendeiner politischen oder gesellschaftlichen
Perspektive zu begründen, ignoriert sie sie einfach. Die eigene
Befindlichkeit, die Idiosynkrasien ihrer Psyche und ihre
(Alb-)Träume breiten sich wie der "Overcoat of Dr. Freud"
über alle Ereignisse und Tatsachen aus, die sich mit ihrer Utopie
nicht vereinbaren lassen. Besonders ihre eigenen Träume - Dr.
Freud lässt grüßen! - spielen immer wieder eine
wesentliche Rolle und erreichen oft gesellschaftspolitischen
Symbolwert. Auch
die
Seminargenossen
der Autorin befleißigen sich gerne eines
gehobenen, intellektuell legitimierten "USA-Bashings". Man
genießt als Stipendiat alle Privilegien des kapitalistischen
Systems, schaut mit melancholischem Blick aus den Fenstern des
klimatisierten Büros in "1a-Lage" auf den weiten Pazifik und
beklagt das Los der "homeless people" oder den reaktionären Kurs
der westlichen Politiker. Die Tätigkeiten der einzelnen
Stipendiaten sind durchaus von unterschiedlicher gesellschaftlicher
Relevanz, da sie jedoch höchstwahrscheinlich fiktional sind,
lassen sich daraus Rückschlüsse weniger auf die realen
Stipendiaten des Instituts als vielmehr die Weltsicht der Autorin
ziehen. Auf Seite 337 diskutiert sie mit ihren Freunden unter anderen
die Begriffe "Freiheit" und "Selbstbestimmtheit" und zeigt eine sehr
ambivalente Haltung zu ersterem Begriff, während so vage Begriffe
wie "Gerechtigkeit" und "Solidarität" eher
als
Aufruf
denn als Definition stehen
bleiben.
Erst
am
Schluss
bringt sie das Wort "Verfehlung" im Zusammenhang mit sich
selbst zu Papier und gesteht sich ein, dass die "eigentlichen Verfehlungen ... im Stillen
geschehen....nicht die öffentlich sichbaren", und dass man
sie ".. sehr lange vor sich
verschweigt...". So hat das Jahr in Kalifornien zum Schluss bei
der Autorin doch zu einer gewissen Selbsterkenntnis geführt, die
sie zwar nicht am konkreten (politisch-gesellschaftlichen) Beispiel
erläutert, jedoch erahnen lässt. Auch im Falle dieser
renommierten Schriftstellerin ist allso nachzuvollziehen, dass sich die
gesellschaftliche Prägung eines ganzen Lebens nicht durch noch so
plausible und schlagende äußere Entwicklungen aufheben oder
gar ändern lässt. Um Aristoteles abzuwandeln: "Die Menschen
sind, wie sie sind!" Das Buch ist im Suhrkamp-Verlag unter der ISBN 978-3-518-42050-8 erschienen und kostet 24,80 Euro. Frank Raudszus |
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