| K. P. Liessmann: "Vom Zauber des Schönen - Reiz,
Begehren und Zerstörung" |
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Eine Sammlung
von Vorträgen vom "Philosophicum Lech 2009" |
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Die
Beiträge unterscheiden sich inhaltlich und formal deutlich.
Das Spektrum reicht dabei von einer verklausulierten, mit Fremdworten
gespickten Sprache, die an Adorno und Horkheimer erinnert und diese
beiden auch ausdrücklich zitiert, bis zum gradlinigen,
unmittelbaren Stil eines Naturwissenschaftlers, der sich des Themas in
erfrischender Konkretheit annimmt. Um dem Leser einen Eindruck der
Vorträge zu vermitteln, seien hier einige kurz skizziert. Im
einführenden,
den obigen Titel tragenden Vortrag geht der Herausgeber Konrad Paul
Liessmann auf die Frage nach der Essenz bzw. der "Idee"
der Schönheit ein. Dazu zitiert er die "Idee der Schönheit"
von Sokrates und Hippias, geht über zum "interesselose
Wohlgefallen" Immanuel Kants, das sich dem heutigen, besitzergreifenden
Schönheitsempfinden entzieht, kommt dann zu Nietzsche, der
Schönheit und Begehren gleichsetzt, und endet mit Rilkes
Gedichtzeile "Denn das Schöne ist nichts/ als des Schrecklichen
Anfang...". Winfried
Menninghaus
beginnt in seinem Vortrag über die "Vier Vektoren der
Schönheit" mit Darwin und einer evolutionsorientierten Diskussion
des Begriffs. Bei seinen Überlegungen zu dem Ursprung der
(schönen!) Künste streift er die Erkenntnisse Michael
Tomasellos zur Sprach- und
Kommunkationsentwicklung und kommt schließlich zu der
Definition des Schönheitsempfindens als "sexuelle Präferenz".
Dieser räumt er jedoch nur begrenzte Wirkungsmacht ein, da nicht
alles, was als schön empfunden wird, sexuellen und
besitzergreifenden Charakter aufweise. Dagegen stellt er die These auf,
dass das "Schöne" als allgemein anerkannte Kategorie der
"gesellschaftlichen Kohäsion" diene. Die vier Vektoren
Sexualität,Technik, Sprache und Kunst stellen nach seiner Sicht
jeweils höherwertige weil komplexere Kategorien dar, wobei auch
das Spiel und der Werkzeuggebrauch eine Rolle spielen. Im Gegensatz zur
Sexualität oder dem Werkzeug stellt Kunst eine "nichtexklusive
Ressource" dar, die von einer Gruppe beliebig oft und gemeinschaftlich
genutzt werden könne und damit deren Zusammenhalt diene. Zur
"Reflexion
des Schönen in der Antike" (Untertitel) liefert Johann
Kreuzer den Beitrag "Göttliche Begeisterung". Dazu zitiert er
Homers Odyssee, in der sich Schönheit zwar in Kalypsos Reich
manifestiert, wegen ihrer mit dem endlichen menschlichen Leben
inkompatiblen "sinnlosen Ewigkeit" jedoch
nur
einen peripheren Stellenwert
einnimmt. Odysseus verzichtet auf ewiges Leben und Schönheit, um
seine knappe Lebenszeit dem Praktischen zu widmen. Dass Schönheit
zeitlos ist, hat auch Heraklit erkannt, der - laut Nietzsche
(sinngemäß) - dem
Künstler und dem Kind ewige Unschuld bei Abwesenheit jeglicher
moralischen Zurechnung zugesteht. Für Heraklit dient das
Schöne gerade nicht der "Harmonisierung der
Erfahrungswirkichkeit", und Pindar schließlich kommt zu der
Überzeugung, dass alles Schöne transitorisch ist und dass
sich zwischen zwei "schönen" Augenblicken das Werk der
Vergänglichkeit vollzieht. Elisabeth
von
Samsonow geht in ihrem Vortrag "From Helena to hell" auf
ethymologische Gemeinsamkeiten ein. Danach haben "Helena" und "hell"
die gleichen Wortstämme, ebenso wie die bekannten Silben "el" und
"al".
detailliert geht sie noch einmal auf den Mythos des
"Schönheitswettbewerbes" ein, den bekanntlich Aphrodite gewinnt
und in dem Helena zum unfreiwilligen Preis ausersehen wird. Das
Schicksal von Troja führt dann den Zusammenhang von Schönheit
und Verderben klar vor Augen - "From Helena to hell"! Von hier
aus zieht Samsonow Parallelen zu Goethes "Faust II", in dem Helena und
Mephisto zentrale Rollen spielen, und schließlich zu Hugo von
Hofmannsthals "Bergwerk von Falun", das auf ähnliche Mythen von
Schönheit und Zerstörung abzielt. Helena steckt auch in
Eurydike, der Orpheus in die Unterwelt folgt, und letztendlich stellt
sie für Samsonow die Herrscherin der Unterwelt dar, die mit ihrer
Schönheit die Menschen ins Verderben stürzt. Hier würde
auch noch die "LorELey" von Heinrich Heine hineinpassen. Martin
Seel
geht in seinem Beitrag "Von der Lebendigkeit des Schönen -
nicht allein der Natur" ins philosophische "Eingemachte" und beginnt
gleich mit dem - abgewandelten - Adorno-Zitat, dass "nichts, was die
Natur betrifft, mehr selbstverständlich ist". Aus diesem
Zitat
entwickelt er die - ökologische Kassandra-Rufer verstörende -
Feststellung, dass Natur nicht zerstörbar sei, da der (sie
angeblich bedrohende) Mensch in ihr nur eine periphere Erscheinung sei.
Von da aus kommt er auf verschlungenen Wegen zu der Erkenntnis, dass
Natur und Kunst eine reziproke Vorbildfunktion einnehmen. An dieser
Stelle nehmen Inhalt und Diktion adornosches Maß an, sodass die
Rezeption vor allem dem philosophischen Laien stellenweise recht schwer
fällt. Von dem Begriff der Naturschönheit kommt er auf den
der Landschaft und deren ästhetische Rezeption, in der er eine
"Bejahung der Grenzen aller Kultur"
sieht. Ausgiebig zitiert er Adorno,
u. a. damit, dass die Größe der Natur zum "Reflex des
bürgerlichen Größenwahns, des Sinns für
Rekord,....auch des bürgerlichen Heroenkults" werde. Seel
zitiert
auch die bekannte Erkenntnis, dass "ästhetische
Wahrnehmung auf
eine Affirmatiion des Unbestimmten gerichtet ist", das
heißt
stets einen unbegreiflichen Teil enthält. Naturschönheit
verdankt sich laut Seel - im Gegensatz zur Kunst - keiner Inszenierung
und entzieht sich jeglicher Interpretation. Das ästhetische
Potential wird nach ihm durch organisierte Natur-"Events" geradezu
verschüttet und das Vergnügen an der Natur für das
Publikum
damit zu einem abzuleistenden Arbeitspensum. Einen
sehr
griffigen Beitrag liefert Werner Bätzing unter dem Titel
"Vom <Arkadien im Herzen Europas> zur Sport-, Event- und
Funregion". Dabei geht es um die Alpen und ihre Rezeption in
verschiedenen Epochen. Ausgangspunkt ist der pauschale Topos der
"grandiosen Schönheit" des europäischen Gebirgsmassivs.
Für den Autor "wird Landschaft
als ästhetisches Totalphänomen leicht totalitär".
Eine totale Harmonie zwischen Mensch (i.e. Kultur) und Natur ist
für ihn unmöglich. Ausgehend vom Agrarzeitalter zeichnet
Bätzing ansschließend die Rezeptionsgeschichte kritisch
nach. Danach sah die Agrargesellschaft die Bergwelt nahezu
ausschließlich aus dem Blickwinkel des Gebrauchswertes. Die Kargheit
des Lebens verhinderte eine
rein ästhetische Annäherung an die Landschaft. Die
Industriegesellschaft "erfand" dann laut Bätzing die
Schönheit der Alpen als Kompensation für die Entfremdung
durch die Arbeitsteilung und sonnte sich buchstäblich in einer
realitätsfernen Landschaftsbewunderung. Die moderne
Dienstleistungsgesellschaft dagegen hat die Landschaft endgültig
als Ware vereinnahmt und inszeniert sie unter den verschiedensten
Blickwinkeln der Kultur- und Freizeitindustrie. Provokante
Thesen vertritt Thomas Küpper in seinem Vortrag "Zu schön, um
wahr zu sein", der den Kitsch rehabilitiert. Die allgemein übliche
Problematisierung des Kitsches (als unauthentisch) wird für ihn
selbst zu einem Problem. Küpper gesteht dem sogenannten Kitsch
durchaus eine gewisse "Selbstreflexion" zu dahingehend, dass dieser
sein Publikum stets nur temporär aus der Realität
entführt. Der Kitsch ist sich sozusagen seiner erleichternden
Funktion bewusst und erfüllt sie mit diesem Wissen. Die
Kitschkritik unterstellt dem Kitsch laut Küpper zu Unrecht einen
"falschen" Kunstanspruch, den er dann natürlich nicht
erfüllen kann. Die Kritik kollabiert jedoch vor einem
Selbstverständnis des Kitsches, der sich nicht als Kunst sieht.
Die bisweilen von intellektuellen Kritikern erteilte Absolution des
Kitsches, die ihm partiell positive Wirkungen und Absichten zuspricht,
ist für Küpper nur ein Zeichen der Arroganz der Hochkultur,
die alles nach ihren Maßstäben misst. Küpper geht
soweit zu behaupten, dass der Genuss des Kitsches Reflexion erfordert,
da nur das Wissen um die Diskrepanz zwischen dem "Kitsch" und der
Realität ersterem den Unterhaltungswert verschafft. Küppers
belegt
seine Behauptung
an drei Beispielen. Hedwig Courts-Mahler, die ewige Heroine des
literarischen Kitsches, war sich der Funktion ihrer Bücher
durchaus bewusst und unterlegte ihren Büchern ausdrücklich
keinen literarischen Anspruch.
Dieses nüchterne Eingeständnis hat die Kisch-Kritik jedoch
geflissentlich ignoriert, um besser mit dem nicht eingelösten
Kunstanspruch punkten zu können. Der Tourismus - organisiertes
Lokalkolorit und Souvernirs - ist den Kitsch-Kritikern ebenfalls ein
Dorn im Auge. Hans Magnus Enzensberger belegte den Torismus mit dem
Verdikt "Die Flucht aus der Warenwelt
werde selbst zur Ware". Auch hier unterstellen die Kritiker laut
Küpper den Konsumenten durchweg eine dumpfe Konsumhaltung, die das
eigene Verhältnis zum Tourismus(-Kitsch) nicht reflektiere.
Küpper gesteht den Konsumenten jedoch durchaus einen bewussten
"Genuss" von Souvenirs und Folkloretänzen zu, das heißt, sie
betrachten z. B. "Ethno-Kunst nicht als authentisch sondern nur als
Urlaubserinnerung. Über die "Legitimität" dieser Haltung
lässt sich durchaus streiten, nicht jedoch über das
Bewusstsein des Konsumenten. Als drittes Beispiel führt
Küppers André Rieu an, der ebenfalls ein Feindbild aller
intellektuellen Kunstkritiker darstellt. Doch auch er zeigt deutliche
Anzeichen einer gewissen Selbstironie, wenn er zum Beispiel seine
moderierenden Ansagen der spektakulären Einlagen (Sisi und Kaiser
Franz Josef in der weißen Kutsche vor Schloss Schönbrunn)
immer wieder mit bewussten Distanzierungen versieht, die zwar den
"schönen Moment" als solchen bestätigen, ihn aber
gleichzeitig als Fiktion entlarven. Weit davon entfernt, dem Kitsch nun
einen veritablen Kunstausdruck oder gar Authentizität
zuzuschreiben, nimmt Küpper der Kritik jedoch das Hauptargument
der systematischen Verführung eines dumpfen Publikums. Weitere
Vorträge behandeln die Themen "Bildende Kunst im Dritten Reich",
"Theorie der Körpermodifikation (Michael Jackson!)", "Wer
schön sein will - muss leiden?", "Evolutionspsychologische
Grundlagen der Schönheit" sowie "Die soziale Macht der
Schönheit". Damit ist ein breites Spektrum von Aspekten zum Thema
"Schönheit" abgedeckt. Der Leser darf von diesem Buch jedoch keine
schlüssige, letztgültige Aussage über das Phänomen
der Schönheit erwarten. Stattdessen erhält er viele neue
Erkenntnisse und Denkanstöße, die des Öfteren der
"offiziellen" Sicht des Feuilletons oder der Kunstkritik diametral
gegenüberstehen. Eine gute Gelegenheit, eingefahrene Vorurteile -
z. B. über den Kitsch - zu revidieren. Das Buch ist im Zsolnay-Verlag unter der ISBN 978-3-552-05495-0 erschienen und kostet 19,90 Euro. Frank Raudszus |
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