K. P. Liessmann: "Vom Zauber des Schönen - Reiz, Begehren und Zerstörung"

                                                                    
 September 2010 Eine Sammlung von Vorträgen vom "Philosophicum Lech 2009"
 
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BuchumschlagIn Lech am Arlberg, wo im Winter die Skiläufer ihre Spuren durch den Schnee ziehen, treffen sich jedes Jahr im September Philosophen und andere Kulturwissenschaftler deutschsprachiger Länder zum sogenannten "Philosophicum" und tragen zu einem vorgegebenen Thema ihre Überlegungen und Forschungsergebnisse vor. Im letzten Jahr lautete dieses Thema "Vom Zauber des Schönen", und die Vorträge näherten sich dabei dem so beladen-belasteten wie breit getretenen Begriff des "Schönen". Der vorliegende Band enthält zwölf Vorträge zu diesem Thema sowie eine Laudatio auf einen philosophischen Preisträger und dessen dazugehörige Danksagung.

Die Beiträge unterscheiden sich inhaltlich und formal deutlich. Das Spektrum reicht dabei von einer verklausulierten, mit Fremdworten gespickten Sprache, die an Adorno und Horkheimer erinnert und diese beiden auch ausdrücklich zitiert, bis zum gradlinigen, unmittelbaren Stil eines Naturwissenschaftlers, der sich des Themas in erfrischender Konkretheit annimmt. Um dem Leser einen Eindruck der Vorträge zu vermitteln, seien hier einige kurz skizziert.

Im einführenden, den obigen Titel tragenden Vortrag geht der Herausgeber Konrad Paul Liessmann auf die Frage nach der Essenz bzw. der "Idee" der Schönheit ein. Dazu zitiert er die "Idee der Schönheit" von Sokrates und Hippias, geht über zum "interesselose Wohlgefallen" Immanuel Kants, das sich dem heutigen, besitzergreifenden Schönheitsempfinden entzieht, kommt dann zu Nietzsche, der Schönheit und Begehren gleichsetzt, und endet mit Rilkes Gedichtzeile "Denn das Schöne ist nichts/ als des Schrecklichen Anfang...".

Winfried Menninghaus beginnt in seinem Vortrag über die "Vier Vektoren der Schönheit" mit Darwin und einer evolutionsorientierten Diskussion des Begriffs. Bei seinen Überlegungen zu dem Ursprung der (schönen!) Künste streift er die Erkenntnisse Michael Tomasellos zur Sprach- und Kommunkationsentwicklung und kommt schließlich zu der Definition des Schönheitsempfindens als "sexuelle Präferenz". Dieser räumt er jedoch nur begrenzte Wirkungsmacht ein, da nicht alles, was als schön empfunden wird, sexuellen und besitzergreifenden Charakter aufweise. Dagegen stellt er die These auf, dass das "Schöne" als allgemein anerkannte Kategorie der "gesellschaftlichen Kohäsion" diene. Die vier Vektoren Sexualität,Technik, Sprache und Kunst stellen nach seiner Sicht jeweils höherwertige weil komplexere Kategorien dar, wobei auch das Spiel und der Werkzeuggebrauch eine Rolle spielen. Im Gegensatz zur Sexualität oder dem Werkzeug stellt Kunst eine "nichtexklusive Ressource" dar, die von einer Gruppe beliebig oft und gemeinschaftlich genutzt werden könne und damit deren Zusammenhalt diene.

Zur "Reflexion des Schönen in der Antike" (Untertitel) liefert Johann Kreuzer den Beitrag "Göttliche Begeisterung". Dazu zitiert er Homers Odyssee, in der sich Schönheit zwar in Kalypsos Reich manifestiert, wegen ihrer mit dem endlichen menschlichen Leben inkompatiblen "sinnlosen Ewigkeit" jedoch nur einen peripheren Stellenwert einnimmt. Odysseus verzichtet auf ewiges Leben und Schönheit, um seine knappe Lebenszeit dem Praktischen zu widmen. Dass Schönheit zeitlos ist, hat auch Heraklit erkannt, der - laut Nietzsche (sinngemäß) - dem Künstler und dem Kind ewige Unschuld bei Abwesenheit jeglicher moralischen Zurechnung zugesteht. Für Heraklit dient das Schöne gerade nicht der "Harmonisierung der Erfahrungswirkichkeit", und Pindar schließlich kommt zu der Überzeugung, dass alles Schöne transitorisch ist und dass sich zwischen zwei "schönen" Augenblicken das Werk der Vergänglichkeit vollzieht.

Elisabeth von Samsonow geht in ihrem Vortrag "From Helena to hell" auf ethymologische Gemeinsamkeiten ein. Danach haben "Helena" und "hell" die gleichen Wortstämme, ebenso wie die bekannten Silben "el" und "al". detailliert geht sie noch einmal auf den Mythos des "Schönheitswettbewerbes" ein, den bekanntlich Aphrodite gewinnt und in dem Helena zum unfreiwilligen Preis ausersehen wird. Das Schicksal von Troja führt dann den Zusammenhang von Schönheit und Verderben klar vor Augen - "From Helena to hell"!  Von hier aus zieht Samsonow Parallelen zu Goethes "Faust II", in dem Helena und Mephisto zentrale Rollen spielen, und schließlich zu Hugo von Hofmannsthals "Bergwerk von Falun", das auf ähnliche Mythen von Schönheit und Zerstörung abzielt. Helena steckt auch in Eurydike, der Orpheus in die Unterwelt folgt, und letztendlich stellt sie für Samsonow die Herrscherin der Unterwelt dar, die mit ihrer Schönheit die Menschen ins Verderben stürzt. Hier würde auch noch die "LorELey" von Heinrich Heine hineinpassen.

Martin Seel geht in seinem Beitrag "Von der Lebendigkeit des Schönen - nicht allein der Natur" ins philosophische "Eingemachte" und beginnt gleich mit dem - abgewandelten - Adorno-Zitat, dass "nichts, was die Natur betrifft, mehr selbstverständlich ist". Aus diesem Zitat entwickelt er die - ökologische Kassandra-Rufer verstörende - Feststellung, dass Natur nicht zerstörbar sei, da der (sie angeblich bedrohende) Mensch in ihr nur eine periphere Erscheinung sei. Von da aus kommt er auf verschlungenen Wegen zu der Erkenntnis, dass Natur und Kunst eine reziproke Vorbildfunktion einnehmen. An dieser Stelle nehmen Inhalt und Diktion adornosches Maß an, sodass die Rezeption vor allem dem philosophischen Laien stellenweise recht schwer fällt. Von dem Begriff der Naturschönheit kommt er auf den der Landschaft und deren ästhetische Rezeption, in der er eine "Bejahung der Grenzen aller Kultur" sieht. Ausgiebig zitiert er Adorno, u. a. damit, dass die Größe der Natur zum "Reflex des bürgerlichen Größenwahns, des Sinns für Rekord,....auch des bürgerlichen Heroenkults" werde. Seel zitiert auch die bekannte Erkenntnis, dass "ästhetische Wahrnehmung auf eine Affirmatiion des Unbestimmten gerichtet ist", das heißt stets einen unbegreiflichen Teil enthält. Naturschönheit verdankt sich laut Seel - im Gegensatz zur Kunst - keiner Inszenierung und entzieht sich jeglicher Interpretation. Das ästhetische Potential wird nach ihm durch organisierte Natur-"Events" geradezu verschüttet und das Vergnügen an der Natur für das Publikum damit zu einem abzuleistenden Arbeitspensum.

Einen sehr griffigen Beitrag liefert Werner Bätzing unter dem Titel "Vom <Arkadien im Herzen Europas> zur Sport-, Event- und Funregion". Dabei geht es um die Alpen und ihre Rezeption in verschiedenen Epochen. Ausgangspunkt ist der pauschale Topos der "grandiosen Schönheit" des europäischen Gebirgsmassivs. Für den Autor "wird Landschaft als ästhetisches Totalphänomen leicht totalitär". Eine totale Harmonie zwischen Mensch (i.e. Kultur) und Natur ist für ihn unmöglich. Ausgehend vom Agrarzeitalter zeichnet Bätzing ansschließend die Rezeptionsgeschichte kritisch nach. Danach sah die Agrargesellschaft die Bergwelt nahezu ausschließlich aus dem Blickwinkel des Gebrauchswertes. Die Kargheit des Lebens verhinderte eine rein ästhetische Annäherung an die Landschaft. Die Industriegesellschaft "erfand" dann laut Bätzing die Schönheit der Alpen als Kompensation für die Entfremdung durch die Arbeitsteilung und sonnte sich buchstäblich in einer realitätsfernen Landschaftsbewunderung. Die moderne Dienstleistungsgesellschaft dagegen hat die Landschaft endgültig als Ware vereinnahmt und inszeniert sie unter den verschiedensten Blickwinkeln der Kultur- und Freizeitindustrie.

Provokante Thesen vertritt Thomas Küpper in seinem Vortrag "Zu schön, um wahr zu sein", der den Kitsch rehabilitiert. Die allgemein übliche Problematisierung des Kitsches (als unauthentisch) wird für ihn selbst zu einem Problem. Küpper gesteht dem sogenannten Kitsch durchaus eine gewisse "Selbstreflexion" zu dahingehend, dass dieser sein Publikum stets nur temporär aus der Realität entführt. Der Kitsch ist sich sozusagen seiner erleichternden Funktion bewusst und erfüllt sie mit diesem Wissen. Die Kitschkritik unterstellt dem Kitsch laut Küpper zu Unrecht einen "falschen" Kunstanspruch, den er dann natürlich nicht erfüllen kann. Die Kritik kollabiert jedoch vor einem Selbstverständnis des Kitsches, der sich nicht als Kunst sieht. Die bisweilen von intellektuellen Kritikern erteilte Absolution des Kitsches, die ihm partiell positive Wirkungen und Absichten zuspricht, ist für Küpper nur ein Zeichen der Arroganz der Hochkultur, die alles nach ihren Maßstäben misst. Küpper geht soweit zu behaupten, dass der Genuss des Kitsches Reflexion erfordert, da nur das Wissen um die Diskrepanz zwischen dem "Kitsch" und der Realität ersterem den Unterhaltungswert verschafft. Küppers belegt seine Behauptung an drei Beispielen. Hedwig Courts-Mahler, die ewige Heroine des literarischen Kitsches, war sich der Funktion ihrer Bücher durchaus bewusst und unterlegte ihren Büchern ausdrücklich keinen literarischen Anspruch. Dieses nüchterne Eingeständnis hat die Kisch-Kritik jedoch geflissentlich ignoriert, um besser mit dem nicht eingelösten Kunstanspruch punkten zu können. Der Tourismus - organisiertes Lokalkolorit und Souvernirs - ist den Kitsch-Kritikern ebenfalls ein Dorn im Auge. Hans Magnus Enzensberger belegte den Torismus mit dem Verdikt "Die Flucht aus der Warenwelt werde selbst zur Ware". Auch hier unterstellen die Kritiker laut Küpper den Konsumenten durchweg eine dumpfe Konsumhaltung, die das eigene Verhältnis zum Tourismus(-Kitsch) nicht reflektiere. Küpper gesteht den Konsumenten jedoch durchaus einen bewussten "Genuss" von Souvenirs und Folkloretänzen zu, das heißt, sie betrachten z. B. "Ethno-Kunst nicht als authentisch sondern nur als Urlaubserinnerung. Über die "Legitimität" dieser Haltung lässt sich durchaus streiten, nicht jedoch über das Bewusstsein des Konsumenten. Als drittes Beispiel führt Küppers André Rieu an, der ebenfalls ein Feindbild aller intellektuellen Kunstkritiker darstellt. Doch auch er zeigt deutliche Anzeichen einer gewissen Selbstironie, wenn er zum Beispiel seine moderierenden Ansagen der spektakulären Einlagen (Sisi und Kaiser Franz Josef in der weißen Kutsche vor Schloss Schönbrunn) immer wieder mit bewussten Distanzierungen versieht, die zwar den "schönen Moment" als solchen bestätigen, ihn aber gleichzeitig als Fiktion entlarven. Weit davon entfernt, dem Kitsch nun einen veritablen Kunstausdruck oder gar Authentizität zuzuschreiben, nimmt Küpper der Kritik jedoch das Hauptargument der systematischen Verführung eines dumpfen Publikums.

Weitere Vorträge behandeln die Themen "Bildende Kunst im Dritten Reich", "Theorie der Körpermodifikation (Michael Jackson!)", "Wer schön sein will - muss leiden?", "Evolutionspsychologische Grundlagen der Schönheit" sowie "Die soziale Macht der Schönheit". Damit ist ein breites Spektrum von Aspekten zum Thema "Schönheit" abgedeckt. Der Leser darf von diesem Buch jedoch keine schlüssige, letztgültige Aussage über das Phänomen der Schönheit erwarten. Stattdessen erhält er viele neue Erkenntnisse und Denkanstöße, die des Öfteren der "offiziellen" Sicht des Feuilletons oder der Kunstkritik diametral gegenüberstehen. Eine gute Gelegenheit, eingefahrene Vorurteile - z. B. über den Kitsch - zu revidieren.

Das Buch ist im Zsolnay-Verlag unter der ISBN 978-3-552-05495-0 erschienen und kostet 19,90 Euro.

Frank Raudszus

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