| Doron Rabinovici: "Andernorts" |
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Roman über die Identitätssuche
eines Juden in der Diaspora |
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Im
ersten Kapitel fliegt Ethan per "El Al" von Tel Aviv nach Wien, ist
etwas genervt von seinem orthodoxen Sitznachbarn und stellt sich
später einer anderen Mitreisenden als Österreicher vor, da er
die ewigen Selbsterklärungen eines Juden leid ist. In Wien
gerät er in eine wissenschaftlich-historische Auseinandersetzung
mit seinem Kollegen und Konkurrenten Klausinger, der ihm mehr oder
minder intellektuelle Doppelzüngigkeit bei der Deutung der
jüngeren jüdischen Geschichte und bei dem Bewertung der
letzten KZ-Überlebenden vorwirft. Unversehens öffnet sich ein
intellektuelles Schlachtfeld, das die Geschichte gehörig vermint
hat und auf dem sich die beiden zeitweise in vertauschten Rollen
befinden. In diesem Streit geht es um grundlegende Fragen der
Vergangenheitsbewältigung aus der Sicht der Opfer, wie sie heute
in intellektuellen Kreisen diskutiert werden. Sind die
Beschwörungen des Holocausts elementarer Ausdruck einer einmaligen
und unvergesslichen Erschütterung oder sind sie zu Ritualen, ja
geradezu zu moralischen "Events" erstarrt, die kontraproduktive
Konsequenzen gebären? Um diese Fragen diskutieren die beiden
Kontrahenten stellvertretend für die beiden Lager der
jüdischen Welt, die sich aus der Sicht des Autors
unversöhnlich gegenüber stehen. Entnervt
von der kaum noch kontrollierbaren Fehde, die sofort weltweite
politische und kulturelle Wellen auslöst, und der Tatsache, dass
er ausgerechnet mit seinem intellektuellen Widersacher um die Professur
in Wien kämpft, flieht Rosen kurzerhand zu seiner Familie nach Tel
Aviv, wobei ihm die gesundheitliche Situation seines Vaters ein
plausibles Alibi verschafft. Dieser lebt mit einer Niere seiner Frau,
doch sein Körper stößt das fremde Organ ab. In Tel Avib
trifft Rosen auf einen Vater, der von Krankheit nichts wissen will und
den ewig Starken spielt, sowie auf Verwandte, die alles besser wissen
und sich überall einmischen. Der geschichtlich bedingte
Zusammenhalt der jüdischen Familien erweist sich hier für den
Rückkehrer aus der Diaspora als unerträgliche Enge und
familiärer Gutmenschenterror. In
dieser schwierigen Situation steht "plötzlich und unerwartet" sein
Widersacher Klausinger am Krankenbett des Vaters, und Rosen
erfährt zu seinem Entsetzen, dass Klausinger in dem alten Rosen
seinen leiblichen Vater vermutet und dass dieser den Seitensprung mit
Klausingers damals noch lediger Mutter auch zugibt und Klausinger als
seinen Sohn annimmt. Ethan Rosen muss plötzlich sein gesamtes
Weltbild umkrempeln. Klausinger gehört aus jüdische Sicht zur
"Außenwelt", war als intellektueller Gegner zwar akzeptiert,
lebte jedoch außerhalb der hermetisch abgeschlossenen
jüdischen Familie - im weitesten Sinne. Nun ist er plötzlich
nicht nur in die Familie eingedrungen, sondern förmlich Teil von
ihr geworden. Als dich beide "Söhne" im Umfeld der Suche nach
einer neuen Niere für den Vater verschiedenen genetischen Tests
stellen,brechen plötzlich alte und neue Geheimnisse auf und
Lügen in sich zusammen. Die Weltbilder sowohl von Ethan Rosen als
auch von Rudi Klausinger werden über Nacht zu Makulatur, und ihre
sorgsam gehegten bzw. aufgebauten Identitäten stehen zur
Disposition. Die hoch kochenden Emotionen führen zu schweren
Auseinandersetzungen mit letztlich tödlichen Folgen. Ethan
Rosen und Rudi Klausinger sind nichts anderes als die "zwei Seelen in
der Brust" des Autors bzw. seines fiktiven Protagonisten. Der eine Teil
folgt einer zentrifugalen Bahn, die ihn aus der jüdischen
Kernzelle hinaus nach "andernorts" verschlägt. Er sucht Freiheit
und Luft fern der familiären und religiösen Enge mit ihrer
permanenten Vereinnahmung und Einforderung von Solidarität und
kommt dennoch nicht los von ihr. Der andere Teil kommt von
"andernorts", möchte zurück in ein vermeintliches ideeles
oder religiöses Zentrum, in eine geistig-seelische Heimat, die er
sich schön träumt und die er doch nicht finden wird. Am Ende
müssen beide "alter ego"-Isten erkennen, dass die vermeintliche
Heimat ein Trugbild ist, wobei sich Trug bekanntlich auf Lug reimt.
Jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen, kann die Heimat nicht
außerhalb seiner selbst "andernorts" finden, sondern muss sie
sich Tag für Tag neu konstruieren. Auch die anderen Protagonisten
unterliegen lange dem Irrtum, sie könnten die heile Welt der
(jüdischen) Familie und Religionsgemeinschaft durch Korrekturen
der Realität herstellen und bewahren, nur um am Ende feststellen
zu müssen, dass sie trotz guter Absichten auf ganzer Linie
gescheitert sind. Rabinovicis
Roman fesselt streckenweise durch treffende, auf das Wesentliche
verdichtete Handlungselemente und Charakterstudien. Vor allem die
einleitenden Szenen im Flugzeug und in Wien überzeugen durch
Gradlinigkeit und sarkastischen Witz. Wenn Rabinovici den orthodoxen
Fundamentalisten im Flugzeug beten lässt oder die Weltverachtung
der sich nur noch von Pillen ernährenden älteren Dame
beschreibt, so erreicht er gerade durch den Verzicht auf jeglichen
vordergründigen Witz und durch die Beschränkung auf die
sichtbaren Elemente eine unübertreffbare komische Wirkung, wie es
nur jüdische Autoren können. Später
verliert sich Rabinovici leider in etwas zu konstruierten
Familiendramen. Um die besagte Identitätskrise vorzubereiten,
erfindet er kolportagehafte Elemente, die in ihrer faktischen
Konstellation an Courths-Mahler erinnern. Bei ihm ist zwar nicht das
erlösende "happy end" der Antrieb, doch die Wirkung ist
streckenweise ähnlich. Es ist einfach etwas zu viel des Zufalls,
der Lügen und der familiären Verwirrungen. Zudem scheinen
gewisse Figuren nur als dramaturgische "Lückenfüller" zu
dienen. So hat Ethans Freundin Noa - die junge Frau aus dem Flugzeug -
keinerlei gemeinsamen Berührungspunkte mit dem familiären
Drama in Israel oder der intellektuellen Auseinandersetzung in Wien.
Sie ist lediglich ein dekoratives weibliches Element, auf das die
Handlung leicht hätte verzichten können. Vielleicht ist diese
Figur jedoch als Hommage an eine real existierende Person gemeint, denn
sie trägt im Grunde genommen nur positive Züge, will sagen,
sie erweist sich als warmherzig, loyal, ausgleichend und lebensklug und
hat mit der ganzen Lügerei in der Familie und den Eitelkeiten der
Mänenr nichts zu tun. Dagegen wirft die Figur des fanatischen und
in messianischen Visionen schwebenden Rabbis Berkowitsch nicht nur ein
erhellendes Licht auf die orthodoxen Juden, sondern stellt aus der
Sicht eines Suhrkamp-Autors eine nicht zu übersehende Pikanterie
dar. Als
Bekenntnis eines Juden, der "andernorts" lebt und sich intensiv mit
seiner Identität auseinandersetzt, ist dieser Roman in jeder
Hinsicht lesenswert. Schließlich lassen sich diese Probleme
leicht auf andere Lebensverhältnisse außerhalb des Judentums
extrapolieren. Zwar unterliegen wir nicht unbedingt denselben strengen
Regeln wie die - religiösen - Juden, doch hinsichtlich der eigenen
Familie und Identität sind wir alle in gewisser Weise "Juden". Das
Buch
ist
im
"Suhrkamp-Verlag"
unter der ISBN 978-3-518-42175-8 erschienen
und kostet 19,90 €. Frank Raudszus |
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