Doron Rabinovici: "Andernorts"

                                                                    
 Oktober 2010
Roman über die Identitätssuche eines Juden in der Diaspora



 
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BuchumschlagDie Diaspora, die weltweite Verstreuung der Juden, ist ein uraltes Thema dieses Volksstamms oder dieser Religionsgemeinschaft, je nachdem, wie man sie bezeichnen will. Zum Verständnis dieses Buches ist es wichtig zu wissen, dass Doron Rabinovici selbst in der Diaspora lebt. Im Jahr 1961 in Tel Aviv geboren, ging er schon als Kleinkind nach Wien und lebt heute dort. Man darf mit Recht viel Autobiographisches in diesem Roman vermuten, denn dessen Protagonist Ethan Rosen ist etwa Ende vierzig, gebürtiger Israeli und lebt seit langem in Wien. Dort lehrt und forscht er
an der Universität in einem nicht näher definierten Fachbereich - man kann annehmen "Geschichte" - und bewirbt sich für eine Professur.

Im ersten Kapitel fliegt Ethan per "El Al" von Tel Aviv nach Wien, ist etwas genervt von seinem orthodoxen Sitznachbarn und stellt sich später einer anderen Mitreisenden als Österreicher vor, da er die ewigen Selbsterklärungen eines Juden leid ist. In Wien gerät er in eine wissenschaftlich-historische Auseinandersetzung mit seinem Kollegen und Konkurrenten Klausinger, der ihm mehr oder minder intellektuelle Doppelzüngigkeit bei der Deutung der jüngeren jüdischen Geschichte und bei dem  Bewertung der letzten KZ-Überlebenden vorwirft. Unversehens öffnet sich ein intellektuelles Schlachtfeld, das die Geschichte gehörig vermint hat und auf dem sich die beiden zeitweise in vertauschten Rollen befinden. In diesem Streit geht es um grundlegende Fragen der Vergangenheitsbewältigung aus der Sicht der Opfer, wie sie heute in intellektuellen Kreisen diskutiert werden. Sind die Beschwörungen des Holocausts elementarer Ausdruck einer einmaligen und unvergesslichen Erschütterung oder sind sie zu Ritualen, ja geradezu zu moralischen "Events" erstarrt, die kontraproduktive Konsequenzen gebären? Um diese Fragen diskutieren die beiden Kontrahenten stellvertretend für die beiden Lager der jüdischen Welt, die sich aus der Sicht des Autors unversöhnlich gegenüber stehen.

Entnervt von der kaum noch kontrollierbaren Fehde, die sofort weltweite politische und kulturelle Wellen auslöst, und der Tatsache, dass er ausgerechnet mit seinem intellektuellen Widersacher um die Professur in Wien kämpft, flieht Rosen kurzerhand zu seiner Familie nach Tel Aviv, wobei ihm die gesundheitliche Situation seines Vaters ein plausibles Alibi verschafft. Dieser lebt mit einer Niere seiner Frau, doch sein Körper stößt das fremde Organ ab. In Tel Avib trifft Rosen auf einen Vater, der von Krankheit nichts wissen will und den ewig Starken spielt, sowie auf Verwandte, die alles besser wissen und sich überall einmischen. Der geschichtlich bedingte Zusammenhalt der jüdischen Familien erweist sich hier für den Rückkehrer aus der Diaspora als unerträgliche Enge und familiärer Gutmenschenterror.

In dieser schwierigen Situation steht "plötzlich und unerwartet" sein Widersacher Klausinger am Krankenbett des Vaters, und Rosen erfährt zu seinem Entsetzen, dass Klausinger in dem alten Rosen seinen leiblichen Vater vermutet und dass dieser den Seitensprung mit Klausingers damals noch lediger Mutter auch zugibt und Klausinger als seinen Sohn annimmt. Ethan Rosen muss plötzlich sein gesamtes Weltbild umkrempeln. Klausinger gehört aus jüdische Sicht zur "Außenwelt", war als intellektueller Gegner zwar akzeptiert, lebte jedoch außerhalb der hermetisch abgeschlossenen jüdischen Familie - im weitesten Sinne. Nun ist er plötzlich nicht nur in die Familie eingedrungen, sondern förmlich Teil von ihr geworden. Als dich beide "Söhne" im Umfeld der Suche nach einer neuen Niere für den Vater verschiedenen genetischen Tests stellen,brechen plötzlich alte und neue Geheimnisse auf und Lügen in sich zusammen. Die Weltbilder sowohl von Ethan Rosen als auch von Rudi Klausinger werden über Nacht zu Makulatur, und ihre sorgsam gehegten bzw. aufgebauten Identitäten stehen zur Disposition. Die hoch kochenden Emotionen führen zu schweren Auseinandersetzungen mit letztlich tödlichen Folgen.

Ethan Rosen und Rudi Klausinger sind nichts anderes als die "zwei Seelen in der Brust" des Autors bzw. seines fiktiven Protagonisten. Der eine Teil folgt einer zentrifugalen Bahn, die ihn aus der jüdischen Kernzelle hinaus nach "andernorts" verschlägt. Er sucht Freiheit und Luft fern der familiären und religiösen Enge mit ihrer permanenten Vereinnahmung und Einforderung von Solidarität und kommt dennoch nicht los von ihr. Der andere Teil kommt von "andernorts", möchte zurück in ein vermeintliches ideeles oder religiöses Zentrum, in eine geistig-seelische Heimat, die er sich schön träumt und die er doch nicht finden wird. Am Ende müssen beide "alter ego"-Isten erkennen, dass die vermeintliche Heimat ein Trugbild ist, wobei sich Trug bekanntlich auf Lug reimt. Jeder ist auf sich selbst zurückgeworfen, kann die Heimat nicht außerhalb seiner selbst "andernorts" finden, sondern muss sie sich Tag für Tag neu konstruieren. Auch die anderen Protagonisten unterliegen lange dem Irrtum, sie könnten die heile Welt der (jüdischen) Familie und Religionsgemeinschaft durch Korrekturen der Realität herstellen und bewahren, nur um am Ende feststellen zu müssen, dass sie trotz guter Absichten auf ganzer Linie gescheitert sind. 

Rabinovicis Roman fesselt streckenweise durch treffende, auf das Wesentliche verdichtete Handlungselemente und Charakterstudien. Vor allem die einleitenden Szenen im Flugzeug und in Wien überzeugen durch Gradlinigkeit und sarkastischen Witz. Wenn Rabinovici den orthodoxen Fundamentalisten im Flugzeug beten lässt oder die Weltverachtung der sich nur noch von Pillen ernährenden älteren Dame beschreibt, so erreicht er gerade durch den Verzicht auf jeglichen vordergründigen Witz und durch die Beschränkung auf die sichtbaren Elemente eine unübertreffbare komische Wirkung, wie es nur jüdische Autoren können.

Später verliert sich Rabinovici leider in etwas zu konstruierten Familiendramen. Um die besagte Identitätskrise vorzubereiten, erfindet er kolportagehafte Elemente, die in ihrer faktischen Konstellation an Courths-Mahler erinnern. Bei ihm ist zwar nicht das erlösende "happy end" der Antrieb, doch die Wirkung ist streckenweise ähnlich. Es ist einfach etwas zu viel des Zufalls, der Lügen und der familiären Verwirrungen. Zudem scheinen gewisse Figuren nur als dramaturgische "Lückenfüller" zu dienen. So hat Ethans Freundin Noa - die junge Frau aus dem Flugzeug - keinerlei gemeinsamen Berührungspunkte mit dem familiären Drama in Israel oder der intellektuellen Auseinandersetzung in Wien. Sie ist lediglich ein dekoratives weibliches Element, auf das die Handlung leicht hätte verzichten können. Vielleicht ist diese Figur jedoch als Hommage an eine real existierende Person gemeint, denn sie trägt im Grunde genommen nur positive Züge, will sagen, sie erweist sich als warmherzig, loyal, ausgleichend und lebensklug und hat mit der ganzen Lügerei in der Familie und den Eitelkeiten der Mänenr nichts zu tun. Dagegen wirft die Figur des fanatischen und in messianischen Visionen schwebenden Rabbis Berkowitsch nicht nur ein erhellendes Licht auf die orthodoxen Juden, sondern stellt aus der Sicht eines Suhrkamp-Autors eine nicht zu übersehende Pikanterie dar. 

Als Bekenntnis eines Juden, der "andernorts" lebt und sich intensiv mit seiner Identität auseinandersetzt, ist dieser Roman in jeder Hinsicht lesenswert. Schließlich lassen sich diese Probleme leicht auf andere Lebensverhältnisse außerhalb des Judentums extrapolieren. Zwar unterliegen wir nicht unbedingt denselben strengen Regeln wie die - religiösen - Juden, doch hinsichtlich der eigenen Familie und Identität sind wir alle in gewisser Weise "Juden".

Das Buch ist im "Suhrkamp-Verlag" unter der ISBN 978-3-518-42175-8 erschienen und kostet 19,90 €.

Frank Raudszus




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