Hansjörg Schertenleib: "Cowboysommer"

                                                                    
 Oktober 2010
Eine Rückschau in die Jugend nicht ohne Pathos



 
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BuchumschlagHansjörg Schertenleib, Jahrgang 1957, verarbeitet in diesem Roman Jugenderlebnisse, die sich laut seinem ausdrücklichen Hinweis ähnlich wenn auch nicht mit identischen Charakteren abgespielt haben. Im Mittelpunkt steht der Ich-Erzähler Gönggi, sechzehn Jahre alt und offensichtlich das "alter ego" des Autors. Gönggi verliebt sich in einen etwa gleichaltrigen Jungen, wobei diese Liebe allerdings keine homoerotischen Züge trägt sondern auf Bewunderung, ja geradezu Verehrung beruht. Boyroth, so der Spitzname des Freundes, strahlt eine unnachahmliche Selbstsicherheit und Offenheit aus, die Gönggi nicht zu haben glaubt. Gönggi möchte sein wie Boyroth, ja, er möchte buchstäblich in dessen Haut stecken.

Unabhängig von dieser engen Bindung verliebt er sich in Boyroths Schwester, die jedoch mit einem älteren Jungen liiert ist. Gönggi kämpft mit dem Erwachsenwerden, seiner Unsicherheit, seiner Sehnsucht nach einem Mädchen und mit seinem Widersacher Fabio, der Boyroths Gunst ebenfalls gewinnen will, aber exklusiv, und Gönggi als Konkurrenten betrachtet. Als Boyroth und Fabio sich Motorräder besorgen und - ohne Führerschein und Anmeldung - mit Gönggi auf dem Soziussitz durch die Bergwelt "brettern", fühlen sich alle drei zum ersten Mal wirlklich frei und aller täglichen Sorgen um die Zukunft enthoben.

Auf einer mehrwöchigen Nordlandreise, für die er Boyroth nicht als Mitreisenden gewinnen kann, lernt Gönggi die Selbständigkeit mit all ihren Vor- und Nachteilen kennen und erfährt schließlich die Sexualität auf hautnahe Weise. Als er in die Schweiz zurückkehrt, hat sich eine Katastrophe ereignet: die Polizei hat die illegalen Motorradfahrer gestellt und gejagt. Bei der Flucht durch den Wald sind Fabio und Boyroths Schwester umgekommen. Damit zerbricht Boyroths Leben, da er sich als treibende Kraft des Motorradabenteuers als Mitschuldigen betrachtet.

Schertenleib schildert diese Episode (s)einer Jugend in den Siebzigern aus der heutigen Rückschau. Anlass dazu ist das überraschende Zusammentreffen mit Boyroth im Jahr 2010 anlässlich einer Lesereise des auch im Roman als Schriftsteller tätigen Ich-Erzählers, das die Erinnerung an die alten Ereignisse wieder hochkommen lässt. Eingeschoben ist auch eine kurze Episode aus dem Jahr 1980, die mehr oder minder dem Zweck dient, den Bruch in Boyroths Leben zu verdeutlichen, denn Boyroth hat es nie zu einer bürgerlichen Existenz gebracht. Der Tod von Schwester und Freund hat sein Leben zerstört und nur eine Hülle zurückgelassen. Noch einmal trifft Gönggi den alten Freund überraschend, kann ihn aber nicht mehr festhalten. Boyroth hat sich dem Leben und vor allem seinem engsten Freund bewusst entzogen, wohl auch, um letzteren nicht mit seinem eigenen Schicksal zu belasten. Der Roman endet denn auch auf logische Weise mit einer bitteren aber folgerichtigen Pointe.

Schertenleib beleuchtet seine eigene Jugend und die schwierige Zeit der Pubertät mit unüberhörbarer Wehmut und einer gehörigen Portion nostalgischen Pathos'. Da letzteres aber hauptsächlich dem Kopf des jugendlichen Gönggis entspringt, wirkt es nicht aufgesetzt sondern glaubwürdig. Bisweilen überzieht der mittlerweile 53jährige Autor das Schwelgen in der Musik und der jugendlichen Romantik der siebziger Jahre, aber das fällt unter die Rubrik "dichterische Freiheit" und sei ihm daher nachgesehen. Die Sehnsucht nach einer im Grunde genommen ziemlich problembeladenen Jugend schlägt bisweilen so stark durch, dass man sich fast an den Spruch erinnert fühlt: "Wen die Götter lieben, lassen sie jung sterben". Schertenleib jedoch hat überlebt und kann daher über die Sehnsüchte und Enttäuschungen der Jugend Zeugnis ablegen.

Das Buch ist im "Aufbau-Verlag" unter der ISBN 978-3-351-03321-7 erschienen und kostet 19,95 €.

Frank Raudszus




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