| Hansjörg Schertenleib: "Cowboysommer" |
![]() |
Eine Rückschau in die Jugend nicht
ohne Pathos |
||||
| Als PDF-Datei
Ihre Meinung über E-Mail hier |
Unabhängig
von
dieser
engen Bindung verliebt er sich in Boyroths Schwester, die
jedoch mit einem älteren Jungen liiert ist. Gönggi
kämpft mit dem Erwachsenwerden, seiner Unsicherheit, seiner
Sehnsucht nach einem Mädchen und mit seinem Widersacher Fabio, der
Boyroths Gunst ebenfalls gewinnen will, aber exklusiv, und Gönggi
als Konkurrenten betrachtet. Als Boyroth und Fabio sich Motorräder
besorgen und - ohne Führerschein und Anmeldung - mit Gönggi
auf dem Soziussitz durch die Bergwelt "brettern", fühlen sich alle
drei zum ersten Mal wirlklich frei und aller täglichen Sorgen um
die Zukunft enthoben. Auf
einer
mehrwöchigen
Nordlandreise, für die er Boyroth
nicht als Mitreisenden gewinnen kann, lernt Gönggi die
Selbständigkeit mit all ihren Vor- und Nachteilen kennen und
erfährt schließlich die Sexualität auf hautnahe
Weise. Als er in die Schweiz zurückkehrt, hat sich eine
Katastrophe ereignet: die Polizei hat die illegalen Motorradfahrer
gestellt und gejagt. Bei der Flucht durch den Wald sind Fabio und
Boyroths Schwester umgekommen. Damit zerbricht Boyroths Leben, da er
sich als treibende Kraft des Motorradabenteuers als Mitschuldigen
betrachtet. Schertenleib
schildert
diese
Episode (s)einer Jugend in den Siebzigern aus der
heutigen Rückschau. Anlass dazu ist das überraschende
Zusammentreffen mit Boyroth im Jahr 2010 anlässlich einer
Lesereise des auch im Roman als Schriftsteller tätigen
Ich-Erzählers, das die Erinnerung an die alten Ereignisse wieder
hochkommen
lässt. Eingeschoben ist auch eine kurze Episode aus dem Jahr 1980,
die mehr oder minder dem Zweck dient, den Bruch in Boyroths Leben zu
verdeutlichen, denn Boyroth hat es nie zu einer bürgerlichen
Existenz gebracht. Der Tod von Schwester und Freund hat sein Leben
zerstört und nur eine Hülle zurückgelassen. Noch einmal
trifft Gönggi den alten Freund überraschend, kann ihn aber
nicht mehr festhalten. Boyroth hat sich dem Leben und vor allem seinem
engsten Freund bewusst entzogen, wohl auch, um letzteren nicht mit
seinem eigenen Schicksal zu belasten. Der Roman endet denn auch auf
logische Weise mit einer bitteren aber folgerichtigen Pointe. Schertenleib
beleuchtet
seine
eigene Jugend und die schwierige Zeit der
Pubertät mit unüberhörbarer Wehmut und einer
gehörigen Portion nostalgischen Pathos'. Da letzteres aber
hauptsächlich dem Kopf des jugendlichen Gönggis entspringt,
wirkt es nicht aufgesetzt sondern glaubwürdig. Bisweilen
überzieht der mittlerweile 53jährige Autor das Schwelgen in
der Musik und der jugendlichen Romantik der siebziger Jahre, aber das
fällt unter die Rubrik "dichterische Freiheit" und sei ihm daher
nachgesehen. Die Sehnsucht nach einer im Grunde genommen ziemlich
problembeladenen Jugend schlägt bisweilen so stark durch, dass man
sich fast an den Spruch erinnert fühlt: "Wen die Götter
lieben, lassen sie jung sterben". Schertenleib jedoch hat überlebt
und kann daher über die Sehnsüchte und Enttäuschungen
der Jugend Zeugnis ablegen. Das
Buch
ist
im
"Aufbau-Verlag"
unter der ISBN 978-3-351-03321-7 erschienen
und kostet 19,95 €. Frank Raudszus |
|