Thomas Bernhard: "Meine Preise"

                                                                    
 Oktober 2010
Eine nachträgliche Abrechnung mit den Laudatoren



 
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BuchumschlagDer Österreicher Thomas Bernhard (1931-1989) war als Misanthrop bekannt und als Österreich-"Hasser" und "Nestbeschmutzer"  bei seinen Landsleuten herzlich unbeliebt. Aufgrund dieser Nichtbeziehung untersagte er auch alle Aufführungen seiner Stücke auf österreichischen Bühnen über seinen Tod hinaus. Seine Bücher sind meist Monologe, in denen er sich über die Verkommenheit der Welt, vor allem Österreichs, auslässt, seine Theaterstücke meist theatralische Varianten dieser Monologe. Das vorliegende Bändchen enthält ein sarkastisch-satirische Beschreibungen von neun Preisverleihungen zwischen 1964 und 1967, die sich 1989 in seinem Nachlass fanden.

Bernhard hat Preisverleihungen gehasst, weil er intuitiv ahnte, dass sich dabei meist die Preisverleiher und Laudatoren selbst feiern und das Publikum unter dem Motto "sehen und gesehen werden" dorthin strömt. Dass er damit vielen Unrecht tat, ahnte er wohl, ließ sich jedoch deshalb in seiner Kritik nicht beirren. Diese Kritik setzte er nicht nur in nachträglichen Spott, sondern auch in direkte Handlungen um. So erschien er zu ersten Preisverleihung ("Grillparzerpreis") mit seiner Tante, gab sich weder als Preisträger zu erkennen und meldete sich auch nicht als solcher, sondern nutzte die Tatsache, dass er nicht sofort erkannt und angesprochen wurde, dazu, sich mitten unter das Publikum zu mischen und sich erst mit einem kleinen Eklat in die ersten Reihe bitten zu lassen. Seine Dankesreden, die im Anhang abgedruckt sind, hielt er nicht nur extrem kurz, sondern spickte sie auch mit Sottisen und deftiger Kritik. In seiner Rückschau kokettiert er damit, dass er grundsätzlich bis wenige Stunden vor der Verleihung keinen einzigen Satz formuliert hatte und die Rede sozusagen im Taxi konzipierte, man darf jedoch davon ausgehen, dass er die Boshaftigleiten schon lange vorher im Kopf hatte.

Besonders hatten es ihm österreichische Preisverleihungen angetan. So attestiert er den enstprechenden Offziellen, Ministern und ähnlichen Honorationen die Abwesenheit von jeglicher Literaturkenntnis und trägt auch gerne genüsslich den intellektuellen und beruflichen Werdegang solcher "inkompetenten" Laudatoren vor. Vom "kleinen Staatspreis" (1968) fühlte er sich beleidigt, da dieser Preis üblicherweise an junge Nachwuchsautoren verliehen wurde, zu denen er sich mit 37 Jahren nicht mehr zählte. Prompt griff er den Staat in seiner kurzen Dankesrede derart frontal und unverblümt an, dass der zuständige Minister (s. o.) zornentbrannt den Saal verließ.

In Deutschland erhielt er den Bremer Literaturpreis, der ihn zu einer vernichtenden Beurteilung dieser Stadt motivierte, weniger wegen des Preises, als weil ihm Land und Leute nicht zusagten. Hamburg dagegen liebte er als Stadt und fuhr dorthin weniger wegen des Julius-Campe-Preises sondern wegen des Stadtbesuches. In Darmstadt erhielt er den Büchnerpreis, wobei er sich wundert, wie man dort angesichts der "intellektuellen Langeweile" in Deutschland nach 1968 es wagen könne, den Preis nach dem von ihm bewunderten Rebvolutionär zu nennen, und schiebt auch gleich ein paar kleinere Sottisen über die den Preis verleihende "Akademie für Sprache und Dichtung" nach. 

Bei mehr oder minder allen Preisverleihungen erkennt Bernhard den Preisverleihern das Recht zu dieser Aktion aus intellektuellen oder politischen Gründen ab und bringt deutlich zum Ausdruck, dass er eigentlich in jedem Fall den Preis hätte ablehnen müssen. In schöner Offenheit gesteht er jedoch, dass er das Geld dringend benötigt und es schade wäre, es dort liegen zu lassen oder es einem anderen Preisträger zu überlassen. Dieses Eingeständnis der eigenen Korrumpierbarkeit kommt offen und mit nur einer Andeutung von schlechtem Gewissen. Seine nur wenig kaschierte Einstellung lautet, dass man diese Organisationen schädigen müsse, wo es geht, sowohl finanziell als auch in Form der Dankesrede. Um seinen eigenen Ruf hat er sich dabei wenig geschert, der war bei der Kunstkritik - in seinen Augen - sowieso schon ruiniert. Diese allerdings hat sich an ihm insofern gerächt, als sie seine Unterstellungen Lügen straften und sein Werk zu dem bedeutendsten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum zählt(e).

Das Buch ist im "Suhrkamp-Taschenbuchverlag" unter der ISBN 978-3-518-42186-0 erschienen und kostet 8 €.

Frank Raudszus




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