| Thomas Bernhard: "Meine Preise" |
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Eine nachträgliche Abrechnung mit den
Laudatoren |
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Bernhard
hat Preisverleihungen gehasst, weil er intuitiv ahnte, dass sich dabei
meist die Preisverleiher und Laudatoren selbst feiern und das Publikum
unter dem Motto "sehen und gesehen werden" dorthin strömt. Dass er
damit vielen Unrecht tat, ahnte er wohl, ließ sich jedoch deshalb
in seiner Kritik nicht beirren. Diese Kritik setzte er nicht nur in
nachträglichen Spott, sondern auch in direkte Handlungen um. So
erschien er zu ersten Preisverleihung ("Grillparzerpreis") mit seiner
Tante, gab sich weder als Preisträger zu erkennen und meldete sich
auch nicht als solcher, sondern nutzte die Tatsache, dass er nicht
sofort erkannt und angesprochen wurde, dazu, sich mitten unter das
Publikum zu mischen und sich erst mit einem kleinen Eklat in die ersten
Reihe bitten zu lassen. Seine Dankesreden, die im Anhang abgedruckt
sind, hielt er nicht nur extrem kurz, sondern spickte sie auch mit
Sottisen und deftiger Kritik. In seiner Rückschau kokettiert er
damit, dass er grundsätzlich bis wenige Stunden vor der Verleihung
keinen einzigen Satz formuliert hatte und die Rede sozusagen im Taxi
konzipierte, man darf jedoch davon ausgehen, dass er die
Boshaftigleiten schon lange vorher im Kopf hatte. Besonders
hatten es ihm österreichische Preisverleihungen angetan. So
attestiert er den enstprechenden Offziellen, Ministern und
ähnlichen Honorationen die Abwesenheit von jeglicher
Literaturkenntnis und trägt auch gerne genüsslich den
intellektuellen und beruflichen Werdegang solcher "inkompetenten"
Laudatoren vor. Vom "kleinen Staatspreis" (1968) fühlte er sich
beleidigt, da dieser Preis üblicherweise an junge Nachwuchsautoren
verliehen wurde, zu denen er sich mit 37 Jahren nicht mehr zählte.
Prompt griff er den Staat in seiner kurzen Dankesrede derart frontal
und unverblümt an, dass der zuständige Minister (s. o.)
zornentbrannt den Saal verließ. In
Deutschland erhielt er den Bremer Literaturpreis, der ihn zu einer
vernichtenden Beurteilung dieser Stadt motivierte, weniger wegen des
Preises, als weil ihm Land und Leute nicht zusagten. Hamburg dagegen
liebte er als Stadt und fuhr dorthin weniger wegen des
Julius-Campe-Preises sondern wegen des Stadtbesuches. In Darmstadt
erhielt er den Büchnerpreis, wobei er sich wundert, wie man dort
angesichts der "intellektuellen Langeweile" in Deutschland nach 1968 es
wagen könne, den Preis nach dem von ihm bewunderten
Rebvolutionär zu nennen, und schiebt auch gleich ein paar kleinere
Sottisen über die den Preis verleihende "Akademie für Sprache
und Dichtung" nach. Bei
mehr oder minder allen Preisverleihungen erkennt Bernhard den
Preisverleihern das Recht zu dieser Aktion aus intellektuellen oder
politischen Gründen ab und bringt deutlich zum Ausdruck, dass er
eigentlich in jedem Fall den Preis hätte ablehnen müssen. In
schöner Offenheit gesteht er jedoch, dass er das Geld dringend
benötigt und es schade wäre, es dort liegen zu lassen oder es
einem anderen Preisträger zu überlassen. Dieses
Eingeständnis der eigenen Korrumpierbarkeit kommt offen und mit
nur einer Andeutung von schlechtem Gewissen. Seine nur wenig kaschierte
Einstellung lautet, dass man diese Organisationen schädigen
müsse, wo es geht, sowohl finanziell als auch in Form der
Dankesrede. Um seinen eigenen Ruf hat er sich dabei wenig geschert, der
war bei der Kunstkritik - in seinen Augen - sowieso schon ruiniert.
Diese allerdings hat sich an ihm insofern gerächt, als sie seine
Unterstellungen Lügen straften und sein Werk zu dem bedeutendsten
der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum
zählt(e). Das
Buch
ist
im
"Suhrkamp-Taschenbuchverlag"
unter der ISBN 978-3-518-42186-0 erschienen
und kostet 8 €. Frank Raudszus |
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