| Peter Henning:"Die Ängstlichen" |
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Ein Zeitroman über den Niedergang
einer Familie |
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"Auf
dem
fünftgrößten Planeten im Sonnensystem herrschten in
diesen Tagen Missstand und Furcht. Die Sonne, dieser bislang
verlässliche, in 150 Millionen Kilometern Entfernung strahlende
Begleiter, war im Begriff auszukühlen." Gemeinsam
ist
beiden Romananfängen die große Geste, die vom
Allgemeinen und geographischen Großen zum gesellschaftlichen
Einzelfall führt. Beide Autoren stellen eine weiträumige
Wetterbetrachtung an den Anfang, deren metaphorischer Hintergrund
nicht zu übersehen ist. Droht bei Musil hinter dem scheinbar
friedlichen Sommerwetter bereits das Unwetter des Ersten Weltkriegs, so
steht bei Henning der aufkommende Sturm für die familiären
Dramen, die sich auf den nächsten knapp fünfhundert Seiten
abspielen. Wer diese heimliche Hommage an den großen Romancier
Musil für reine Spekulation hält, kann sich auf Seite 348
endgültig davon überzeugen. Hier drückt ein literarisch
interessierter Freund dem jungen Ben das Buch "Die Verwirrungen des
Zöglings Törleß" in die Hand. Doch: "Den Namen Musil
hatte er [Ben] noch nie gehört." Soviel
zu
den literarischen Vorbildern, zu denen man auch noch Thomas Manns
"Buddenbrooks" zählen kann. Die ein oder andere Figur aus Hennings
Roman kann man durchaus als eine moderne Abwandlung entsprechender
Charaktere aus der Lübecker Kaufmannsfamilie sehen. Doch
während Thomas Mann den langsamen Niedergang der Familie
Buddenbrook in epischer Breite über den Zeitraum einer ganzen
Generation beschreibt, beschränkt sich Henning bewusst auf einen
wenige Tage währenden "Schnappschuss" aus dem Leben der Hanauer
Familie Jansen. Ähnlich wie Musil und Mann siedelt Henning seine
Personen in seiner eigenen Vaterstadt an - hier das hessische Hanau -
und kann so glaubwürdig Lokalkolorit und -kritik einflechten. Die
achtzigjährige
Johanna Jansen hat beschlossen, aus ihrem Hanauer
Haus in ein Seniorenstift zu ziehen. Ihr Mann ist bereits vor
Jahrzehnten gestorben, nachdem er die letzten Jahre in einer
äußerst labilen geistigen und seelischen Verfassung
verbracht hatte. Ihre drei Kinder sind alle im Krieg zur Welt gekommen
und zur Zeit der Romanhandlung - 2004 - nahe dem Rentenalter. Ihr
ältester Sohn Helmut hat es - nur? - zum Tennislehrer gebracht und
lebt nach seiner Scheidung allein in seinem Haus. Sein räumlicher
und geistiger Horizont lässt sich übersichtlich durch den
Fernsehsessel und einige Hanauer Bars beschreiben. Dafür
verfügt er über klare Standpunkte, kennt sich auf allen
Gebieten aus und tut dies auch deutlich kund. Der zweite Sohn - und
jüngstes Klnd - Konrad hat vom
Vater
offensichtlich
die
labile
geistige Veranlagung geerbt und lebt wegen schwerer
schizophrener Schübe seit langem in einer psychiatrischen Klinik.
Die Tochter Ulrike ist mit dem erfolgreichen Manager Rainer
verheiratet, der seine Karriere mehr seinen überragenden
Fähigkeiten als der geschickten Taktik seiner Frau zuschreibt und
den Erfolg als sein persönliches Vorrecht betrachtet. Das
berechtigt ihn selbstverständlich auch dazu, der Langeweile einer
monogamen Ehe zu entfliehen und den "Kick" bei wechselnden Geliebten zu
suchen. Bleibt
noch
die dritte Generation zu erwähnen. Helmuts einziger Sohn Ben
schlägt sich nach verschiedenen misslungenen Berufsansätzen
als freier Journalist mit Artikeln für Provinzzeitungen mehr
schecht als recht durchs Leben und erinnert in seiner Ziel- und
Erfolgslosigkeit an Christian Buddenbrook. Ulrikes drei Kinder mit
Rainer befinden sich alle im berufs- und heiratsfähigen Alter,
sind bisher jedoch den Erwartungen ihrer Eltern nicht gerecht geworden.
Der Älteste studiert seit einer halben Ewigkeit und ohne Aussicht
auf kurzfristigen Abschluss in München, der zweite hangelt sich
als freier Programmierer in einer anderen Großstadt von
Kleinauftrag zu Kleinauftrag, und die Tochter hat sich im Keller des
elterlichen Hauses gratis eine kleine Fußpflegepraxis einrichten
lassen und kann von dem geringen (Zu)Verdienst ihre privaten Ausgaben
begleichen. Alles keine Karrieren, mit denen ehrgeizige Eltern im
Bekanntenkreis renommieren können. Dies
ist
die Ausgangsbasis der Handlung, die sich frei nach dem Prinzip der
Chaosforschung aus kleinen Ereignissen zu einem wahren Tornado - siehe
die meteorologische "Begleitmusik" - von Zerwürfnissen entwickelt.
Ulrike findet im Anzug ihres Mannes zufällig ein Päckchen
Kondome und setzt aus verletztem Stolz eine Rachekampagne in Gang, die
ihre nur noch auf dem Papier bestehende Ehe retten soll, sie aber nur
noch weiter in den Abgrund reißt. Helmut entdeckt eines sorglosen
Morgens Blut in seinem Urin und sieht sich in kürzester Zeit an
Krebs sterben. Sein gesamtes, mühsam für die Außenwelt
aufgebautes Kartenhaus aus vorgetäuschter Selbstsicherheit und
atheistischer Todesverachtung droht zusammenzubrechen. Konrad wagt in
einem vermeintlich lichten Moment die Flucht aus der Klinik und
geistert mit mittelschweren Verletzungen und zunehmenden Schüben
eines Deliriums durch Südhessen Richtung Hanau. Des
weiteren
ist noch der Pole Janek von der Partie, im Krieg
Zwangsarbeiter und später Lebensgefährte der verwitweten
Johanna. Als notorischer Spieler leidet er stets unter Geldnot und muss
sich gleich zu Beginn vor mafiösen Geldeintreibern verstecken. Im
Weiteren spielt er jedoch nur noch die Rolle eines Katalysators und
erscheint erst ganz zum Schluss wieder kurz auf der Bühne. Johann
hat
die gesamte Verwandschaft zu einem Abendessen eingeladen, um ihren
Wechsel ins Altersheim bekanntzugeben. Die Handlung läuft auf
diesen Fluchtpunkt zu, und die Spannung baut der Autor dadurch auf,
dass er in verschiedenen "Johanna"-Kapiteln die Vorbereitungen zu
diesem Essen schildert. Parallel dazu entwickeln sich die einzelnen
Dramen ihrer Kinder und Enkel. Wenn am Schluss eine stark reduzierte
Familie bei Johanna erscheint, sind die Beteiligten bereits bis zum
Äußersten angespannt. Helmuts Krankheit hat sich zwar als
harmlos herausgestellt, er wird jedoch mit seiner nackten Todesangst
nicht fertig, die so gar nicht zu seiner selbstgebastelten
Souveränität passt, und wandelt diese Frustration in
Aggression um. Ulrike muss an diesem Abend das offensichtlich Scheitern
ihrer Ehe verbergen und zeigt sich ebenfalls höchst angespannt,
während Ben noch unter den Nachwirkungen einer Trennung von seiner
Freundin und einiger Promille steht. Der Abend entwickelt sich denn
auch zur familiären Katastrophe, die dem Roman die so
desaströse wie ominöse Schlusspointe verleiht. Peter
Henning
verzichtet auf jegliche emotionale Ausschlachtung und
konzentriert sich auf die psychologische Innensicht der einzelnen
Personen, die immer wieder ihre Situation zwar reflektieren aber sich
schließlich jedes Mal wieder schönreden, frei nach dem
landläufigen Gemeinplatz "Alles wird gut". Doch nichts wird gut,
und die "Ängstlichen" machen weiter wie bisher. So beschreibt es
der Autor am Schluss, doch die Beteiligten machen weniger einen
ängstlichen als vielmehr einen unbelehrbaren Eindruck. Sie
ignorieren schlicht die Tatsachen, solange es irgendwie geht. Ulrike
hätte sich längst von ihrem Mann trennen können, doch
das wäre sicherlich mit finanziellen und sozialen Konsequenzen
verbunden gewesen. Helmut hätte sich anlässlich seiner
vermeintlichen schweren Erkrankung über sein dumpfes
"In-den-Tag-Hineinleben" klar werden können, doch er zieht es vor,
nach der Entwarnung gerade so weiterzumachen wie bisher. Selbst Rainer,
Ulrikes Mann, sieht sich mehr als Opfer denn als fremdgehender
"Täter" und verschließt sich in einer panikartigen inneren
Emigration vor der Welt, statt die Karten auf den Tisch zu legen.
Niemand lernt durch seine Erfahrungen hinzu, selbst Konrad nimmt sich
nach seiner Wiedereinlieferung vor, so schnell wie möglich den
nächsten Fluchtversuch zu unternehmen. Auch
die
demographische Warnung kommt zum Ausdruck, wenn auch nur implizit
und vielleicht nicht einmal in dieser Deutlichkeit beabsichtigt:
Johanna
hat drei Kinder in die Welt gesetzt, diese nur vier Enkel, die wiederum
zum Zeitpunkt der Handlung keinen Ansätze der Reproduktion
erkennen lassen. So scheint die Familie Jansen wie die Buddenbrooks
langsam auszusterben. Peter Henning hat hier wahrscheinlich eher das
Selbstverständnis der heutigen jungen Generation aus der Erfahrung
abgebildet und vielleicht gar nicht an die Sarrazinschen
Warnungen gedacht, doch sie sind in seinem Buch
unmissverständlich enthalten. Peter
Henning
treibt die Handlung konsequent voran und erlaubt sich keine
unnötigen epischen Abschweifungen. Sein Stil zeichnet sich durch
Sachlichkeit und eine hintergründigen Ironie aus, versetzt mit
etwas Sarkasmus. Bei aller Nüchternheit arbeitet er jedoch die
einzelnen Charaktere glaubwürdig und plastisch heraus. Jedes
Familienmitglied könnte dem gesellschaftlichen Biotop einer
beliebigen Provinzstadt - wahrscheinlich auch Großstadt -
angehören, und man meint geradezu, diese Menschen aus dem eigenen
Lebensumfeld zu kennen. Die
große
Politik spielt bei Henning keine Rolle, dafür setzt er
immer wieder lokalpolitische Akzente, so wenn es um Städtebau oder
Siedlungspolitik geht. Das macht diesen Roman "volksnah", kennen wir
solche kommunalen Sünden doch in allen Städten. Henning
verzichtet dabei jedoch auf aktuelle Personen- oder Parteikritik und
legt nur die Strukturen falscher Entwicklungen frei. Doch das sind
Nebenschauplätze einer Handlung, die sich in erster Linie mit den
handelnden Personen und ihren Problemen beschäftigt. Man
kann
dieses Buch mit Recht als gelungenen Zeitroman bezeichnen und es
jedem Interessenten empfehlen, der sich selbst als Bewohner einer Art
"Hanau" sieht. Doch auch die anderen sollten es lesen. Das
Buch
ist
im
"Aufbau-Verlag"
unter der ISBN 978-3-351-03267-8 erschienen
und kostet 22,95 €. Frank Raudszus |
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