Peter Henning:"Die Ängstlichen"

                                                                    
 November 2010
Ein Zeitroman über den Niedergang einer Familie



 
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Buchumschlag"Über dem Atlantik befand sich ein barometrisches Minimum; es wanderte ostwärts, einem über Rußland lagernden Maximum zu, und verriet noch nicht die Neigung, diesem nördlich auszuweichen."
So beginnt Robert Musils Roman "Der Mann ohne Eigenschaften" über die in den letzten Zügen liegende k.u.k.-Monarchie.

"Auf dem fünftgrößten Planeten im Sonnensystem herrschten in diesen Tagen Missstand und Furcht. Die Sonne, dieser bislang verlässliche, in 150 Millionen Kilometern Entfernung strahlende Begleiter, war im Begriff auszukühlen."
Das ist der erste Satz von Peter Hennings Roman "Die Ängstlichen", in dem er den exemplarischen Verfall einer deutschen Familie Anfang des 21. Jahrhunderts schildert. 

Gemeinsam ist beiden Romananfängen die große Geste, die vom Allgemeinen und geographischen Großen zum gesellschaftlichen Einzelfall führt. Beide Autoren stellen eine weiträumige Wetterbetrachtung an den Anfang, deren  metaphorischer Hintergrund nicht zu übersehen ist. Droht bei Musil hinter dem scheinbar friedlichen Sommerwetter bereits das Unwetter des Ersten Weltkriegs, so steht bei Henning der aufkommende Sturm für die familiären Dramen, die sich auf den nächsten knapp fünfhundert Seiten abspielen. Wer diese heimliche Hommage an den großen Romancier Musil für reine Spekulation hält, kann sich auf Seite 348 endgültig davon überzeugen. Hier drückt ein literarisch interessierter Freund dem jungen Ben das Buch "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" in die Hand. Doch: "Den Namen Musil hatte er [Ben] noch nie gehört."

Soviel zu den literarischen Vorbildern, zu denen man auch noch Thomas Manns "Buddenbrooks" zählen kann. Die ein oder andere Figur aus Hennings Roman kann man durchaus als eine moderne Abwandlung entsprechender Charaktere aus der Lübecker Kaufmannsfamilie sehen. Doch während Thomas Mann den langsamen Niedergang der Familie Buddenbrook in epischer Breite über den Zeitraum einer ganzen Generation beschreibt, beschränkt sich Henning bewusst auf einen wenige Tage währenden "Schnappschuss" aus dem Leben der Hanauer Familie Jansen. Ähnlich wie Musil und Mann siedelt Henning seine Personen in seiner eigenen Vaterstadt an - hier das hessische Hanau - und kann so glaubwürdig Lokalkolorit und -kritik einflechten.

Die achtzigjährige Johanna Jansen hat beschlossen, aus ihrem Hanauer Haus in ein Seniorenstift zu ziehen. Ihr Mann ist bereits vor Jahrzehnten gestorben, nachdem er die letzten Jahre in einer äußerst labilen geistigen und seelischen Verfassung verbracht hatte. Ihre drei Kinder sind alle im Krieg zur Welt gekommen und zur Zeit der Romanhandlung - 2004 - nahe dem Rentenalter. Ihr ältester Sohn Helmut hat es - nur? - zum Tennislehrer gebracht und lebt nach seiner Scheidung allein in seinem Haus. Sein räumlicher und geistiger Horizont lässt sich übersichtlich durch den Fernsehsessel und einige Hanauer Bars beschreiben. Dafür verfügt er über klare Standpunkte, kennt sich auf allen Gebieten aus und tut dies auch deutlich kund. Der zweite Sohn - und jüngstes Klnd - Konrad hat vom Vater offensichtlich die labile geistige Veranlagung geerbt und lebt wegen schwerer schizophrener Schübe seit langem in einer psychiatrischen Klinik. Die Tochter Ulrike ist mit dem erfolgreichen Manager Rainer verheiratet, der seine Karriere mehr seinen überragenden Fähigkeiten als der geschickten Taktik seiner Frau zuschreibt und den Erfolg als sein persönliches Vorrecht betrachtet. Das berechtigt ihn selbstverständlich auch dazu, der Langeweile einer monogamen Ehe zu entfliehen und den "Kick" bei wechselnden Geliebten zu suchen.

Bleibt noch die dritte Generation zu erwähnen. Helmuts einziger Sohn Ben schlägt sich nach verschiedenen misslungenen Berufsansätzen als freier Journalist mit Artikeln für Provinzzeitungen mehr schecht als recht durchs Leben und erinnert in seiner Ziel- und Erfolgslosigkeit an Christian Buddenbrook. Ulrikes drei Kinder mit Rainer befinden sich alle im berufs- und heiratsfähigen Alter, sind bisher jedoch den Erwartungen ihrer Eltern nicht gerecht geworden. Der Älteste studiert seit einer halben Ewigkeit und ohne Aussicht auf kurzfristigen Abschluss in München, der zweite hangelt sich als freier Programmierer in einer anderen Großstadt von Kleinauftrag zu Kleinauftrag, und die Tochter hat sich im Keller des elterlichen Hauses gratis eine kleine Fußpflegepraxis einrichten lassen und kann von dem geringen (Zu)Verdienst ihre privaten Ausgaben begleichen. Alles keine Karrieren, mit denen ehrgeizige Eltern im Bekanntenkreis renommieren können.

Dies ist die Ausgangsbasis der Handlung, die sich frei nach dem Prinzip der Chaosforschung aus kleinen Ereignissen zu einem wahren Tornado - siehe die meteorologische "Begleitmusik" - von Zerwürfnissen entwickelt. Ulrike findet im Anzug ihres Mannes zufällig ein Päckchen Kondome und setzt aus verletztem Stolz eine Rachekampagne in Gang, die ihre nur noch auf dem Papier bestehende Ehe retten soll, sie aber nur noch weiter in den Abgrund reißt. Helmut entdeckt eines sorglosen Morgens Blut in seinem Urin und sieht sich in kürzester Zeit an Krebs sterben. Sein gesamtes, mühsam für die Außenwelt aufgebautes Kartenhaus aus vorgetäuschter Selbstsicherheit und atheistischer Todesverachtung droht zusammenzubrechen. Konrad wagt in einem vermeintlich lichten Moment die Flucht aus der Klinik und geistert mit mittelschweren Verletzungen und zunehmenden Schüben eines Deliriums durch Südhessen Richtung Hanau.

Des weiteren ist noch der Pole Janek von der Partie, im Krieg Zwangsarbeiter und später Lebensgefährte der verwitweten Johanna. Als notorischer Spieler leidet er stets unter Geldnot und muss sich gleich zu Beginn vor mafiösen Geldeintreibern verstecken. Im Weiteren spielt er jedoch nur noch die Rolle eines Katalysators und erscheint erst ganz zum Schluss wieder kurz auf der Bühne.

Johann hat die gesamte Verwandschaft zu einem Abendessen eingeladen, um ihren Wechsel ins Altersheim bekanntzugeben. Die Handlung läuft auf diesen Fluchtpunkt zu, und die Spannung baut der Autor dadurch auf, dass er in verschiedenen "Johanna"-Kapiteln die Vorbereitungen zu diesem Essen schildert. Parallel dazu entwickeln sich die einzelnen Dramen ihrer Kinder und Enkel. Wenn am Schluss eine stark reduzierte Familie bei Johanna erscheint, sind die Beteiligten bereits bis zum Äußersten angespannt. Helmuts Krankheit hat sich zwar als harmlos herausgestellt, er wird jedoch mit seiner nackten Todesangst nicht fertig, die so gar nicht zu seiner selbstgebastelten Souveränität passt, und wandelt diese Frustration in Aggression um. Ulrike muss an diesem Abend das offensichtlich Scheitern ihrer Ehe verbergen und zeigt sich ebenfalls höchst angespannt, während Ben noch unter den Nachwirkungen einer Trennung von seiner Freundin und einiger Promille steht. Der Abend entwickelt sich denn auch zur familiären Katastrophe, die dem Roman die so desaströse wie ominöse Schlusspointe verleiht.

Peter Henning verzichtet auf jegliche emotionale Ausschlachtung und konzentriert sich auf die psychologische Innensicht der einzelnen Personen, die immer wieder ihre Situation zwar reflektieren aber sich schließlich jedes Mal wieder schönreden, frei nach dem landläufigen Gemeinplatz "Alles wird gut". Doch nichts wird gut, und die "Ängstlichen" machen weiter wie bisher. So beschreibt es der Autor am Schluss, doch die Beteiligten machen weniger einen ängstlichen als vielmehr einen unbelehrbaren  Eindruck. Sie ignorieren schlicht die Tatsachen, solange es irgendwie geht. Ulrike hätte sich längst von ihrem Mann trennen können, doch das wäre sicherlich mit finanziellen und sozialen Konsequenzen verbunden gewesen. Helmut hätte sich anlässlich seiner vermeintlichen schweren Erkrankung über sein dumpfes "In-den-Tag-Hineinleben" klar werden können, doch er zieht es vor, nach der Entwarnung gerade so weiterzumachen wie bisher. Selbst Rainer, Ulrikes Mann, sieht sich mehr als Opfer denn als fremdgehender "Täter" und verschließt sich in einer panikartigen inneren Emigration vor der Welt, statt die Karten auf den Tisch zu legen. Niemand lernt durch seine Erfahrungen hinzu, selbst Konrad nimmt sich nach seiner Wiedereinlieferung vor, so schnell wie möglich den nächsten Fluchtversuch zu unternehmen.

Auch die demographische Warnung kommt zum Ausdruck, wenn auch nur implizit und vielleicht nicht einmal in dieser Deutlichkeit beabsichtigt: Johanna hat drei Kinder in die Welt gesetzt, diese nur vier Enkel, die wiederum zum Zeitpunkt der Handlung keinen Ansätze der Reproduktion erkennen lassen. So scheint die Familie Jansen wie die Buddenbrooks langsam auszusterben. Peter Henning hat hier wahrscheinlich eher das Selbstverständnis der heutigen jungen Generation aus der Erfahrung abgebildet und vielleicht gar nicht an die Sarrazinschen Warnungen gedacht, doch sie sind in seinem Buch unmissverständlich enthalten.

Peter Henning treibt die Handlung konsequent voran und erlaubt sich keine unnötigen epischen Abschweifungen. Sein Stil zeichnet sich durch Sachlichkeit und eine hintergründigen Ironie aus, versetzt mit etwas Sarkasmus. Bei aller Nüchternheit arbeitet er jedoch die einzelnen Charaktere glaubwürdig und plastisch heraus. Jedes Familienmitglied könnte dem gesellschaftlichen Biotop einer beliebigen Provinzstadt - wahrscheinlich auch Großstadt - angehören, und man meint geradezu, diese Menschen aus dem eigenen Lebensumfeld zu kennen.

Die große Politik spielt bei Henning keine Rolle, dafür setzt er immer wieder lokalpolitische Akzente, so wenn es um Städtebau oder Siedlungspolitik geht. Das macht diesen Roman "volksnah", kennen wir solche kommunalen Sünden doch in allen Städten. Henning verzichtet dabei jedoch auf aktuelle Personen- oder Parteikritik und legt nur die Strukturen falscher Entwicklungen frei. Doch das sind Nebenschauplätze einer Handlung, die sich in erster Linie mit den handelnden Personen und ihren Problemen beschäftigt.

Man kann dieses Buch mit Recht als gelungenen Zeitroman bezeichnen und es jedem Interessenten empfehlen, der sich selbst als Bewohner einer Art "Hanau" sieht. Doch auch die anderen sollten es lesen.

Das Buch ist im "Aufbau-Verlag" unter der ISBN 978-3-351-03267-8 erschienen und kostet 22,95 €.

Frank Raudszus




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