Jonathan Franzen: "Freiheit"

                                                                    
 November 2010
Der Zerfall einer Familie im Namen der Freiheit



 
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BuchumschlagFast zeitgleich mit Peter Hennings Abgesang auf eine deutsche Familie ist der Familienroman "Freiheit" des wesentlich bekannteren Jonathan Franzen erschienen. Wir erwähnen diese Parallele hier nur wegen der Ähnlichkeit des Themas und der gleichen pessimistischen - oder realistischen - Sicht auf die familiären Strukturen der heutigen Gesellschaft. Jonathan Franzens Roman erstreckt sich über eine ganze Generation, wobei die Vergangenheit in Gestalt von Rückblenden in die in der Gegenwart spielende Handlung eingeblendet wird.

Patty, aufgewachsen in einem Vorort von New York, hat in ihrer Jugend eines der ersten Vollstipendien für Frauen an der University of Minnesota erhalten, weil sie hervorragend Basketball spielte. In ihrem zweiten Studienjahr hat sie sogar als zweitbeste Spielerin die Aufnahme in das "virtuelle" Team der USA geschafft. Trotz dieser besonderen sportlichen Erfolge erfährt sie von ihrer Familie nicht die Wertschätzung, die sie sich wünscht. Bald darauf lernt sie Walter Berglund und dessen chaotischen Freund und Rockmusiker Richard kennen. Obwohl sie der Musiker emotional weit mehr reizt, entscheidet sie sich für den anständigen, fürsorglichen Walter, und die beiden werden ein Paar. Aus der Ehe gehen zwei Kinde hervor, die Tochter Jessica und der Sohn Joey. Die Berglunds entwickeln sich zu einer typischen amerikanischen Vorzeigefamilie. Alles läuft bestens, wenn auch die üblichen Familienstreitigkeiten das traute Glück begleiten. Während Vater und Sohn ständig Grundsatzdiskussionen führen, hält Patty stets unkritisch zu ihrem Sohn, den sie abgöttisch liebt.

Als Joey sich jedoch in das Nachbarsmädchen Conny verliebt und sogar zu ihr zieht, bricht für Patty eine Welt zusammen. Auch Walter kann es kaum glauben, dass Joey so früh seine schulische und universitäre Karriere abbricht, um mit Conny die Liebe zu entdecken.

An diesem Punkt fangen die Zukunftspläne der Berglunds an auseinander zu treiben. Das stabile Familiengefüge beginnt zu wanken, und bald gibt es kein Halten mehr. Patty wird alkoholkrank und hat sogar eine Affäre mit dem auf Besuch weilenden Richard. Walter jedoch versucht lange Zeit, sich alles schönzureden, bis auch er an der Realität zerbricht. Patty trennt sich endgültig von ihm und zieht zu Richard, und selbst die Liaison mit Lalita, seiner Assistentin, kann Walter nicht über das Scheitern seiner Ehe hinwegtrösten. Die idealistisch motivierte Stiftung, die er und Lalita gegründet haben, scheitert, und Lalita stirbt an einem Autounfall. Am Ende lebt Walter völlig vereinsamt in einem kleinen Haus am See, und der "amerikanische Traum" ist ausgeträumt.

Franzen hat auf gut 730 Seiten ein großes Familienepos unserer Tage geschrieben. In vielem erinnert es an die "Buddenbrooks", deren traditionelle Welt ebenfalls an den Umständen der neuen Zeit zerbricht. Die Berglundsche Welt scheitert an der Freiheit, die sich jeder der Protagonisten nimmt, um sich seinen individuellen Lebenstraum zu erfüllen oder um einfach nur die Wege zu beschreiten, die sich zufällig vor ihm oder ihr auftun. Das einst einende gemeinsame Ganze ist verschwunden, und die Familienstrukturen geben keinen Halt mehr. Es zählt nur noch die Bewältigung der eigenen Realität, die aus dem großen Angebot des Lebens herausfiltert, was gerade zu passen scheint. Alles fließt und irgendwie geht das Leben weiter. Feste Regeln haben keinen Bestand mehr. Am Ende des Romans gibt es wenig Hoffnung, keinen Glauben mehr, und auch die Liebe ist auf der Strecke geblieben - außer vielleicht bei Joey und Conny.

Das Buch ist im "Rowohlt-Verlag" unter der ISBN 978-3-498-02129-0 erschienen und kostet 24,95 €.

Barbara Raudszus




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