| Jan Rehmann, Thomas Wagner: "Angriff der
Leistungsträger?" |
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Die Zusammenfassung einer aufgeregten
gesellschaftspolitischen Debatte |
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Kurz
nach
der Veröffentlichung brach ein öffentlicher Sturm los,
wie ihn niemand erwartet hat und wie man ihn seit Jahrzehnten im
Kontext philosophischer Debatten nicht erlebt hatte. Den Anfang machte
Axel Honneth, Professor für Philosophie an der
Goethe-Universität Frankfurt und Direktor des "Instituts für
Sozialforschung". Letzteres ist auch als "Frankfurter Schule" bekannt
und ist eng mit den Namen Adorno und Horkheimer verbunden. Honneths
Kritik an Sloterdijks Artikel war derart vehement, dass sich in der
Folge eine Reihe von anderen erwiesene und selbsternannte Experten zu
Wort meldeten, die entweder Sloterdijks Ausführungen oder die
Debatte selbst kommentierten. Das
vorliegende
Buch trägt den Untertitel "Das Buch zur
Sloterdijk-Debatte" und unterstellt als "Anthologie" der Wortmeldungen
eine neutrale Sicht von außen, deren Herausgeber sich auf die
Zusammenstellung und Einordnung der Beiträge sowie auf die
Vorstellung der Beteiligten beschränken. Der einführende Text
der beiden Herausgeber scheint diesem Ansatz zu Beginn auch gerecht zu
werden, denn er trägt - neben dem Titel des Buches als
Überschrift - den Untertitel "Eine Einführung in die
Sloterdijk-Debatte", wiederholt also mehr oder minder den Buchtitel.
Doch es stellt sich schnell heraus,
dass es hier nicht um eine "äqui-distante" Vorstellung von
Meinungen und Wortführern geht. Das geht tendenziell schon daraus
hervor, dass die beiden Herausgeber sich nicht auf Edition der
Beiträge beschränken sondern sich auch - sogar separat - als
Autoren mit übereinstimmend eindeutiger Parteiname beteiligen. Das
ist zwar nicht a priori illegitim, weckt jedoch Zweifel an einer
objektiven Auswahl der Beiträge. Darüber
hinaus enthält bereits die Einführung eindeutige Werturteile
bis hin zu vulgärmarxistischem Vokabular wie "neoliberale
Ideologien" (s. 8) bzw. ironische Distanzierungen durch Setzen
einzelner Worte in Anführungszeichen. Dass man satzweise Zitaten
eines Autors durch diese Methode eindeutig kennzeichnet, gehört
zum Standard wissenschaftlicher Veröffentlichungen, dies jedoch
mit allgemein gültigen Begwiffen wie "Leistung" oder
"qualifiziert" zu tun heißt diese Begriffe aus der Feder eines
bestimmten Autors von vornherein zu diffamieren. Weiterhin werten die
Autoren bereits in der Einführung gewisse Beiträge durch eben
diese Technik oder versuchen, sie durch explizite Urteile
abzuqualifizieren (S. 11 unten). Auf Seite 12 greifen die beiden
Autoren sogar ihren eigenen Beiträgen vor, indem sie ungeniert -
ohne inhaltliche Auseinandersetzung an dieser Stelle - von "egoistisch
vereinseitigter und rücksichtsloser Privatform" und von
"neoliberal vereinnahmt[er]" Lebensbejahung sprechen. Diese
Kritik wäre Sache des jeweiligen Beitrages gewesen. Invektiven wie
"Sloterdijks hysterisch überdrehte Rhetorik" oder der pauschale
und zielgerecht genutzte Begriff einer nicht näher bezeichneten
"Mittelschicht" runden das fragwürdige Bild dieser Einleitung ab. Ein
weiterer, allerdings nicht belegbarer Einwand betrifft die Auswahl der
Beiträge. Von zweien abgesehen - Bohrer und Gumbrecht -, von denen
der eine noch durch eine etwas "exaltierte" Bemerkung eine
Angriffsflächen für Kritiker bietet, antworten die Autoren
mit mehr oder minder heftiger Kritik auf Sloterdijk. Das könnte
natürlich daran liegen, dass es keine positiven Kommentare gibt.
Doch diese mögliche Erklärung verfängt deswegen nicht,
weil einige Autoren zum Beispiel den zustimmenden Beitrag des
FAZ-Redakteurs und -Herausgebers Bernhard Kohler erwähnen, der
sich jedoch im Buch nicht wiederfindet. Die
Auseinandersetzung mit Sloterdijk erfolgt in drei Kapiteln: im ersten,
übertitelt "Zur geistigen Entwicklung Sloterdijks", stellen vier
Autoren wichtige Texte Sloterdijks vor. Karl-Heinz Götzes Gedanken
zu der "Kritik der zynischen Vernunft" sind schon deswegen mit
Fragezeichen zu versehen, weil sie aus dem Jahr 1983 stammen. Das mag
in den Fächern Literatur und Philosophie unwichtig sein, hat hier
jedoch ein besonderes Gewicht, weil Götze als bekennender Linker
von einer hohen historischen Bedeutung und Zukunft des Sozialismus
ausgeht. Dass er die Wahl Kohls zum Kanzler ein Jahr vorher zum
größtmöglichen Unglück für die Bundesrepublik
erklärt, weckt heute eher Heiterkeit, und die von Sloterdijk in
diesem Buch vertretene Auffassung eines "Aushaltens" anstelle des
aggressiven Weltveränderungswunsches des real existierenden
Sozialismus vesteht Götze als Verrat an der - sozialistischen -
Zukunft der Menschheit. Rehmann
und Wagners Beitrag unterstellt Sloterdijk einen hinter seiner Kritik
am Zynismus versteckten "Herrscher-Zynismus", und
bei ihrer Kritik von Sloterdijks "Weltinnenraum des Kapitals"
unterstellen sie
dem Autor bei seiner Behauptung, Wohlstand und Frieden für die
gesamte Menschen sei eine "systemische Unmöglichkeit", eine
kapitalistische Herrschaftsideologie. Darüber hinaus bedienen sie
sich - im Jahr 2009! - immer noch desselben abgestandenen
Klassenkampf-Vokabulars - Massenarbeitslosigket,
(Re-)Produktionsverhältnisse, Ausbeutung - wie eh und jeh,
als hätte es kein 1989 gegeben. Wohlfahrtsstaatliche Umverteilung
ist bei ihnen grundsätzlich ein Segen ohne jegliche
Nebenwirkungen, und Sloterdijks durchaus zutreffende und historisch
leider belegte Feststellung, dass der "Neid im Gewand der sozialen
Gerechtigkeit .. schon die Hälfte der Vernichtung ist"
(sinngemäß zitiert), wenden sie in geradezu perfider
Verkennung des von ihm Gemeinten gegen ihn. Dass sie dann den "roten
Terror" der Bolschewiken (der übrigens dann noch Jahrzehnte
dauerte!) als Reaktion auf "weißen Terror" marginalisieren, kann
nur noch Kopfschütteln hervorrufen. Die Kritik an Sloterdijks
behandelten Büchern nährt sich weniger aus einer fachlichen -
politischen und wirtschaftlichen - denn aus einer rein ideologischen
Quelle. Der Beitrag von Ulrich Gellermann über ""Philosoph der
Krise" ist kurz, wenig erhellend und hauptsächlich polemisch. Damit
ist Sloterdijks Werk schon vor der eigentlichen Debatte über
seinen inkrimierten Artikel klein geschreddert, und Leser, die
Sloterdijks Werk (noch) nicht kennen, sind entsprechend eingestimmt.
Man fragt sich, wie Sloterdijk zu einem solchen glänzenden Ruf
kommen konnte, wenn es nur vernichtende Urteile über sein Werk
gibt. Von dem angeblich über ihn jubelnden Feuilleton findet sich
jedoch kein Beitrag in diesem Kapitel. Es
folgen 19 (neunzehn) Kommentare und Antworten auf Slotedijks Artikel
und die anderen Beiträge. An den Anfang und dazwischen sind
Zusammenfassungen der Sloterdijkschen Texte geschaltet, da dieser eine
Teilnahme an dieser "Anthologie" nach den heftigen und teilweise sehr
persönlichen Angriffen seiner Gegner abgelehnt und den Nachdruck
seiner Artikel und Kommentare untersagt hatte. Den Anfang macht Axel
Honneth, der letztlich die ganze Debatte angestoßen hat. Seine
vernichtende Kritik, die anfangs ironisch klingen soll, kommt "ex
cathedra" aus den Höhen der etablierten Philosphie der
"Frankfurter Schule", und in schöner Selbstverständlichkeit
nimmt er alles bisher (von dieser Schule) Gedachte als felsenfest
bewiesenen Erkenntnisstand, hinter den niemand mehr zurückfallen
dürfte. Wie ein mediokrer Naturwissenschaftler sieht er seine
Theorien - Ideologien? - als bewiesen und unverrückbar an (ein
guter Naturwissenschaftler spricht nur von Hypothesen, die solange
gelten, bis sie wiederlegt sind!) und untersagt sämtliche
Querdenkerei ("Freigeist"), die seinem Erkenntnisstand widerspricht.
Verständlich, dass der Kommunikationskanal zwischen diesem
"Famulus Wagner" und dem Freigeist Sloterdijk schnell versiegte. Der
in Stanford tätige Hans-Ulrich Gumbrecht bringt Honneths
Selbstgerechtigkeit auf den Punkt, erklärt ansonsten den Streit
für eine Frage des Stils und rät zur Gelassenheit, was
wiederum die Ideologen der anderen Seite aufregt. Christoph Menke sieht
nichts niedrigeres als die (absolute?) "Wahrheit" zur Disposition
gestellt und bekämpft das Prinzip der Selbstverantwortung des
Einzelnen (vs. Wohlfahrtsstaat) mit der Argumentation, dass die
Selbstverbesserung gemäß Sloterdijks Buch "Du musst Dich
ändern" automatisch die weniger Eifrigen in die Unterschicht
stoße. Demnach darf sich niemand anstrengen - sportlich, musisch
oder beruflich -, weil er die weniger Begabten damit frustriert.
Aufschlussreich dabei ist, dass hier auf einmal die "Gaben der Natur",
das heißt ererbte Fähigkeiten, im Gegensatz zu anderen
Kontexten (Sarrazin!) für die eigene Argumentation genutzt werden. Karl-Heinz
Bohrer, einer der beiden Verteidiger Sloterdijks, nimmt erst einmal den
"tierischen Ernst" der Beiträge à la Honneth aufs Korn und
stimmt Sloterdijk in grundlegenden Punkten zu. Sein großer Fehler
ist, dass er explizit das Recht des Staates beklagt, ihm seine "wohl
verdienten Pfründe zu rauben" (sinngemäß zitiert). Das
ist natürlich eine Steilvorlage für die Gegner. Bei
Andrian Kreyes kurzem Beitrag wird nicht klar, was er eigentlich sagen
will. "Amerika, Du hast es besser?" Dirk Pilz wertet Bohrers Beitrag
erst einmal als "verschwurbelt" ab, eine beliebte Methode, einen Gegner
nicht durch sachliche Kritik auf Augenhöhe zu bekämpfen
sondern ihn durch diffamierende Begriffe herabzusetzen und von
vornherein als intellektuell satisfaktionsunfähig hinzustellen.
Außerdem nimmt er den gerne in Metaphern redenden Sloterdijk
immer da wörtlich, wo es ihm in seinen kritischen Gedankengang
passt. Der zweite Beitrag von Ulrich Gellermann besteht wieder nur aus
billiger Polemik und lohnt keine längere Ausführungen. Jochen
Stremmels Polemik ist mehr ein Gestammel aus schlechtem Deutsch und
unerträglicher Besserwisserei, wenn er Sloterdijk ein falsches
oder zumindest sehr freies Zitat aus Homers "Odyssee" ankreidet, das
nichts zum eigentlichen Thema beiträgt. Der
"In-Philosoph" oder "Thomas Gottschalk der Philosophie" Richard David
Precht hat mit dem Problem zu kämpfen, zu spät in die
Diskussion eingetreten zu sein. Da sein Stolz eine epigonale Kritik
nicht zulässt, schwingt er sich über den ganzen
"Debattierclub" und verteilt Noten wie folgt: Sloterdijk ein
leichtsinniger Schwätzer, Honneth ein verbohrter Spießer.
Höher kann nur noch der liebe Gott! Thomas
Wagner, der zweite Herausgeber, befleißigt sich einer
kräftigen Polemik, indem er Sloterdijk ein "wohlsituiertes" Leben
bescheinigt, wobei nicht klar wird, was das mit dessen Artikel zu tun
hat. Dann stellt er nebenbei die Behauptung auf, dass Reichtum generell
"kollektiv erbracht" sei, was man durchaus hinterfragen kann. Auch er
spricht von den "Begriffsschwurbeleien" Bohrers und wiederholt gerne
und ausführlich die Darlegungen seiner Vorredner, vor allem
Honneths. Aus seiner Sicht haben alle außer den Vertretern der
reinen linken Lehre Unrecht. Wie ist die Welt doch so einfach! Franz
Sommerfeld stellt mit seinem sachkundigen und an Zahlen und Fakten
orientierten Beitrag ohne jede Ideologie eine wohltuende Oase zwischen
den Ideologen dar, während Anke Roedig die Debatte aus weiblicher
Sicht sieht, bei der hauptsächlich männliche Alpha-Tiere um
ihre Claims kämpfen. Ulrich Greiner rückt dem Thema
unideologisch und außerordentlich tief schürfend zu Leibe.
Er stellt die Großzügigkeit des Gebers dem Rechtsanspruch
des Empfängers gegenüber und stellt nüchtern fest, dass
dieser Anspruch im Grunde genommen ein Placebo und uneinlösbar
sei. Dabei verzichtet er auf jegliche Diffamierung der anderen
Debattenteinehmer. Der
Theologe JOhann Hinrich Claussen sieht die Debatte aus christlicher
Sicht, erwähnt die Scham der Armen und erklärt die
Verklärung der Armut durch die Kirchen als eigentlichen Skandal.
Der Mann hat Mut! Beate Rössler dagegen sieht die Gerechtigkeit
hinter dem Gewinnstreben an Boden verlieren und greift explizit die
"Gier (auch von Herrn Bohrer)" an. Bei aller Sachlichkeit und
Unaufgeregtheit ihres Beitrags ist jedoch nicht zu verkennen, dass auch
sie den Untergang des real existierenden Sozialismus aus rein
wirtschaftlichen Gründen gründlichst vergessen zu haben
scheint. Michael Hartmann schießlich bringt viel Zahlen zum
Steueraufkommen, teilweise widersprüchlich, aber ohne
schlüssige Konsequenz, wenn man die unterschwellige "Widerlegung"
Sloterdijks, der ja bewusst nicht ins Zahlendetail gegangen ist, nicht
als solche sieht.
Dagegen verfährt Ulrike Baureithel wie Precht nach dem Prinzip "Wer zu spät kommt, muss auf alle hauen", und Stephan Lessenich schlägt wieder auf die Pauke der "Eliten-Schelte" und "Umverteilung von unten nach oben", als bestünde der Bundesetat nicht zu etwa fünfzig Prozent aus Sozialleistungen. Rudolf Walther wartet mit platter Polemik auf und strapaziert das Totschlagargment "Spießer", und bei den weiteren Autoren überwiegt ebenso die Polemik und ideologische Verdammung aus den unterschiedlichsten Perspektiven, wobei man Sarrazin gleich mit an den Marterpfahl bindet. Gemeinsam
ist vielen Kommentatoren, das sie die Verbindung von Sloterdijk zzu
Nietzsche hervorheben. Das ist zwar nicht verwunderlich, da Sloterdijk
in seinen diversen Werken sich selbst auf den gerne missverstandenen
Philosophen bezieht, doch für die Ideologen der Linken ist
Nietzsche einfach ein zu schönes Feindbild, um ihn nicht als
bereits Verdammten ("Drittes Reich"!) gegen Sloterdijk zu verwende. Insgesamt
liest sich dieses Buch am besten als - vielleicht unfreiwilliger -
Schnappschuss der aktuellen deutschen Gesellschaft, vorzugsweise der
intellektuellen "Eliten"(sic!) mit ihren immer noch vorherrschenden
Ideologien, ihrer Besserwisserei und ihrer wissenschaftlichen wie
politischen Verkrampftheit. Da muss man für einen Philosophen wie
Sloterdijk geradezu dankbar sein, der noch in der Lage ist, solche
Debatten auszulösen, und noch nicht in der Lethargie der
politischen Korrektheit versunken ist. Das
Buch
ist
im
"Argument-Verlag"
unter der ISBN 978-3-86754-307-1 erschienen
und kostet 19,90 €. Frank Raudszus |
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