Gabriele Wohmann: "Wann kommt die Liebe?"

                                                                    
 November 2010
Kurzgeschichten über psychologische Ehe- und Beziehungskriege



 
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BuchumschlagGabriele Wohmann ist bekannt für ihre schonungslose Brandmarkung menschlicher Schwächen, wobei ihre Bücher in der Vergangenheit deutliche Züge von Bitterkeit und Mitleidlosigkeit trugen. Sie verzweifelte an den Menschen und der Welt und zog sich in ihren Werken geradezu in eine eigene Welt zurück, von der sie aus das geistige und moralische Herumirren ihrer Zeitgenossen geißelte. Mittlerweile ist die 1932 geborene Schriftstellerin etwas ruhiger, ja fast weiser geworden und betrachtet die Menschen mit etwas mehr Verständnis, obwohl sie aus ihrer Sicht - der Autorin - nichts hinzugelernt haben. Die vorliegende Sammlung von Kurzgeschichten jedenfalls vermittelt diesen Eindruck, und in diesen zeigt sie sich wieder einmal als Meisterin der Psychologie und vor allem als Kennerin der weiblichen Psyche. Ihre Beobachtungen schneiden wie immer messerscharf in die Realität, doch nicht mehr ganz so bitter und spröde wie früher.

Gleich die erste Geschichte kommt fast humoristisch daher, wenn eine Frau mitten in der Stadt verzweifelt nach einer Möglicjkiet sucht, ein dringendes Bedürfnis zu stillen, doch mit Gleichgültigkeit und Unverständnis abgewiesen wird. Nur ein Kleinkind im Kinderwagen lächelt ihr fröhlich zu und stimmt sie damit etwas froher. In den folgenden Geschichten nimmt Gabriele Wohmann entweder Frauen oder Ehepaare und ihre typischen Rituale und Kleinkriege aufs Korn. Die erfolgreiche Geschäftsfrau, die alle Menschen - vor allem Männer - mit ihrem Lächeln einwickelt, findet nichts dabei, in Hotels und Boutiquen etwas "mitgehen zu lassen", obwohl sie es nicht nötig hätte. Sie empfindet diesen kleinen Triumph als Kompensation für die verschiedenen Frustrationen des Alltags. Da spielt es auch keine Rolle, dass ihr Ladensdiebstahl ein junges Lehrmädchen die Stelle kostet, und nichts liegt ihr ferner als Unrechtsbewusstsein.

In einer anderen Geschichte  verabschiedet eine Ehefrau eine attraktive Bekannte, die sich nach ihrer Scheidung gerade bei ihr ausgeweint hat, und entwickelt während der scheinbar harmlosen Hausarbeit Strategien, um diese Frau von ihrem Mann und von ihrem Freundeskreis fernzuhalten. Beim vermeintlich harmonischen Abendessen schießt sie abwertende Bemerkungen ab und straft den - angeblich - allgemein menschliches Interesse bezeugenden Ehemann mit dem eleganten wie bösartigen Entzug seiner Lieblingsspeise. Die Geschichte "Glück und Unglück" beschreibt die nüchtern-kalte Reaktion einer Ehefrau auf die Diagnose einer schweren Krankheit ihres Mannes. Die beiden Töchter beobachten und sezieren gnadenlos die abgebrühte Haltung ihrer Mutter, die alles andere für wichtiger hält als die Krankheit des Mannes und diesen Stück für Stück zum medizinischen Objekt reduziert.

Zeigt diese Geschichte die mit Lebenserfahrung gesättigte Einsicht in die Entwicklung einer Ehe, so fehlt diese psychologische Tiefe jedoch in der nächsten Geschichte, in der Gabriele Wohmann die Absichten und Wünsche eines Halbwüchsigen hinsichtlich einer Reise zu Verwandten in den USA beschreibt. Das müde Interesse der Eltern und die Einwände gegen die ferne "Mischpoke" sowie die damit verbundene Demotivation des Sohnes kommen zwar gut zum Ausdruck, doch dessen Innenleben wirkt wie von einer fortgeschrittenen Erwachsenen ausgedacht. Dafür gibt sie den Kampf eines Ehepaares um die richtige Ernährung aufs genaueste wieder. Die Frau verfügt "per definitionem" über die Deutungshoheit zur richtigen Ernährung und konterkariert jeden kleinsten Verusch ihres Mannes, auf diesem Gebiet Punkte zu machen. Da sitzen sich zwei gegenüber, essen in scheinbarer ehelicher Harmonie kleine Leckereien und überlegen doch in Wirklichkeit nur, wie sie auf die Gewinnerseite geraten und dem anderen Inkompetenz oder Irrtümer nachweisen können.

Ein extremes Beispiel ist die titelgebende Geschichte "Wann kommt die Liebe", in der eine Spätgebärende sich einen langfristigen Plan ausdenkt, wie sie dem Neugeborenen von Anfang an das größtmögliche Glücksgefühl bescheren kann. Dabei kommt sie auf die Idee, dass so ein kleines Wesen erst richtig leiden muss, um anschließend die Wonne des Glücks richtig erkennen und würdigen zu können. So setzt sie den Kleinen bei offenem Fenster fast nackt der kalten Winterluft aus, um ihm anschließend - blau gefroren - das Glück eines warmen Bettchens zu gönnen. Hier spießt Gabriele Wohmann den aufgebauschten Erziehungs- und Glückswahn vor allem der spät gebärenden Frauen auf.

Auch das Künstlermilieu kommt nicht zu kurz. In einer anderen Geschichte erträgt die Frau des - nicht so erfolgreichen - Schriftstellers (oder Lyrikers) - nicht, dass er noch nicht Mitglied der "Akademie" ist, und traktiert ihn täglich mit Hinweisen auf eben diese und auf andere Künstler, die dort als Mitglieder ein- und ausgehen. Vor allem ein alter Freund der Familie und Musiker, Mitglied eben dieser Akademie, muss als leuchtenden Beispiel herhalten und wird auch gerne zum Vorführen eingeladen. Für den Ehemann gerät dies zur Dauertortur, der er sich nur durch anbiederndes Nachfragen bei dem Freund entziehen kann. Natürlich erhält er eine elegante Abfuhr, doch seine Frau hat ohne sein Wissen die Strategie schon wieder geändert....

Überhaupt kommen die Männer mit den schnellen Volten und Meinungsänderungen der Frauen kaum mit. Haben sie endlich eine Einstellung zu den geheimen Wünschen und Zielen - die natürlich nur auf Umwegen geäußert werden - gewonnen, haben sich diese schon wieder geändert. Die Männer sind in diesem Band die ewigen Verlierer, haben aber den Vorzug größerer Sympathiewerte, denn Gabriele Wohmann kennt ihre Geschlechtsgenossen ganz genau und lässt ihnen gegnüber keine Gnade walten. Den Männern gönnt sie immerhin den Großmut, den man "Losern" gegenüber gerne Schultern klopfend zeigt.

Wer etwas über psychologische Taktiken im Ehekrieg lernen will, sollte sich dieses Buch unbedingt zu Gemüte führen. Nebenbei lernt man(n) auch die Nuancen und Finessen weiblicher Strategien kennen. Das heißt aber nicht, dass man(n) anschließend den nächsten Kampf gewinnt.

Gabriele Wohmann zeigt sich in diesen Geschichten als Meisterin der psychologischen Studien. Leider fällt auch auf, dass die Geschichten und ihre Figuren mehr oder minder in einer altersbedingten Nabelschau zu erstarren beginnen. Denn Kinder gibt es in diesen Geschichten fast gar nicht oder nur als Erwachsene, die selber bereits diese Anzeichen zeigen. Die meist älteren Paare kommunizieren in ihren Geschichten nur untereinander, doch nur selten mit ihren Kindern und schon gar nicht mit Enkeln. Die gibt es nicht. Sarrazin hatte doch recht!

Das Buch ist im "Aufbau-Verlag" unter der ISBN 978-3-351-03310-1 erschienen und kostet 19,95 €.

Frank Raudszus




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