| Gabriele Wohmann: "Wann kommt die Liebe?" |
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Kurzgeschichten über psychologische
Ehe- und Beziehungskriege |
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Gleich
die erste Geschichte kommt fast humoristisch daher, wenn eine Frau
mitten in der Stadt verzweifelt nach einer Möglicjkiet sucht, ein
dringendes Bedürfnis zu stillen, doch mit Gleichgültigkeit
und Unverständnis abgewiesen wird. Nur ein Kleinkind im
Kinderwagen lächelt ihr fröhlich zu und stimmt sie damit
etwas froher. In den folgenden Geschichten nimmt Gabriele Wohmann
entweder Frauen oder Ehepaare und ihre typischen Rituale und
Kleinkriege aufs Korn. Die erfolgreiche Geschäftsfrau, die alle
Menschen - vor allem Männer - mit ihrem Lächeln einwickelt,
findet nichts dabei, in Hotels und Boutiquen etwas "mitgehen zu
lassen", obwohl sie es nicht nötig hätte. Sie empfindet
diesen kleinen Triumph als Kompensation für die verschiedenen
Frustrationen des Alltags. Da spielt es auch keine Rolle, dass ihr
Ladensdiebstahl ein junges Lehrmädchen die Stelle kostet, und
nichts liegt ihr ferner als Unrechtsbewusstsein. In
einer anderen Geschichte verabschiedet eine Ehefrau eine
attraktive Bekannte, die sich nach ihrer Scheidung gerade bei ihr
ausgeweint hat, und entwickelt während der scheinbar harmlosen
Hausarbeit Strategien, um diese Frau von ihrem Mann und von ihrem
Freundeskreis fernzuhalten. Beim vermeintlich harmonischen Abendessen
schießt sie abwertende Bemerkungen ab und straft den - angeblich
- allgemein menschliches Interesse bezeugenden Ehemann mit dem
eleganten wie bösartigen Entzug seiner Lieblingsspeise. Die
Geschichte "Glück und Unglück" beschreibt die
nüchtern-kalte Reaktion einer Ehefrau auf die Diagnose einer
schweren Krankheit ihres Mannes. Die beiden Töchter beobachten und
sezieren gnadenlos die abgebrühte Haltung ihrer Mutter, die alles
andere für wichtiger hält als die Krankheit des Mannes und
diesen Stück für Stück zum medizinischen Objekt
reduziert. Zeigt
diese Geschichte die mit Lebenserfahrung gesättigte Einsicht in
die Entwicklung einer Ehe, so fehlt diese psychologische Tiefe jedoch
in der nächsten Geschichte, in der Gabriele Wohmann die Absichten
und Wünsche eines Halbwüchsigen hinsichtlich einer Reise zu
Verwandten in den USA beschreibt. Das müde Interesse der Eltern
und die Einwände gegen die ferne "Mischpoke" sowie die damit
verbundene Demotivation des Sohnes kommen zwar gut zum Ausdruck, doch
dessen Innenleben wirkt wie von einer fortgeschrittenen Erwachsenen
ausgedacht. Dafür gibt sie den Kampf eines Ehepaares um die
richtige Ernährung aufs genaueste wieder. Die Frau verfügt
"per definitionem" über die Deutungshoheit zur richtigen
Ernährung und konterkariert jeden kleinsten Verusch ihres Mannes,
auf diesem Gebiet Punkte zu machen. Da sitzen sich zwei gegenüber,
essen in scheinbarer ehelicher Harmonie kleine Leckereien und
überlegen doch in Wirklichkeit nur, wie sie auf die Gewinnerseite
geraten und dem anderen Inkompetenz oder Irrtümer nachweisen
können. Ein
extremes Beispiel ist die titelgebende Geschichte "Wann kommt die
Liebe", in der eine Spätgebärende sich einen langfristigen
Plan ausdenkt, wie sie dem Neugeborenen von Anfang an das
größtmögliche Glücksgefühl bescheren kann.
Dabei kommt sie auf die Idee, dass so ein kleines Wesen erst richtig
leiden muss, um anschließend die Wonne des Glücks richtig
erkennen und würdigen zu können. So setzt sie den Kleinen bei
offenem Fenster fast nackt der kalten Winterluft aus, um ihm
anschließend - blau gefroren - das Glück eines warmen
Bettchens zu gönnen. Hier spießt Gabriele Wohmann den
aufgebauschten Erziehungs- und Glückswahn vor allem der spät
gebärenden Frauen auf. Auch
das Künstlermilieu kommt nicht zu kurz. In einer anderen
Geschichte erträgt die Frau des - nicht so erfolgreichen -
Schriftstellers (oder Lyrikers) - nicht, dass er noch nicht Mitglied
der "Akademie" ist, und traktiert ihn täglich mit Hinweisen auf
eben diese und auf andere Künstler, die dort als Mitglieder ein-
und ausgehen. Vor allem ein alter Freund der Familie und Musiker,
Mitglied eben dieser Akademie, muss als leuchtenden Beispiel herhalten
und wird auch gerne zum Vorführen eingeladen. Für den Ehemann
gerät dies zur Dauertortur, der er sich nur durch anbiederndes
Nachfragen bei dem Freund entziehen kann. Natürlich erhält er
eine elegante Abfuhr, doch seine Frau hat ohne sein Wissen die
Strategie schon wieder geändert.... Überhaupt
kommen die Männer mit den schnellen Volten und
Meinungsänderungen der Frauen kaum mit. Haben sie endlich eine
Einstellung zu den geheimen Wünschen und Zielen - die
natürlich nur auf Umwegen geäußert werden - gewonnen,
haben sich diese schon wieder geändert. Die Männer sind in
diesem Band die ewigen Verlierer, haben aber den Vorzug
größerer Sympathiewerte, denn Gabriele Wohmann kennt ihre
Geschlechtsgenossen ganz genau und lässt ihnen gegnüber keine
Gnade walten. Den Männern gönnt sie immerhin den
Großmut, den man "Losern" gegenüber gerne Schultern klopfend
zeigt. Wer
etwas über psychologische Taktiken im Ehekrieg lernen will, sollte
sich dieses Buch unbedingt zu Gemüte führen. Nebenbei lernt
man(n) auch die Nuancen und Finessen weiblicher Strategien kennen. Das
heißt aber nicht, dass man(n) anschließend den
nächsten Kampf gewinnt. Gabriele
Wohmann zeigt sich in diesen Geschichten als Meisterin der
psychologischen Studien. Leider fällt auch auf, dass die
Geschichten und ihre Figuren mehr oder minder in einer altersbedingten
Nabelschau zu erstarren beginnen. Denn Kinder gibt es in diesen
Geschichten fast gar nicht oder nur als Erwachsene, die selber bereits
diese Anzeichen zeigen. Die meist älteren Paare kommunizieren in
ihren Geschichten nur untereinander, doch nur selten mit ihren Kindern
und schon gar nicht mit Enkeln. Die gibt es nicht. Sarrazin hatte doch
recht! Das
Buch
ist
im
"Aufbau-Verlag"
unter der ISBN 978-3-351-03310-1 erschienen und kostet 19,95 €. Frank
Raudszus |
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