Barbara Ehrenreich:"Smile or Die"
                                                                    
 Dezember 2010
Untertitel: "Wie die Ideologie des positiven Denkens die Welt verdummt"



 
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BuchumschlagEin gängiger Slogan in Wirtschaft und Gesellschaft lautet heute, "positiv" zu denken und bei Krisen eher die Chancen für Neues zu sehen als die Risiken und den Verlust des Bestehenden zu bejammern. Das hört sich im ersten Augenblick vernünftig an und ist im Prinzip auch nicht zu bestreiten, doch ein solches Denken kann sich auch ad absurdum führen und schließlich in weitgehenden Realitätsverlust münden. Die US-amerikanische Physikerin und Journalistin Barbara Ehrenreich hat sich in dem vorliegenden Buch vor allem der amerikanischen Ausprägung des positiven Denkens kritisch angenommen, da es hier am stärksten ausgeprägt ist.

Sie beginnt mit einer eigenen Erfahrung: einer Krebserkrankung. Im Rahmen ihrer Erkundungen zu diesem lebensbedrohenden Thema stieß sie auf eine ganze Schule des positiven Denkens, das darin besteht, nicht nur die Chancen einer solchen Erkranklung im Sinne einer Selbstbesinnung zu sehen, sondern auch daran zu glauben, dass der Krebs durch den puren Glauben an die Heilung zu überwinden sei. Man hört zwar immer wieder von solchen Fällen, aber die generelle Akzeptanz einer solchen Therapie liefe darauf hinaus, letztlich allen Krebstoten nachträglich die Schuld an ihrem Tod zu geben.

Ausgehend von dieser eigenen, teilweise grotesken und ungewollt zynischen Erfahrung hat die Autorin die Ursachen des US-weit verbreiteten "positiven Denkens" erforscht. Sie leitet es aus dem Calvinismus her, der selbst wieder Vater all der puritanischen Religionsvarianten ist, die sich nach der Einwanderung der "Pilgrim Fathers" in den späteren USA ausgebreitet haben. Danach kann (und muss!) jeder seine Glück durch eigene Anstrengung erreichen, und ausbleibender Erfolg ist stets ein Zeichen mangelhafter Anstrengungen. Fast zwangsläufig ergibt sich aus diesem Glauben ein prinzipieller Optimismus, der alles für machbar hält. Unleugbar hat dieser amerikanische Optimismus in der Vergangenheit zu bedeutenden ökonomischen und militärischen Erfolgen geführt, aber auch zu Desastern - Weltwirtschaftskrise, Vietnam und aktuelle Finanzkrise lassen grüßen.

In den letzten zwanzig Jahren hat sich laut Ehrenreich der "na[t]ive" Optimismus der Amerikaner zu einem landesweiten, blühenden Geschäftszweig entwickelt. Vor allem die Kirchen haben den Bedarf an weltlicher Tröstung und gutem Zureden erkannt und ihr "Geschäftsmodell" entsprechend angepasst. Die modernen Kirchengemeinden suchen und finden ihren Erfolg im "positiven Denken". Nicht mehr Sünde und Erlösung stehen im Mittelpunkt der Predigten, sondern die Kraft des Glaubens an den eigenen wirtschaftlichen und privaten Erfolg. Die göttliche Instanz wird sozusagen als Heilsbringer in die Pflicht genommen und ihre Bringschuld eingefordert. Der Erfolg gibt den neuen Kirchenvätern recht, sind doch die Gemeindegrößen und die entsprechenden Spenden seitdem sprunghaft gestiegen. Die Kirche hat sich laut Barbara Ehrenreich in den USA zu einer "Glücksindustrie" entwickelt, die ihren Mitgliedern jeden Erfolg verspricht, solange sie nur fest genug daran glauben. Dass dabei auch die Kirchen und ihre Gründer finanziell prächtig gedeihen, versteht sich von selbst und wirft eine erhellendes Licht auf die religiösen Institutionen in den USA. Hier nennt die Autorin eine Reihe (in den USA) bekannter Namen und charakterisiert jeden dieser modernen "Prediger" recht detailliert.

Ausgehend von dieser Entwicklung in den US-Kirchen hat sich ein ganzer Industriezweig säkularer Motivationsberater entwickelt, die ihre Dienste der Industrie anbieten. Sehr schnell haben laut Barbara Ehrenreich vor allem die großen Unternehmen gemerkt, dass sie das positive Denken in mehrfacher Hinsicht gewinnbringend einsetzen können: einerseits zur Produktivitätssteigerung innerhalb des Unternehmens, andererseits zur "Neu-Motivation" der verbleibenden und nun doppelt geforderten Belegschaft nach einer Entlassungswelle, aber vor allem zur "Sedierung" der Entlassenen, denen man die Kündigung als einmalige Chance für einen neuen Karriereschritt außerhalb der alten Firma verkaufen kann. Darüber hinaus haben sich laut Ehrenreich die Gurus des "positiven Denkens" in den Chefetagen der US-Wirtschaft festgesetzt und dort einen Paradigmenwechsel herbeigeführt. Nicht mehr rationales Management auf der Basis von Fakten und Zahlen steht im Vordergrund, sondern das "Bauchgefühl", die "Vision" und der unerschütterliche Glaube, dass alles gelingt, was man es sich vornimmt. Man muss halt nur fest genug daran glauben und notfalls die Augen vor den Fakten verschließen. In diesem Zusammenhang beschreibt die Autorin detailliert die Mentalität der Geschäftsführung von "Lehman Brothers", wobei teilweise der berufliche Hintergrund der Entscheidungsträger - kaum Bankkenntnisse! - eine entlarvende Rolle spielt.

Barbara Ehrenreich verweist auch auf die Tatsache, dass sich sogar die wissenschaftliche Psychologie von der Welle des "positiven Denkens" hat anstecken lassen und tatsächlich die Wirkung dieser Ideologie - denn nur als das kann man das positive Denken aus der Sicht der Autorin bezeichnen - mit (pseudo-)wissenschaftlichen Argumenten belegt. Diesen Sachverhalt hält sie für besonders kritisch, weil bisher die Wissenschaft mit ihrer professionellen Rationalität den einzigen Gegenpol zu Ideologien und irrationalen Visionen bildete. Glücklicherweise kann sie auch einige Experten zitieren, die die Fragwürdigkeit eines "institutionalisierten" positiven Denkens deutlich aussprechen und sich vehement dagen wenden.

Am Ende zeigt Barbara Ehrenreich deutlich auf, dass bei einer Fortsetzung dieses geradezu naiven Kinderglaubens an die Erfüllbarkeit jeglicher Wünsche die Wirtschaft der USA schweren Schaden nehmen wird, soweit sie das noch nicht getan hat - siehe "Lehman Brothers". Im "Postskriptum" weist sie auf Ähnlichkeiten zu anderen Ideologien wie dem Sowjetkommunismus (sic!) hin. Wie dieser grenzt auch der neue "Positivismus" seine Gegner konsequent aus, wenn auch nicht durch Gulag oder Gefängnis. In den Kirchen geschieht dies scheinbar tolerant durch Bloßstellung, in den Unternehmen durch zunehmenden Druck bis zur Trennung von "negativen" Mitarbeitern. Die Vertreter der neuen Religion fordern ihre Adepten ausdrücklich auf, sich zum Eigenschutz von allem Negativen in der eigenen Umgebung zu trennen, und das heißt eben auch die Entfernung aus dem Arbeitsverhältnis. Des Weiteren weist sie auf Statistiken hin, die besagen, dass die Ideologie des Positiven vornehmlich in der Welt der Wohlhabenden vertreten ist. Das nimmt im ersten Augenblick nicht Wunder, da Reichtum eben zufriedener oder gar glücklicher macht als Armut - "Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt außerordentlich!" -, doch es zeigt auch deutlich, dass die in den USA immer reicher werdenden Reichen das positive Denken vor allem dazu benutzen, um den Armen ihre Situation schönzureden, ähnlich wie es die katholische Kirche im Mittelalter mit den Verheißungen des Jenseits tat.

Man wundert sich bisweilen, warum Barbara Ehrenreich es fast peinlich genau vermeidet, auf die grundsätzlichen - und wohl auch von ihr kaum bestrittenen - Vorzüge einer positiven Lebenseinstellung hinzuweisen. Das lässt sich nur so erklären, dass sie eine solche Erklärung wahrscheinlich als "Weichspülen" ihrer dringend notwendigen aufklärung über die Auswüchse und den Missbrauch des positiven Denkens aufgefasst hätte. Nicht die ausgewogene Darstellung eines neuen Trends sondern die kritische Darstellung einer gefährlichen Ideologie lagen ihr am Herzen.

Ein umfangreiches, nach Kapiteln geordnetes Register enthält eine Fülle von Literaturverweisen und Quellenangaben.

Das Buch ist im "Kunstmann-Verlag" erschienen, umfasst 254 Seiten und kostet 19,90 €.

Frank Raudszus




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