| Barbara Ehrenreich:"Smile or Die" |
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Untertitel: "Wie die Ideologie des
positiven Denkens die Welt verdummt" |
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Sie
beginnt mit einer eigenen Erfahrung: einer Krebserkrankung. Im Rahmen
ihrer Erkundungen zu diesem lebensbedrohenden Thema stieß sie auf
eine ganze Schule des positiven Denkens, das darin besteht, nicht nur
die Chancen einer solchen Erkranklung im Sinne einer Selbstbesinnung zu
sehen, sondern auch daran zu glauben, dass der Krebs durch den puren
Glauben an die Heilung zu überwinden sei. Man hört zwar immer
wieder von solchen Fällen, aber die generelle Akzeptanz einer
solchen Therapie liefe darauf hinaus, letztlich allen Krebstoten
nachträglich die Schuld an ihrem Tod zu geben. Ausgehend
von dieser eigenen, teilweise grotesken und ungewollt zynischen
Erfahrung hat die Autorin die Ursachen des US-weit verbreiteten
"positiven Denkens" erforscht. Sie leitet es aus dem Calvinismus her,
der selbst wieder Vater all der puritanischen Religionsvarianten ist,
die sich nach der Einwanderung der "Pilgrim Fathers" in den
späteren USA ausgebreitet haben. Danach kann (und muss!) jeder
seine Glück durch eigene Anstrengung erreichen, und ausbleibender
Erfolg ist stets ein Zeichen mangelhafter Anstrengungen. Fast
zwangsläufig ergibt sich aus diesem Glauben ein prinzipieller
Optimismus, der alles für machbar hält. Unleugbar hat dieser
amerikanische Optimismus in der Vergangenheit zu bedeutenden
ökonomischen und militärischen Erfolgen geführt, aber
auch zu Desastern - Weltwirtschaftskrise, Vietnam und aktuelle
Finanzkrise lassen grüßen. In
den letzten zwanzig Jahren hat sich laut Ehrenreich der "na[t]ive"
Optimismus der Amerikaner zu einem landesweiten, blühenden
Geschäftszweig entwickelt. Vor allem die Kirchen haben den Bedarf
an weltlicher Tröstung und gutem Zureden erkannt und ihr
"Geschäftsmodell" entsprechend angepasst. Die modernen
Kirchengemeinden suchen und finden ihren Erfolg im "positiven Denken".
Nicht mehr Sünde und Erlösung stehen im Mittelpunkt der
Predigten, sondern die Kraft des Glaubens an den eigenen
wirtschaftlichen und privaten Erfolg. Die göttliche Instanz wird
sozusagen als Heilsbringer in die Pflicht genommen und ihre Bringschuld
eingefordert. Der Erfolg gibt den neuen Kirchenvätern recht, sind
doch die Gemeindegrößen und die entsprechenden Spenden
seitdem sprunghaft gestiegen. Die Kirche hat sich laut Barbara
Ehrenreich in den USA zu einer "Glücksindustrie" entwickelt, die
ihren Mitgliedern jeden Erfolg verspricht, solange sie nur fest genug
daran glauben. Dass dabei auch die Kirchen und ihre Gründer
finanziell prächtig gedeihen, versteht sich von selbst und wirft
eine erhellendes Licht auf die religiösen Institutionen in den
USA. Hier nennt die Autorin eine Reihe (in den USA) bekannter Namen und
charakterisiert jeden dieser modernen "Prediger" recht detailliert. Ausgehend
von dieser Entwicklung in den US-Kirchen hat sich ein ganzer
Industriezweig säkularer Motivationsberater entwickelt, die ihre
Dienste der Industrie anbieten. Sehr schnell haben laut Barbara
Ehrenreich vor allem die großen Unternehmen gemerkt, dass sie das
positive Denken in mehrfacher Hinsicht gewinnbringend einsetzen
können: einerseits zur Produktivitätssteigerung innerhalb des
Unternehmens, andererseits zur "Neu-Motivation" der verbleibenden und
nun doppelt geforderten Belegschaft nach einer Entlassungswelle, aber
vor allem zur "Sedierung" der Entlassenen, denen man die Kündigung
als einmalige Chance für einen neuen Karriereschritt
außerhalb der alten Firma verkaufen kann. Darüber hinaus
haben sich laut Ehrenreich die Gurus des "positiven Denkens" in den
Chefetagen der US-Wirtschaft festgesetzt und dort einen
Paradigmenwechsel herbeigeführt. Nicht mehr rationales Management
auf der Basis von Fakten und Zahlen steht im Vordergrund, sondern das
"Bauchgefühl", die "Vision" und der unerschütterliche Glaube,
dass alles gelingt, was man es sich vornimmt. Man muss halt nur fest
genug daran glauben und notfalls die Augen vor den Fakten
verschließen. In diesem Zusammenhang beschreibt die Autorin
detailliert die Mentalität der Geschäftsführung von
"Lehman Brothers", wobei teilweise der berufliche Hintergrund der
Entscheidungsträger - kaum Bankkenntnisse! - eine entlarvende
Rolle spielt. Barbara
Ehrenreich verweist auch auf die Tatsache, dass sich sogar die
wissenschaftliche Psychologie von der Welle des "positiven Denkens" hat
anstecken lassen und tatsächlich die Wirkung dieser Ideologie -
denn nur als das kann man das positive Denken aus der Sicht der Autorin
bezeichnen - mit (pseudo-)wissenschaftlichen Argumenten belegt. Diesen
Sachverhalt hält sie für besonders kritisch, weil bisher die
Wissenschaft mit ihrer professionellen Rationalität den einzigen
Gegenpol zu Ideologien und irrationalen Visionen bildete.
Glücklicherweise kann sie auch einige Experten zitieren, die die
Fragwürdigkeit eines "institutionalisierten" positiven Denkens
deutlich aussprechen und sich vehement dagen wenden. Am
Ende zeigt Barbara Ehrenreich deutlich auf, dass bei einer Fortsetzung
dieses geradezu naiven Kinderglaubens an die Erfüllbarkeit
jeglicher Wünsche die Wirtschaft der USA schweren Schaden nehmen
wird, soweit sie das noch nicht getan hat - siehe "Lehman Brothers". Im
"Postskriptum" weist sie auf Ähnlichkeiten zu anderen Ideologien
wie dem Sowjetkommunismus (sic!) hin. Wie dieser grenzt auch der neue
"Positivismus" seine Gegner konsequent aus, wenn auch nicht durch Gulag
oder Gefängnis. In den Kirchen geschieht dies scheinbar tolerant
durch Bloßstellung, in den Unternehmen durch zunehmenden Druck
bis zur Trennung von "negativen" Mitarbeitern. Die Vertreter der neuen
Religion fordern ihre Adepten ausdrücklich auf, sich zum
Eigenschutz von allem Negativen in der eigenen Umgebung zu trennen, und
das heißt eben auch die Entfernung aus dem
Arbeitsverhältnis. Des Weiteren weist sie auf Statistiken hin, die
besagen, dass die Ideologie des Positiven vornehmlich in der Welt der
Wohlhabenden vertreten ist. Das nimmt im ersten Augenblick nicht
Wunder, da Reichtum eben zufriedener oder gar glücklicher macht
als Armut - "Geld macht nicht glücklich, aber es beruhigt
außerordentlich!" -, doch es zeigt auch deutlich, dass die in den
USA immer reicher werdenden Reichen das positive Denken vor allem dazu
benutzen, um den Armen ihre Situation schönzureden, ähnlich
wie es die katholische Kirche im Mittelalter mit den Verheißungen
des Jenseits tat. Man
wundert sich bisweilen, warum Barbara Ehrenreich es fast peinlich genau
vermeidet, auf die grundsätzlichen - und wohl auch von ihr kaum
bestrittenen - Vorzüge einer positiven Lebenseinstellung
hinzuweisen. Das lässt sich nur so erklären, dass sie eine
solche Erklärung wahrscheinlich als "Weichspülen" ihrer
dringend notwendigen aufklärung über die Auswüchse und
den Missbrauch des positiven Denkens aufgefasst hätte. Nicht die
ausgewogene Darstellung eines neuen Trends sondern die kritische
Darstellung einer gefährlichen Ideologie lagen ihr am Herzen. Ein
umfangreiches, nach Kapiteln geordnetes Register enthält eine
Fülle von Literaturverweisen und Quellenangaben. Das
Buch
ist
im
"Kunstmann-Verlag"
erschienen, umfasst 254 Seiten und kostet 19,90 €. Frank
Raudszus |
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