Theater und Konzert
Michail Schischkin: "Venushaar"

September 2011



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Ein Roman über Russland, der irische Assoziationen weckt


BuchumschlagDer Titel dieses Buches ist geeignet, falsche Assoziationen oder gar Wünsche zu wecken. Das, was man(n) sich vielleicht darunter vorstellt, wird man auf über fünfhundert Seiten nicht finden, doch dabei eine Fülle anderer - historischer, politischer, mythischer, literarischer und künstlerischer - Assoziationen erleben. Auf eine leichte Lektüre darf man dabei nicht hoffen, und schon diese Tatsache führt - neben anderen - zurück zu James Joyce, der einst seine Heimat Dublin und mit ihr die Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts in einen einzigen Tag packte.

Michail Schischkins Roman ist eindeutig autobiographisch gefärbt. Er selbst ist in den neunziger Jahren in die Schweiz ausgewandert und arbeitet dort heute als Dolmetscher in Asylverfahren. So ist auch eine seienr Hauptpersonen ein russischer "Dolmetsch" in Schweizer Diensten, und die Geschichte beginnt mit dem üblichen Frage- und Antwortspiel zwischen dem Asylbewerber und dem Dolmetsch, der dabei sozusagen in Personalunion mit dem Schweizer Sachbearbeiter agiert. Schon auf den ersten Seiten merkt der Leser, dass es Schischkin weniger um die realistische Darstellung der Situation in Schweizer Asylverfahren geht als vielmehr um die Befindlichkeit entwurzelter Asylanten, die in einer fremden und für sie kalten Welt gelandet sind. Politische Anklagen oder gar Agitation gegen eine vermeintliche Abschottung des Westens sind nicht seine Themen sondern die Erinnerungen an die russische Heimat und deren historische Last der letzten hundert Jahre.

In einem Handlungsstrang schildert Schischkin das Leben des Exilanten in Westeuropa - hauptsächlich in der Schweiz und in Rom -, wo auch der Autor lebt. Sein Protagoniost ist eine Zeitlang liiert mit einer jungen Frau, die ihren Lebenspartner bei einem Autounfall verlor und in dem "Dolmetsch" letztlich nur einen - ungenügenden - Ersatz sieht. Schließlich verlässt sie ihn wegen anhaltender Streitigkeiten, wobei der Leser nie erfährt, worum es bei diesen Auseinandersetzungen eigentlich geht. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die junge Frau mit dem Tod des ersten Mannes nicht fertig wird und sich daher nie auf den zweiten einlassen kann. Doch das ist zweitrangig, denn Schischkin thematisiert nicht den Verlust der Beziehung, sondern schildert ihn eher lakonisch als eine unaufhaltsame Notwendigkeit, die man hinnehmen muss. Die Beziehung zwischen den beiden und die Gespräche, die sie führen, baut er zu einem Panorama der Assoziationen aus. Von Tristan und Isolde bis zu Daphnis und Chloë wandert er durch die Paargestalten der Literatur und der Mythen und handelt an ihnen das Wesen der Paarbeziehung ab. Daraus entsteht ein Kaleidoskop literarisch-mythischer Verweise, die an James Joyce erinnern. Einhundert Jahre nach Leopold Bloom und Stephen Daedalus durchwandern wieder entwurzelte Gestalten den mythischen und historischen Hintergrund ihres Volkes. Dabei baut Schischkin keine logisch nachvollziehbare Geschichte auf, sondern lässt die Assoziationen frei fließen. Die alten Griechen - Xenophon - spielen dabei ebenso eine Rolle wie die antiken Perser oder Kaukasier. Bei der Schilderung kriegerischer Grausamkeiten weiß man bisweilen nicht, in welcher Epoche sie spielen. Es könnte sowohl der antike Kaukasus wie auch das heutige Tschetschenien sein. Schischkin lässt den Leser bewusst im Unklaren und verleiht dem Roman dadurch einen meta-historischen, das aktuelle Leid zwar nicht relativierenden aber in einen allgemein-(un)menschlichen Rahmen einordnenden Aspekt. Der Leser muss sich dem Strom der Assoziationen hingeben, ohne darin eine logische Handlungsstruktur zu identifizieren. Das gestaltet die Lektüre  zeitweise mühsam, hinterlässt jedoch den Eindruck der zeitlosen Gültigkeit der "conditio humana".

Parallel zu dieser assoziativen Rahmenhandlung schildert er die exemplarische Biographie einer russischen Frau des 20. Jahrhunderts in Form eines Tagebuchs. Die Protagonistin wächst vor dem ersten Weltkrieg im südrussischen Rostow als Tochter eines wohlsituierten Arztes auf, der neben einer Geliebten auch noch soziale Aktivitäten unterhält. Die ersten Verliebtheiten, die erste echte Liebe zu einem jungen Mann, der im Krieg an der Front fällt, die Stürme und Grausamkeiten der Revolution und der Versuch einer bescheidenen Bürgerlichkeit in den zwanziger Jahren stehen im Mittelpunkt dieser Tagebucheintragungen. Die junge Frau hat schon als Kind ihre Neigung zur Schauspielerei und zum Gesang entdeckt und folgt dieser Liebe später konsequent. Verschiedene Männer fördern ihre Karriere, werden jedoch nicht immer entsprechend "belohnt". Die Bühne und ihre Selbstdarstellung auf derselben haben einen höheren Stellenwert als erotische Beziehungen, die letztlich nur der wirtschaftlichen Absicherung dienen. Schischkin beschreibt damit ein - aus seiner Sicht - typisches Leben in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts in Russland. Der Terror der Bolschewisten wird zwar angedeutet, aber nicht im Detail ausgeführt, so dass ein unbedarfter Leser diese Terrorakte für Einzelfälle halten könnte. Irgendwann Ende der zwanziger Jahre fehlen die Datumsangaben im Tagebuch, und die Einträge nehmen stark assoziativen Charakter an. Damit nähert sich diese anfangs sehr realistische Darstellung der anderen um die zwei Protagonisten der Jetztzeit.

Lange Zeit vermutet der Leser eine Verbindung zwischen den beiden Handlungssträngen, so wie es bei den meisten Romanen üblich ist, bei denen im Laufe der Zeit die Personen und Ereignisse der einzelnen Stränge zueinander finden und schließlich einen "Aha"-Effekt auslösen. Doch Schischkin will weder einen politischen noch einen gesellschaftskritischen oder gar moralistischen Roman schreiben. Er "dekonstruiert" die Welt eher in scheinbar ziellose Lebensläufe, die irgenwann versickern. Und so, wie das Leben der künstlerischen Protagonistin aus Zaren- und Revolutionszeiten irgendwann in einer nebulösen Zeit und Situation in freien Assoziationen versickert, schwindet auch die Identität des "Dolmetsch" in Rom und der Schweiz dahin. Alltagshandlungen, Ziele und gesellschaftliche Zustände verlieren ihre Bedeutung gegenüber einer zunehmden Innenwendung, die sich in Assoziationen und ausufernden Gedankenströmen ergeht. Ein innerer Monolog der russischen Künstlerin gegen Ende des Buches setzt sich auf nahezu zwanzig Seiten ausschließlich mit der frei fließenden Flut der Gedanken auseinander, die von einer Assoziation zur anderen wandern und sowohl örtliche wie auch zeitliche Bezüge auflösen. Man fühlt sich hier in gewisser Weise an den Monolg der Molly aus Joyces "Ulysses" erinnert, nur das Schischkin normale Interpunktion einsetzt, um die Verständlichkeit zu wahren.

Am Ende führt Schischkin wie in einem Traum Personen aus unterschiedlichen Kontexten zusammen, als sei dies ganz natürlich. Jeder kennt diese Träume, in denen plötzlich die längst verstorbene Mutter mit dem aktuellen Kollegen zusammentrifft oder alte Jugendfreunde in surrealistuisch anmutenden Kontexten auftauchen oder sich gar verwandeln. An diese Art von (Wach-)Traum erinnert das Buch zum Schluss immer stärker, wenn der "Dolmetsch" plötzlich wie selbstverständlich mit der ehemaligen, gehassliebten Lehrerin aus Russland durch Roms Museen und Sehenswürdigkeiten zieht. Die Auflösung der Logik ist gleichermaßen Ursache und Wirkung des hohen poetischen Gehalts dieses Buches. So wie ja auch moderne Lyrik nicht unbedingt eindeutig nachvollziehbare Aussagen trifft, verzichtet auch Schischkin auf eine konsistente Deutung der Welt. Er misstraut offensichtlich allen, die eine eindeutige - meist nur die je eigene - Deutung in die Welt bringen wollen, und stellt stattdessen das Individuum mitten in eine so unverständliche wie oftmals grausame Welt, die keinem erkennbaren Ziel zuzustreben scheint. Er jedenfalls, Schischkin, maßt sich nicht an, dieses Ziel erkannt zu haben.

Die Lektüre dieses Buches erfordert viel Geduld und die Bereitschaft, sich auf die assoziativen Strukturen des Textes einzulassen. Kenntnisse der alten und neueren Geschichte sowie der Mythologie sind für das Verständnis nicht nur hilfreich, sondern bisweilen notwendig. Der Übersetzer Andreas Tretner hat jedoch entgegen den Gepflogenheiten der Romangattung ein Register angefügt, in dem er auf knapp zwanzig Seiten die historischen, mythischen und literarischen Verweise und Assoziationen kurz erläutert. Diesen Anhang sollte man sich nach der Lektüre des Buches unbedingt zu Gemüte führen.

Das Buch "Venushaar" ist in der Deutschen Verlags-Anstalt (DVA) unter der ISBN 978-3-421-04441-9 erschienen, umfasst 555 Seiten und kostet 24,99 €.

Frank Raudszus

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