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Michail Schischkin: "Venushaar" |
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Ein Roman über
Russland, der irische Assoziationen weckt |
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Michail Schischkins Roman
ist eindeutig autobiographisch gefärbt. Er selbst
ist in den neunziger Jahren in die Schweiz ausgewandert
und arbeitet dort heute als Dolmetscher in
Asylverfahren. So ist auch eine seienr Hauptpersonen ein
russischer "Dolmetsch" in Schweizer Diensten, und die
Geschichte beginnt mit dem üblichen Frage- und
Antwortspiel zwischen dem Asylbewerber und dem
Dolmetsch, der dabei sozusagen in Personalunion mit dem
Schweizer Sachbearbeiter agiert. Schon auf den ersten
Seiten merkt der Leser, dass es Schischkin weniger um
die realistische Darstellung der Situation in Schweizer
Asylverfahren geht als vielmehr um die Befindlichkeit
entwurzelter Asylanten, die in einer fremden und
für sie kalten Welt gelandet sind. Politische
Anklagen oder gar Agitation gegen eine vermeintliche
Abschottung des Westens sind nicht seine Themen sondern
die Erinnerungen an die russische Heimat und deren
historische Last der letzten hundert Jahre. In einem Handlungsstrang
schildert Schischkin das Leben des Exilanten in
Westeuropa - hauptsächlich in der Schweiz und in
Rom -, wo auch der Autor lebt. Sein Protagoniost ist
eine Zeitlang liiert mit einer jungen Frau, die ihren
Lebenspartner bei einem Autounfall verlor und in dem
"Dolmetsch" letztlich nur einen - ungenügenden -
Ersatz sieht. Schließlich verlässt sie ihn
wegen anhaltender Streitigkeiten, wobei der Leser nie
erfährt, worum es bei diesen Auseinandersetzungen
eigentlich geht. Es drängt sich der Eindruck auf,
dass die junge Frau mit dem Tod des ersten Mannes nicht
fertig wird und sich daher nie auf den zweiten einlassen
kann. Doch das ist zweitrangig, denn Schischkin
thematisiert nicht den Verlust der Beziehung, sondern
schildert ihn eher lakonisch als eine unaufhaltsame
Notwendigkeit, die man hinnehmen muss. Die Beziehung
zwischen den beiden und die Gespräche, die sie
führen, baut er zu einem Panorama der Assoziationen
aus. Von Tristan und Isolde bis zu Daphnis und
Chloë wandert er durch die Paargestalten der
Literatur und der Mythen und handelt an ihnen das Wesen
der Paarbeziehung ab. Daraus entsteht ein Kaleidoskop
literarisch-mythischer Verweise, die an James Joyce
erinnern. Einhundert Jahre nach Leopold Bloom und
Stephen Daedalus durchwandern wieder entwurzelte
Gestalten den mythischen und historischen Hintergrund
ihres Volkes. Dabei baut Schischkin keine logisch
nachvollziehbare Geschichte auf, sondern lässt die
Assoziationen frei fließen. Die alten Griechen -
Xenophon - spielen dabei ebenso eine Rolle wie die
antiken Perser oder Kaukasier. Bei der Schilderung
kriegerischer Grausamkeiten weiß man bisweilen
nicht, in welcher Epoche sie spielen. Es könnte
sowohl der antike Kaukasus wie auch das heutige
Tschetschenien sein. Schischkin lässt den Leser
bewusst im Unklaren und verleiht dem Roman dadurch einen
meta-historischen, das aktuelle Leid zwar nicht
relativierenden aber in einen allgemein-(un)menschlichen
Rahmen einordnenden Aspekt. Der Leser muss sich dem
Strom der Assoziationen hingeben, ohne darin eine
logische Handlungsstruktur zu identifizieren. Das
gestaltet die Lektüre zeitweise mühsam,
hinterlässt jedoch den Eindruck der zeitlosen
Gültigkeit der "conditio humana". Parallel zu dieser
assoziativen Rahmenhandlung schildert er die
exemplarische Biographie einer russischen Frau des 20.
Jahrhunderts in Form eines Tagebuchs. Die Protagonistin
wächst vor dem ersten Weltkrieg im
südrussischen Rostow als Tochter eines
wohlsituierten Arztes auf, der neben einer Geliebten
auch noch soziale Aktivitäten unterhält. Die
ersten Verliebtheiten, die erste echte Liebe zu einem
jungen Mann, der im Krieg an der Front fällt, die
Stürme und Grausamkeiten der Revolution und der
Versuch einer bescheidenen Bürgerlichkeit in den
zwanziger Jahren stehen im Mittelpunkt dieser
Tagebucheintragungen. Die junge Frau hat schon als Kind
ihre Neigung zur Schauspielerei und zum Gesang entdeckt
und folgt dieser Liebe später konsequent.
Verschiedene Männer fördern ihre Karriere,
werden jedoch nicht immer entsprechend "belohnt". Die
Bühne und ihre Selbstdarstellung auf derselben
haben einen höheren Stellenwert als erotische
Beziehungen, die letztlich nur der wirtschaftlichen
Absicherung dienen. Schischkin beschreibt damit ein -
aus seiner Sicht - typisches Leben in der ersten
Hälfte des ersten Jahrhunderts in Russland. Der
Terror der Bolschewisten wird zwar angedeutet, aber
nicht im Detail ausgeführt, so dass ein unbedarfter
Leser diese Terrorakte für Einzelfälle halten
könnte. Irgendwann Ende der zwanziger Jahre fehlen
die Datumsangaben im Tagebuch, und die Einträge
nehmen stark assoziativen Charakter an. Damit
nähert sich diese anfangs sehr realistische
Darstellung der anderen um die zwei Protagonisten der
Jetztzeit. Lange Zeit vermutet der
Leser eine Verbindung zwischen den beiden
Handlungssträngen, so wie es bei den meisten
Romanen üblich ist, bei denen im Laufe der Zeit die
Personen und Ereignisse der einzelnen Stränge
zueinander finden und schließlich einen
"Aha"-Effekt auslösen. Doch Schischkin will weder
einen politischen noch einen gesellschaftskritischen
oder gar moralistischen Roman schreiben. Er
"dekonstruiert" die Welt eher in scheinbar ziellose
Lebensläufe, die irgenwann versickern. Und so, wie
das Leben der künstlerischen Protagonistin aus
Zaren- und Revolutionszeiten irgendwann in einer
nebulösen Zeit und Situation in freien
Assoziationen versickert, schwindet auch die
Identität des "Dolmetsch" in Rom und der Schweiz
dahin. Alltagshandlungen, Ziele und gesellschaftliche
Zustände verlieren ihre Bedeutung gegenüber
einer zunehmden Innenwendung, die sich in Assoziationen
und ausufernden Gedankenströmen ergeht. Ein innerer
Monolog der russischen Künstlerin gegen Ende des
Buches setzt sich auf nahezu zwanzig Seiten
ausschließlich mit der frei fließenden Flut
der Gedanken auseinander, die von einer Assoziation zur
anderen wandern und sowohl örtliche wie auch
zeitliche Bezüge auflösen. Man fühlt sich
hier in gewisser Weise an den Monolg der Molly aus
Joyces "Ulysses" erinnert, nur das Schischkin normale
Interpunktion einsetzt, um die Verständlichkeit zu
wahren. Am Ende führt
Schischkin wie in einem Traum Personen aus
unterschiedlichen Kontexten zusammen, als sei dies ganz
natürlich. Jeder kennt diese Träume, in denen
plötzlich die längst verstorbene Mutter mit
dem aktuellen Kollegen zusammentrifft oder alte
Jugendfreunde in surrealistuisch anmutenden Kontexten
auftauchen oder sich gar verwandeln. An diese Art von
(Wach-)Traum erinnert das Buch zum Schluss immer
stärker, wenn der "Dolmetsch" plötzlich wie
selbstverständlich mit der ehemaligen,
gehassliebten Lehrerin aus Russland durch Roms Museen
und Sehenswürdigkeiten zieht. Die Auflösung
der Logik ist gleichermaßen Ursache und Wirkung
des hohen poetischen Gehalts dieses Buches. So wie ja
auch moderne Lyrik nicht unbedingt eindeutig
nachvollziehbare Aussagen trifft, verzichtet auch
Schischkin auf eine konsistente Deutung der Welt. Er
misstraut offensichtlich allen, die eine eindeutige -
meist nur die je eigene - Deutung in die Welt bringen
wollen, und stellt stattdessen das Individuum mitten in
eine so unverständliche wie oftmals grausame Welt,
die keinem erkennbaren Ziel zuzustreben scheint. Er
jedenfalls, Schischkin, maßt sich nicht an, dieses
Ziel erkannt zu haben. Die Lektüre dieses
Buches erfordert viel Geduld und die Bereitschaft, sich
auf die assoziativen Strukturen des Textes einzulassen.
Kenntnisse der alten und neueren Geschichte sowie der
Mythologie sind für das Verständnis nicht nur
hilfreich, sondern bisweilen notwendig. Der
Übersetzer Andreas Tretner hat jedoch entgegen den
Gepflogenheiten der Romangattung ein Register
angefügt, in dem er auf knapp zwanzig Seiten die
historischen, mythischen und literarischen Verweise und
Assoziationen kurz erläutert. Diesen Anhang sollte
man sich nach der Lektüre des Buches unbedingt zu
Gemüte führen. Das Buch "Venushaar" ist in
der Deutschen
Verlags-Anstalt (DVA) unter der ISBN
978-3-421-04441-9 erschienen, umfasst 555 Seiten und
kostet 24,99 €. Frank Raudszus |
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