Marcel Reich-Ranicki: Der Fall Heine

Essays über einen hartnäckig Verkannten
 

Wer erinnert sich noch an die unsäglich peinliche Diskussion, ob die Düsseldorfer Universität den Namen Heines tragen sollte oder nicht. Es ist immer wieder erstaunlich, daß auch im Nachkriegs- deutschland solche Diskussionen überhaupt geführt werden konnten.

Der - selbst jüdische - Kritiker Marcel Reich-Ranicki hat in diesem Band verschiedene Essays aus den Jahren 1972 bis 1997 zusammengefaßt. Die einzelnen Abhandlungen bilden jeweils einen abgeschlossenen Kontext und sind auch einzeln lesbar.

Reich-Ranicki kommt immer wieder auf den Kernsatz zurück, daß Heine nur aus seinem "Anderssein" als Jude zu interpretieren sei. Die bisweilen geäußerten Meinungen, das literarische Werk Heines sei ohne Bewertung seiner Herkunft zu bewerten, verweist er in das Reich der tendenziösen, weil vorurteilsbehafteten Märchen. Solche Ansätze sollten vor allem in der Vergangenheit die "immanente" Zweitrangigkeit des Schriftstellers Heine beweisen und beruhten oft auf einem - nicht eingestandenen - Antisemitismus.

Vor allem Heines Sprunghaftigkeit, Aggression und Kritikfreudigkeit speist sich laut Reich-Ranicki aus seiner Heimatlosigkeit. Er wollte Deutscher sein und wurde hier doch nie aufgenommen, so daß er ins Exil nach Paris ging. Bezeichnend ist für Reich-Ranicki auch die Tatsache, daß viele von Heines Liedern und Gedichten eine hohe Popularität genossen und noch genießen, ohne daß der Autor überhaupt wahrgenommen wird.

Zwar werde Heines mittlerweile als Literat weitestgehend akzeptiert und gewürdigt, es gebe aber immer wieder Versuche, ihn in die Ecke der poetischen Belanglosigkeit oder des historisch überholten Querulanten zu verweisen.

Es ist als Verdienst Marcel Reich-Ranickis zu werten, Heine wieder einmal vor einer Renaissance der Ewig-Gestrigen ins richtige - nicht ins rechte - Licht zu rücken.

Das Buch "Der Fall Heine" ist in der "Deutschen Verlags-Anstalt", Stuttgart, erschienen.