Jostein Gaarder: Das Leben ist kurz - Vita brevis

 

Auf dem Flohmarkt von San Telmo stöbert der Autor J. Gaarder nach Kunstschätzen und wird schließlich in einem Antiquariat fündig: eine rote Kassette mit der Aufschrift "Codex Floriae" weckt sein Interesse. Handelt es sich tatsächlich um Briefe einer gewissen Floria an den Theologen Aurel Augustin, Bischof von Hippo? Dieser schrieb etwa um das Jahr 400 seine "Confessiones", seine Glaubensbekenntnisse, in denen er sich ganz dem religiösen Leben hingab und frei von jeglicher menschlicher Bindung sein wollte. Kann es sein, daß besagte Floria seine Konkubine war, die er wegen seiner religiösen Bekehrung verstoßen mußte?

Jostein Gaarder will mehr wissen, erwirbt die Kassette mit den lateinischen Handschriften der Floria und macht sich an die Übersetzung. So viel zur Entstehung des Buches.

Floria klagt an. Sie hinterfragt Aurels menschenverachtende Religiosität, die von ihm forderte, die Geliebte zu verlassen und ihr den einzigen Sohn zu entreißen. Sie möchte wissen, mit welchem Recht er, der einst geachtete Rhetoriklehrer - also ein gebildeter Römer -, sie halbtot geschlagen hat, nur weil sie ihn mit Zärtlichkeiten überhäuft hatte. Wenn das in Zukunft die Auswüchse der religiösen Führer seien, sei ihr um die Zukunft bang.

Denkt man an die Hexenverbrennungen im Mittelalter, wird die Vorausschau Florias erschreckend deutlich. Ihre Briefe sind kritisch und emanzipatorisch zugleich. Sie klagen die geistlichen Herrscher schonungslos an. Sie hinterfragen die christliche Botschaft der Bibel und nehmen kritisch Stellung zur Institution Kirche aber auch zur männlichen Machtausübung über Frauen.

Die lateinischen Briefe, so findet Jostein Gaarder heraus, werden auf das Ende des 16. Jahrhunderts datiert. Sie müßten demnach erst wesentlich später in Argentinien aufgeschrieben worden sein. Daraus ergibt sich die Frage, ob eine alte Vorlage aus dem 4. Jahrhundert dazu existiert. Gaarder recherchiert dazu im Vatikan, wo man jedoch bestreitet, die Originalbriefe der Floria zu besitzen. Sicherlich hätte die katholische Kirche Grund genug gehabt, die kritischen Briefe der Floria, die den Aurel Augustin von seinem hohen Sockel stürzen, in der Versenkung verschwinden zu lassen.

Die Lektüre von Jostein Gaarders Roman "Vita Brevis" lohnt sich für alle, die Kirche, Glauben und Machtausübung im Namen der Religion hinterfragen. Das Buch ist im Hanser-Verlag erschienen und kostet 24,80 DM.