Eva Klingler: Warte nur, balde ruhest Du auch

Kriminalistische Goethe-Reanimation im Elsaß
  Buchumschlag

Historische Romane und speziell Krimis sind seit einiger Zeit "en vogue". Ob dies einer nostalgischen Sinnsuche in der Vergangenheit entspringt oder ob es nur den Zeitgeist widerspiegelt, sei dahingestellt. Die Frankfurter Germanistin und Journalistin hat sich nun ausgerechnet den Großmeister deutscher Dichtkunst zum Kristallisationspunkt ihres Kriminalromans ausgesucht. Dabei geht sie herzerfirschend unliterarisch vor und weicht geschickt der Gefahr aufdringlicher Bildungs-Protzerei aus.

Ihre Hauptperson Hanna ist eine weder besonders gebildete noch literarisch interessierte junge Frau aus dem "Lifestyle"-Journalismus, die sich ihren Lebensunterhalt mehr schlecht als recht mit mühsam plazierten Artikeln über Allerweltsgeschichten verdient. Damit treibt die Autorin den Lesern gleich zu Beginn eine eventuell vorhandene Journalismus-Romantik aus. Die ziellose Hanna lernt den flotten Franzosen Lucien kennen und zieht mit dem jungen Bankangestellten zu seiner nächsten Stelle in das Elsaß, ausgerechnet nach Sessenheim, wo Goethe vor über 200 Jahren die durch ihn berühmte Friederike Brion kennenlernte. Hanna sagt Sessenheim überhaupt nichts, bis sie auf Schritt und Tritt mit Goethes Schatten in Form von Denkmälern, Dorfmuseen und Goethe-Tourismus konfrontiert wird.

Kaum hat sich Hanna in Sessenheim eingerichtet, wird ein Mann erschossen aufgefunden. Hanna sieht hier eine Möglichkeit, ihrer ungeliebten Redaktionschefin in Frankfurt einen lokalen Knüller aus dem Elsaß liefern zu können, und geht der Sache nach, allerdings anfangs recht dilettantisch. Nach und nach baut sie sich aus den Indizien ein Mosaik zusammen und pfuscht dabei der Polizei ins Handwerk. Wie sich die Geschichte am Schluß auflöst und inwieweit Goethe etwas damit zu tun hat, sei hier nicht verraten, um interessierten Lesern nicht die Spannung zu rauben. Der krimikundige Leser erahnt jedoch schon nach einem Drittel die Lösung, dazu sind die Spuren zu deutlich-unauffällig ausgelegt.

Wenn sich auch die Spannung dank dem simplen kriminalistischen Plot in Grenzen hält, ist das Buch doch recht flott und lesenswert geschrieben. Die Autorin rechnet moderat mit der "Lifestyle"-Generation ab und nimmt treffend den Elsaß-Tourismus der deutschen kulinarischen Schickeria aufs Korn, die das Elsaß als eine putzige Puppenstube mit gutem Essen betrachtet. Auch ihre Heimatstadt Frankfurt bekommt einige Seitenhiebe ab. Nebenher erfährt man unaufdringlich Einiges über den jungen Goethe und seine Zeit in Sessenheim.

Wer einen unterhaltsamen Krimi mit literarischem Hintergrund ohne "Bildungs-Zeigefinger" lesen möchte, ist mit diesem Buch sicher nicht falsch beraten.

"Warte nur, balde ruhest Du auch" von Eva Klingler ist im Verlag "Rütten & Loening" erschienen.