Klaus Seehafer: "Mein Leben - ein einzig Abenteuer"

Eine erfrischende Goethe-Biographie
  Buchumschlag

Biographien über den "Dichterfürsten" Johann Wolfgang von Goethe gibt es mittlerweile wie den berühmten "Sand am Meer". Da fragt man sich natürlich, ob denn über 150 Jahre nach dem Tod des poetischen Nationalhelden noch eine weitere vonnöten sei, und greift etwas skeptisch zu dem knapp 500 Seiten umfassenden Band. Sehr schnell jedoch liest man sich fest und legt das Buch am Ende ungern aus der Hand.     

Hier hat sich ein moderner Autor des Themas "Goethe" ohne jeglichen philologischen Pathos´ angenommen und schildert das Leben des Wahl-Weimarers in erster Linie aus seinem Lebensweg als Mensch unter Menschen, weniger aus seinen Werken. Natürlich finden diese ihren angemessenen Platz in der Lebensbeschreibung, aber immer bleiben sie Attribute oder Schöpfungen eines Menschen mit seinen Eigenarten und - ja - auch Schwächen. Selbst die viel diskutierte Autonomie des Kunstwerks wird dem Leben seines Schöpfers untergeordnet. 

Der "Faust" gerinnt hier nie zur alldeutschen Wesensbestimmung, die sich längst von ihrem Autor gelöst hat, sondern Seehafer stellt ihn als nahezu Buchstabe für Buchstabe dem gesamten Goetheschen Leben abgerungen dar. 

Ähnlich geht es allen seinen Werken, so daß mancher Deutschlehrer und Goethe-Verehrer seine Last mit den Querbeziehungen hoher Literatur zu trivialen und of erotischen(!) Alltagserlebnissen des Dichters haben wird.

Nie entschwindet der Autor mit den Werken Goethes im interpretatorischen Nirwana, sondern richtet sich immer am Erleben des Autors aus. Ob französische Revolution, Napoleon, Metternich oder Biedermeier - Goethe arbeitet alles in seine Werke - vor allem Gedichte - ein und sei es auf noch so subtile Weise. Auch seine Weigerung, sich gängigen literarischen oder politischen Strömungen anzudienen, findet kritische Würdigung. 

Der Leser erfährt erstaunt, daß Goethe zu Lebzeiten in weiten Kreisen unbeliebt war, ja, abgelehnt wurde. Wer wußte schon, daß der dünkelhafte Vater eines jungen Mädchens den immerhin schon reifen und berühmten Mann mit - wenn auch nicht angetrautem - Weib und Kind die Hand der eigenen Tochter aus Standesdünkel versagte? 

Die menschlichen Beziehungen Goethes spielen eine zentrale Rolle in diesem Buch. Ob der Musiker Zelter oder Goethes treuer und ausgebeuteter Sekretär Eckermann, ob Frederike, Charlotte von Stein, Christiane Vulpius oder Herzog Carl August, alle gewinnen sie in diesem Buch menschliche Konturen und bleiben keine Komparsen auf der Bühne von Goethes Leben. Viel erfährt man über seine Beziehungen zu den literarischen Strömungen und deren wichtigsten Vertreter seiner Zeit. Neben der zentralen Figur Schiller rücken auch Herder, Lenz und unbekanntere Literaren als wichtige Gesprächspartner oder Weggefährten Goethes ins Bild. 

Seehafer verfällt jedoch nicht der beliebten Mode der verspäteten Enthüllungsliteratur. Die - teilweise leicht lächerlichen - Amouren noch des alten Goethes werden als Teil eines sehr auf sinnliche Welterfahrung ausgerichteten Lebens geschildert. Die Liebe ist für Goethe eine der zentralen Antriebsfedern des menschlichen Lebens und kann daher nie wirklich lächerleich wirken. Auch die eher süffisante als erhebende Predigt zu Goethes Beerdigung - schließlich war er kein "guter" Christ - spart Seehafer nicht aus. 

So breitet Seehafer Seite für Seite ein Leben in all seiner Widersprüchlichkeit zwischen "Genie und Galle" aus. Gerade dadurch gewinnt das Leben Goethes deutliche Konturen im Vergleich zu symbolträchtigen und bedeutungsschwangeren Biographien früherer Autoren. Am Ende hat der Leser das Gefühl, Goethe persönlich begegnet zu sein, und das ist wohl das größte Kompliment, das man einem Biographen machen kann. 

Das Buch ist im Aufbau-Verlag erschienen (ISBN3-351-02471-1).