| John Wessel: "Bis hierher und nicht weiter" |
| Epigone des "schwarzen" Kriminalromans | |
Die Serie der "schwarzen" Kriminalromane aus den 40er Jahren mit ihrem Kulminationspunkt in der kongenialen Vereinigung der Detektiv-Figur Philip Marlowe und seiner Verkörperung durch Humphrey Bogart zeugt noch in den Neunzigern epigonale Nachfahren. Offensichtlich trifft diese "unheldisch-heldische" Figur die heimlichen Wünsche und Selbstprojektionen vor allem männlicher Schriftsteller auf den Punkt. Gerade im Krimi- und Thriller-Genre werden ja mit Vorliebe egozentrische Tagträume in Texte umgesetzt.
In dem vorliegenden Kriminalroman schlägt sich der heruntergekommene Privatdetektiv Harding in Chicago - immerhin nicht schon wieder L.A. - mit drittklassigen, schmierigen Aufträgen herum. Seine Lizenz hat er vor Jahren verloren, als er selbstlos "gegen eine Welt voll bösartiger Pfeile" ein junges mißhandeltes Mädchen aus den Fängen ihres brutalen Vaters rettete und dafür straffällig wurde. Bereits hier wird der Grundtenor deutlich: "Ausgestoßen da grundanständig". Natürlich ist er Single - Motiv "einsamer Wolf" - und ertränkt den Ekel an der Welt von Zeit zu Zeit im Alkohol.
Harding erhält den Auftrag, die sexuellen Seitensprünge und Perversionen eines Schönheitschirurgen zu belegen, um dessen Frau die Scheidung zu ermöglichen.Man trifft sich, und es knistert sofort zwischen Detektiv und Auftraggeberin - natürlich wegen seiner hohen moralischen Werte. Im Laufe der Untersuchungen deckt Harding die ziemlich unappetitliche Neigungen des Doktors auf und gerät mitten in eine Serie von Morden an dessen beidergeschlechtlichen GespielInnen.
Von jetzt an stolpert die Geschichte von Schlägerei zu Schießerei und Folter. Die Handlung wird reichlich konfus, die kriminalistisch-logische Linie beginnt dem Autor zu entgleiten, zu sehr ist er mit der Bastelei an seiner eigenen Projektion beschäftigt. Ungewollt enthüllt Wessel die tieferen Beweggründe der Autoren dieser Gattung. Die eigenen latenten Minderwertigkeitskomplexe und Versagensängste werden in eine generelle Abrechnung mit einer Gesellschaft umgemünzt, in der alle außer dem eigenen Ego korrupt, verbrecherisch und pervers sind. Nur einige - natürlich attraktive - Frauen läßt er gelten, und die verlieben sich ebenso natürlich prompt in den einsam leidenden Detektiv. Selbstlos hält er jedoch Distanz und ist nur seiner alten Freundin treu, ohne sich jedoch von ihr "einfangen" zu lassen. So rundet sich das Bild des hehren, einsamen Rächers, der allen persönlichen Bindungen entsagt und sich der natürlich honorarfreien Aufdeckung fieser Machenschaften widmet.
Daneben bemüht sich der Autor, durch viele Nebenbemerkungen seine eingehenden Kenntnisse klassischer und zeitgenössischer Kultur zu zeigen, wenn er z.B. die Bücherschränke oder CD-Sammlungen von Bekannten und Bösewichten mit knappen Worten bewertet.
Die Handlung führt wie erwartet zum finalen Countdown mit dem Abgang des Fieslings - wer ist es? - und dem Rückzug des Helden in die eigenen vier Wände, nicht ohne vorher noch eine edle Frau großherzig und halblegal vor dem kleinkarierten Zugriff der Polizei
bewahrt zu haben.
So denkt sich Tom Sawyer sein Leben aus, wenn er von Tante Polly bestraft wurde: Der große Entsagende, der keinen Lohn für seine Tat sondern nur seine Ruhe will.
Nun ist eine solche Grundströmung akzeptabel, wenn die Geschichte spannend ist. Schließlichn transportierten auch die frühen James-Bond-Filme ziemlich krude männliche Phantasien. Die vorliegende Geschichte jedoch ist etwas konfus, Personen werden kurz eingeführt, nicht näher charakterisiert oder glaubwürdig in den Kontext eingefügt. Nicht umsonst gesteht der Autor im Nachspann, daß dies sein erstes schriftstellerisches Werk ist. Man merkt´s!
Das Buch "Bis hierher und nicht weiter" von John Wessel ist im Zsolnay-Verlag, Wien, erschienen (ISBN 3-552-04862-6).
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