Ivan Ivanji: "Schattenspringen"

Wahrnehmungen eines KZ-Überlebenden
 

Ivan Ivanji schildert in seinem Roman "Schattenspringen", wie ein Sechzehnjähriger, genannt "der Kleine", das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebt. 

Als Häftling im KZ Buchenwald erlebt er die Befreiuung als stiller Beobachter. Eines Tages sind die Wachen verschwunden, die toten Häftlinge werden nicht mehr weggeräumt, so daß man über sie stolpert. Das große Tor steht offen, kein SS-Mann ist mehr zu sehen. Er ahnt, daß sich die Welt grundlegend verändert hat, und saugt die Frühlingsluft ein. Zusammen mit seinen erwachsenen tschechischen Freunden verläßt er das Lager. Sie folgen der Landstraße ohne zu wissen, wohin sie führt. Eine amerikanische Patrouille gabelt die drei auf und verteilt Kaugummi. "Hitler kaputt", erfahren sie etwas später von einem dicken Mann in weißer Schürze, der ihnen einen Laib Brot schenkt. Gedanken an seine Familie stellen sich ein, vor allem an den Vater, der versprochen hatte, am Leben zu bleiben. 

Der "Kleine" landet schließlich neu eingekleidet und mit Papieren versorgt in Magdeburg. Er nimmt die zerstörte Stadt wahr und stellt fest, wie verwahrlost die überlebenden Deutschen aussehen. Ihr Blick ist ausdruckslos: "Die Gesichter der Sieger sind anders als jene der Besiegten." 

In Magdeburg lernt er Vinco aus Dalmatien kennen, der die Ambulanz leitet. Der "Kleine", Sohn eines Arztes, übernimmt die Rolle des Assistenten. Dabei lernt er Eva, ein mageres deutsches Mädchen, kennen und erfährt mit ihr, was Leben und Lieben bedeuten - Begriffe, die im Lager verloren gegangen waren. Dort zählte nur das Überleben. 

Der Nachkriegszustand hält für den Heranwachsenden keine Regeln parat. Er ist völlig auf sich gestellt und muß seinen Weg alleine finden. Dieser führt ihn schließlich in sein Heimatdorf zurück. Doch von seiner Familie hat keiner überlebt. Wieder steht er an einem Endpunkt und Neubeginn seines Lebens. Was hält die Zukunft nach solch einer Vergangenheit für ihn parat? 

Fazit: 
Ivanjis Roman trägt ausgeprägte autobiografische Züge, ist Spurensuche und Erlebnisbericht zugleich. Als hautnahes Zeitzeugnis aus dem Europa unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg hält es genügend Stoff zum Nachdenken für Leser bereit, die diese Zeit noch nicht als Geschichte "abgehakt" haben. 

Das Buch ist im Picus-Verlag erschienen(ISBN 3-85452-251-7).