Richard Preston:"Cobra"

Mehr als nur ein "Thriller" - beklemmende Aussichten
 

"Thriller" haben zumindest bei der klassischen Literatur-Kritik schlechte Karten, wenn sie denn überhaupt wahrgenommen werden. Die oftmals reißerische Aufmachung und die nur der kurzfristigen Effekthascherei dienenden Handlungsabläufe vieler Vertreter dieser Gattung haben selbst zu diesem Vorurteil beigetragen, und daran können auch die oft hautnahen weltpolitischen Themen nicht viel ändern. Hin und wieder beweist jedoch die bekannte "Ausnahme von der Regel", daß auch spannende Lektüre inhaltsreich oder ein ernsthaftes Thema unterhaltsam dargestellt werden kann. 

Richard Prestons "Cobra" ist eine dieser Ausnahmen. Preton geht ein heute aus innenpolitischen weitgehend totgeschwiegenes Thema an: die  Technologie biologischer Waffen und ihre grauenhaften Kobsequenzen. Was vielen Zeitungslesern heute noch wie Hirngespinste apokalyptophiler Autoren anmutet, liegt erschreckend nahe an der Realität. 

Preston geht von den Versuchen der Amerikaner in den späten 60er Jahren mit verschiedenen Virenarten aus, die sich in menschlichen Organismen verfielfältigen nund diesen vernichten sollten. Nach der aus Entsetzen über die Folgen beschlossenen und veröffentlichen Beendigung der Versuche hatten erst die Sowjets und später kleinere Staaten die Versuche unter großer Geheimhaltung fortgesetzt. Das letzte unrühmliche Beispiel lieferte - und liefert noch - Saddam Hussein mit seinen wahrhaft flüchtigen Bio-Labors. 

Preston konstruiert einen einfachen Fall ohne das übliche Feindbild, wie sie z.B. Tom Clancys frühe Thriller noch nötig hatten. In New York treten plötzlich Fälle einer unheimlich schnell tödlich verlaufenden Krankheit mit grauenvollen Begleitumständen auf. Sehr schnell lernt der Leser auch den Täter kennen, der ohne politische Hintermänner auf eigene Faust arbeitet. Identität und MOtivation jedoch bleiben aus Spannungsgründen vorerst im Dunkeln. Eine spezielle Mannschaft zur Bekämpfung von Bio-Attentaten nimmt sich des Falls an, offensichtlich in enger Anlehnung an real vorhandene Institutionen der USA. 

Nun beginnt der übliche Wettlauf zwischen Gut und Böse wie in jedem Thriller. Im Gegensatz zu anderen Autoren verzichtet Preston jedoch auf den Marketing-Kompromiß süßlich-kitschiger Familien- oder Liebesgeschichten, die mit dem Thema nichts zu tun haben. Teilweise geraten ihm seine immer wieder eingeschobenen Kapitel über Biotechnologie und historischen Hintergrund fast zu akademischen Exkursen und können auf wissenschaftlich weniger interessierte Leser leicht etwas langatmig wirken. Dennoch vermitteln gerade diese Passagen über Entwicklung und Produktion von Viren - z.B. den "guten, alten" Pockenvirus, gegen den kaum noch jemand gefeit ist - einen ebenso klaren wie erschreckenden Einblick in diese Materie. Schonungslos und gerade wegen der Nüchternheit der Darstellung umso schockierender deckt Preston eine neue Dimension der Massenvernichtung auf, gegen die selbst die Wasserstoffbombe eine viel zu aufwendige und lärmende Alternative ist. 

Um den Leser bei der Stange zu halten, mündet das Buch in einen finalen "Showdown" in den Tunneln der New Yorker U-Bahn. das Ende sei hier nicht vorweggenommen, der erfahrene Thriller-Leser kann es sich sowieso in groben Zügen denken. Auch wenn das Strickmuster der Handlung eher konventionelle anmutet, machen doch das ernste Thema und die unsentimentale und logische Darstellung dieses Buch zu einer lesenswerten Lektüre. Man sollte jedoch keine angenehme Unterhaltung erwarten, dazu sind Thema und Autor zu ernsthaft. 

"Cobra" von Richard Preston ist im Verlag Droemer Knaur erschienen (ISBN 3-426-19474-0) und kostet 39,80 DM.