Christine Orban: "Der Sammler

Ein Roman über die Egozentrik fanatischer Sammler 
 

Das Erstaunlichste an diesem Roman im Taschenbuch-Format sind Geschlecht und Alter der Autorin. Wer diese Daten nicht kennt, wird nach der Lektüre annehmen, es sei von einem Mann höherer Gesellschaftskreise Ende des letzten Jahrhunderts geschrieben worden. Thema und Stil verweisen deutlich auf solch einen Ursprung, und man ist verwundert, einen Roman dieser Art am Ende dieses Jahrhunderts erscheinen zu sehen. 

Worum geht es? Ein leidenschaftlicher Numismatiker, zu Deutsch Münzsammler, aus ersten Pariser Gesellschaftskreisen kann sich dank ererbtem Vermögen ganz seinem Hobby widmen. Mit seiner wie er nicht von Kinderwünschen geplagten jungen - und natürlich schönen - Frau bewohnt er eine herrschaftliche Villa, in der er standesgemäße Geselligkeiten "gibt". Dies nur, um den Grundtenor des Buches zu veranschaulichen. Sprache und Tenor tragen die Patina der literarischen Grandseigneurs des letzen Jahrhunderts. Weder intellektuelle noch soziale Themen spielen eine Rolle. 

Unser Münzsammler kämpft in der auf diesem schmalen Gebiet schon damals "globalen" Welt gegen einen italienischen Grafen, dem er sich ihm vom sammlerischen und gesellschaftlichen Ruf wie von adligem Geblüt permanent unterlegen fühlt. Sein einziges Bestreben liegt daher darin, seinem Rivalen einmal auf dessen ureigenstem Gebiet zu schlagen. 

Das Schicksal ist ihm gnädig und verhilft ihm zu einer weltweit einzigartigen Münze, und flugs lädt er den Beneideten zu einem Diner ein, auf dem er die Sensation enthüllen will. Wie jedoch der "deus ex machina" der Litereatur so spielt, verschwindet bei diesem Anlaß das "corpus delicti" und der Gast gerät in einen schlimmen Verdacht. Nun folgt die Rache des vermeintlich Bestohlenen, er verfolgt den Rivalen bis an die Grenze des psychisch und physisch Möglichen, bis sich die Dinge plötzlich in eine für unseren Protagonisten katastrophale Richtung entwickeln. Wir wollen an dieser Stelle nicht den Clou verraten, da das Buch den Spannungsbogen eines Kriminalromans aufbot, den hier vorzeitig zu entspannen unfair wäre. Schließlich könnten diese Zeilen sowohl Numismatiker als auch Krimifreunde bewegen, das Buch zur Hand zu nehmen. 

Dennoch bleibt festzuhalten, daß sowohl das Thema des übersteigerten Ehrgefühls als auch die etwas naive Art des Plots und der Auflösung des Rätsels nicht mehr ganz in unsere heutige literarische Umgebung passen. Das psychische Problem, mit einem tiefsitzenden Minderwertigkeitskomplex fertigzuwerden und eine moralische Schuld auf anständige Art zu tilgen, mag im letzten Jahrhundert ein zentrales Thema gewesen sein, im ausgehenden zwanzigsten Jahrhundert jedoch erwartet der Leser andere literarische Annäherungen und Auflösungen als die Autorin uns anbietet. 

Wer sich im Urlaub einige unterhaltsame Stunden verschaffen möchte, kann mit diesem Buch nicht falsch liegen, allerdings darf er keine literarischen Erkenntnisse erwarten. 

Das Buch ist im Aufbau Taschenbuch-Verlag erschienen (ISBN 3-7466-1548-8) und umfaßt 125 Seiten.