Javier Marías: "Mein Herz so weiß"

Ein Roman über die Dichte und Distanz menschlicher Beziehungen
 

Wer dieses Buch wirklich erfassen will, muß sich viel Zeit gönnen, denn es erschließt sich nicht dem diagonalen Leser. Javier Marías bewegt sich in der jüngeren literarischen Tradition der iberischen Halbinsel. Die Handlung beschränkt sich auf elementare Abläufe, wichtig sind die Strukturen der Beziehungen der Protagonisten zueinander und ihre Reflexionen über diese. Die Liebe zum Detail dominiert diese Literatur, der jedwede "Action" und andere Zugeständnisse an das zeitgenössische Bestsellertum fremd sind.

Seinen Vater hat er nur einmal nach diesen Vorgängen gefragt und eine brüske Antwort erhalten. Seitdem hat man sich auf die Sprachlosigkeit geeinigt. Erst seine junge Frau bricht diese Barriere des Schweigens wieder auf und löst dem Vater die Zunge.

Wer nun glaubt, hier werde eine schwarze Kriminalgeschichte aus der Familiengeschichte präsentiert, sieht sich getäuscht. Der faktische Hintergrund bleibt immer sekundär, Marías in der Person seines Ich-Erzählers interessiert sich nur für die Tiefe der Personen, taucht in ihren Alltag und leuchtet die Ecken des scheinbar ereignislosen Lebens aus.

Sprache bedeutet ihm alles: der Erzähler und seine Frau sind beide Dolmetscher und somit Diener und Gebieter der Sprache zugleich. An einem Fall ihres gemeinsamen Berufslebens zeigt er die Bedeutung der Sprache, wenn sich der Ich-Erzähler in Gegenwart der ihn überwachenden Ko-Dolmetscherin - sie wird später seine Frau - die Freiheit nimmt, das nichtssagende Konventionsgespräch zweier hochrangiger Politiker durch bewußte Verfälschung von Fragen und Antworten in eine tiefschürfende Diskussion über Politik und Liebe zu verwandeln, ohne daß die beiden Politiker der Manipulation gewärtig werden. Sprache ist jedoch nicht nur Manipulation, sondern spürt die Hintergründe auf, entlarvt Details und beschreibt sie bis in ihre feinsten Verästelungen. 

Marías ist ein Meister der Abschweifung. Aus demHandlungsfaden heraus kann er eine Beschreibung des Dolmetschertums über mehrere Seiten entwickeln, die mit der augenblicklichen Situation nichts zu tun hat, jedoch die psychologische Struktur der handelnden Personen beschreibt. Immer wieder schweift er in solche scheinbar unwesentliche Details aus der Vergangenheit der Familienmitglieder und des Bekanntenkreises ab und schildert Absonderlichkeiten oder seltsame Ereignisse, so wenn sein Vater einen Museumswärter daran hindert, in aller Gemütsruhe einen seit Jahrzehnten verhaßten Rembrandt zu verbrennen. Schlagartig wird hier die Beziehung zwischen Mensch und Umwelt auf den Kopf gestellt: der für die Bewachung abgestellte Wärter wird zur größten Bedrohung, der Ehemann zum Mörder, der Dolmetscher zum Lügner. Nichts ist sicher, alle Beziehungen können sich jederzeit in ihr Gegenteil verkehren, menschliche Schuld hat viele Gesichter und tiefsitzende Ursachen.

So geht es bei der Aufdeckung einer frühen Schuld auch nicht um Sühne oder gar Rache, sondern nur um die Beschreibung der Schuld und ihre Verarbeitung durch die Beteiligten und die Zuschauer. Letzterer ist dem Schuldigen nicht moralisch überlegen, er hat lediglich "die Tat nicht getan", die immer im Kopf lauert. So wie der Museumswärter mit dem Feuerzeug am Rembrandt spielt, bewegen sich auch die Menschen immer am Rand einer schwerwiegenden Verletzung geschriebener oder ungeschriebener Gesetze. Bedrohlich gelingt Marías die Schilderung einer solchen Situation, wenn er die "Dates" der New Yorker Bekannten seines Protagonisten mit wildfremden Männern in ihrer Wohnung beschreibt. Besorgt und gleichzeitig seltsam distanziert zieht der für die Dauer des Stelldicheins ausquartierte Erzähler die Möglichkeit in Betracht, daß seine Bekannte einem Verbrecher zum Opfer fällt, ohne jedoch an ein aktives Eingreifen zu denken. 

Das Leben zeigt sich ihm eher als ein Ablauf von Ereignissen, die so oder anders hätten ablaufen können, jedoch nicht als moralisch zu bewertende und unter Umständen zu verhindernde Taten. Nicht um die Aufdeckung von Verbrechen geht es Marías in diesem Roman, sondern um den Umgang der Menschen mit ihren Neigungen und Wünschen und um die immer drohende Nähe zur nicht wieder gutzumachenden Tat. "I did the deed" sagt Macbeth und weist damit den Weg, auf dem man nicht mehr umkehren kann.

Beeindruckend an diesem Buch ist die Intensität der Darstellung, die sich gerade aus dem langsamen Puls der Erzählung ergibt. Man fühlt sich zuweilen verloren in diesem Buch, das weder Hoffnung noch Verzweiflung ausstrahlt, sondern nur in die Seelen leuchtet.

Der Roman "Mein Herz so weiß" von Javier Marías ist im Deutschen Taschenbuch- Verlag Klett-Cotta unter der ISBN  3-423-12507-1 erschienen und kostet 14,90 DM..