Lukian: "Der Lügenfreund"

Ewigjunge Satiren des römischen Schriftstellers
 

Lukian lebte von 120-180 im nachchristlichen Rom und geißelte die gesellschaftlichen Zustände seiner Zeit in bissigen Satiren. Im 18. Jahrhundert hat Christoph Martin Wieland die Sammlung übersetzt, und diese Übersetzung ist jetzt in einer überarbeiteten Form im Aufbau-Verlag neu erschienen. 

Was bei der Lektüre unmittelbar auffällt, ist die trotz doppeltem Zeitbruch ungebremste Aktualität der Satiren. Bedenkt man, daß sowohl Lukian  ihrer jeweiligen Zeit und Sprache entsprechende Stilelemente verwendeten, so ist eine eher akademische Version der lukianischen Satiren zu erwarten. Daß dies nicht zutrifft, ist sowohl dem zeitlosen Thema als auch der ebenso zeitlosen Übersetzung Wielands zu verdanken. Nur wenige Begriffe sind offensichtlich aktualisiert worden, so daß eine nicht nur leicht verständliche sondern auch sehr amüsante Lektüre entstanden ist.

Lukian nimmt  in seinen Satiren nicht nur die Menschen seiner Zeit mit ihrer Eitelkeit, ihrem Geschwätz und ihrer Wichtigtuerei aufs Korn, sondern ein wesentlicher Schwerpunkt liegt auf den Göttergeschichten. Scheinbar naiv nimmt er die alten Mythen mit den ach so menschlich schwachen Göttern wörtlich und stellt Jupiters Amouren, die "Mordsgeschichten" unter den Göttern und die diversen Verwandlungs- und Verstellungsgeschichten der Götterwelt in sachlich-nüchternen Dialogen der Protagonisten dar. Dies wirkt natürlich grotesk, so wenn Jupiter den Vulkanus bittet, ihm per Axt als Geburtshelfer Minerva aus dem Kopf zu holen. Brisant wegen der Nähe zur zeitlosen politischen Aktualität ist auch das Gespräch zwischen Prometheus und den Schergen Merkur und Vulkanus, die ihn im Kaukasus an den Felsen schlagen und sich dabei als folgsam-feige Befehlsempfänger Jupiters erweisen ("Befehlsnotstand").
Mit der grotesken Umsetzung der Göttermythen ins Alltägliche macht sich Lukian nicht nur über die Wundergläubigkeit und Naivität seiner Mitmenschen lustig, in den Göttergestalten karikiert er auch immer die Mächtigen seiner Zeit. Damals war es bereits zu gefährlich, die hohen Herren direkt anzugreifen...

Auch die Namen der Menschen in den Satiren stehen für Mythen, sei es der aus Großzügigkeit verarmte Timon oder Menippus, der wie Ikarus mit Adlerflügeln in den Himmel geflogen ist und die Götter besucht hat. Das klingt beinahe wie der "Radler im Himmel" und ist auch so gemeint. 

Wer sich für kurze Zeit in das alte Rom zurückbegeben will und die Zeitlosigkeit menschlicher Schwächen wiedererkennen will, der sollte sich dieses Buch auf den Nachttisch legen.

Das Buch ist in der Reihe "Aufbau Bibliothek" des Aufbau Taschenbuch-Verlages erschienen (ISBN  3-7466-6036-X) und kostet 18 DM..