| Eberhard Zangger:"Die Zukunft der Vergangenheit" |
| Archäologie im 21. Jahrhundert | |
Nicht zuletzt nach der "Entdeckung" Trojas durch Heinrich Schliemann Ende des 19. Jahrhunderts hat die Archäologie in Deutschland eine gewisse Popularität gewonnen. Dabei gilt allerdings das Interesse meist den spektakulären Funden und Theorien. Die ägyptischen Pyramiden und die Atlantis-Theorie seien hier nur als Beispiele für diese Fokussierung genannt. Fachbücher haben sich - außer "Götter, Gräber und Gelehrte" - aufgrund der vornehmlich "akademischen" Ausrichtung nicht im größeren Maße in der Gebrauchsliteratur durchsetzen können.
Der Züricher Geo-Archäologe Eberhard Zangger hat jetzt in dem vorliegenden Band versucht, den aktuellen Stand dieser Wissenschaft festzuhalten und einen Blick in das nächste Jahrhundert zu werfen. So zeigt er an vielen Grabungsergebnissen auch für Laien unmißverständlich auf, daß die minoische Kultur nicht durch die Flutwelle des santorinischen Vulkanausbruches untergegangen sein kann. Vielmehr seien offensichtlich feindliche Überfälle größeren Ausmaßes der Grund gewesen. Die Caldera (Krater) von Santorin sei nicht bei dem Ausbruch um 1500 v. Chr. entstanden sondern nachweislich tausende von Jahren früher. Eine Tsunami (Flutwelle) mit ihren katastrophalen Folgen habe es daher auch nicht gegeben. Die offizielle Lehrmeinung ignoriert die entsprechenden Beweise noch heute, da sie damit liebgewordene Ideologien aufgeben müßte.
Zangger führt den Leser bei der Beweisführung weitgehend in die heutige archäologische Technik ein, ohne damit jedoch zu langweilen. Ihm geht es nicht um spektakuläre Ideen sondern um die lückenlose und vorurteilslose Aufdeckung historischer Prozesse. In diesem Zusammenhang zerstört er auch die naive Vorstellung der umweltschonenden Landwirtschaft und Viehzucht in Stein-, Bronze- und Eisenzeit. Gerade die nicht durchdachtd Landnahme in Form von Rodung und Monokulturen habe die Böden in dieser Zeit viel stärker erodieren lassen als die heutige Art der Landschaftsbehandlung. Das karstige Bild der griechischen und kleinasiatischen Landschaft sei mitnichten erst unter Römern, Türken und späteren Völkern entstanden, sondern bereits zu Beginn der Seßhaftigkeit und der damit explosionsartig zunehmenden, "unprofessionellen" Landverwertung.
In einem ausgedehnten Kapitel befaßt sich Zangger auch mit dem unvermeidlichen Atlantis-Mythos und weist anhand von historischen Dokumenten und Ausgrabungen nach, daß Troja der sehr reale Hintergrund dieser gar nicht so mythischen Geschichte ist. Gleichzeitig legt er auch offen, weshalb sich die offzielle Lehrmeinung immer schon so sehr gegen diese Sicht gesträubt hat: die klassische Archäologie hatte - nur zum Teil unbewußt - zum Ziel, durch Ausgrabungen zu beweisen, daß die Wiege der abendländischen Kultur in Griechenland, d.h. Europa stand. Eine reale Abbildung von Atlantis auf Troja hätte die Geburtsstätte unserer Kultur jedoch ins "barbarische" Kleinasien verlegt. Obwohl alle Anzeichen bereits seit langem auf diese Tatsache hinweisen, beginnt sich die "offizielle" Archäologie laut Zangger erst in neuester Zeit mit ihr anzufreunden.
Zangger kritisiert seinen Wissenschaftsstand nicht nur in diesem Punkt. Des öfteren wirft er seinen Kollegen verkappte Ideologien und ultrakonservative Ansichten vor. Hierarchische Strukturen in einem vorwiegend von eklektischen Geisteswissenschaftlern bestimmten Umfeld verhindern noch heute vielerorts den Einsatz moderner Technologien und eine effiziente interdisziplinäre Forschung. Schrumpfende Budgets tun ein Übriges. Dennoch wagt er einen optimistischen Blick in die Zukunft mit gerade diesen neuen Forschungsansätzen.
Der einzige Nachteil dieses Buches liegt in der unklaren Struktur: vom Tagebuch eines Ausgräbers mit technischer Detailbeschreibung geht es zu dem Santorin-Ausbruch, dann zu Atlantis, und schließlich verharrt Zangger lange in der mykenischen und kleinasiatischen Kultur der Bronze- und Eisenzeit. Der Ausblick auf die Archäologie im 21.Jahrhundert gerät am Ende etwas schmalbrüstig, so als wolle er noch schnell dem Titel des Buches gerecht werden. Vielleicht wäre es besser gewesen, Kleinasien und Mykene im 1. und 2. Jahrtausend v. Chr. als Buchtitel zu wählen.
Wer sich über die Herkunft der europäischen Kultur und über einige historische Fehlurteile informieren möchte, ohne sich zu langweilen, der sollte sich dieses Buch unbedingt zulegen. Es umfaßt knapp 350 Seiten und ist im Schneekluth-Verlag unter der ISBN 3-7951-1652-X erschienen.
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