Birgit Müller-Wieland"Die Farbensucherin"

Erzählungen und Lebensskizzen einer hochsensiblen Autorin
 

Die österreichische Literatur weist immer wieder Züge des Lebensüberdrusses, ja, teilweise eines Hasses auf das eigene Volk und die gesamte Gesellschaft auf. Thomas Bernhard sei hier als Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit genannt. Die noch junge Autorin Birgit Müller-Wieland, Jahrgang 1962, bewegt sich durchaus im Dunstkreis dieser Negation einer erträglichen oder gar zukunftsträchtigen Welt. Ihre Erzählungen aus der Sicht einer Frau, beginnend mit der Kindheit, zeigen eine Welt der Einschüchterung, überkommener Autoritäten, sexueller Übergriffe und brisanter politischer Altlasten. Höchste Sensibilität gegenüber der natürlichen und gesellschaftlichen Umwelt prägen Stil und Sprache der Autorin. Die Sprache blüht regelrecht vor durchaus gelungenen, ja überraschenden Metaphern und bringt eine am Leben verzweifelnde Seele zum Klingen. 

Eindrucksvoll liest sich die Geschichte des Mädchens Mathilde, das - wohl wegen sexueller Übergriffe des Vaters - ins Internat geschickt wird. Das Kind wird für den Fehltritt des Vaters bestraft. Die Autorin macht daraus jedoch kein anklagendes oder satirisches Pamphlet gegen die Männerwelt, sondern setzt die Steinchen eines verunsicherten jungen Lebens zu einem deprimierenden Mosaik der Gesellschaft zusammen. Hier zählt nur die Empfindung des Mädchens, kein intellektueller Diskurs über das Internats- oder Gesellschaftssystem. 

Auch die unmittelbare Wahrnehmung der Welt wird hier zum Thema. Die Autorin forscht intensiv dem Gegenwartsbegriff nach, dem "Jetzt, Jetzt, Jetzt"(das nach neuer wissenschaftlicher Erkenntnis drei Sekunden dauert). Über das "Jetzt" versucht sie ihr Bewußtsein und damit ihre Identität als empfindendes Wesen zu definieren. Vergangenheit und Zukunft gehören dem Kopf, das Erleben des Augenblicks den Sinnen. Die Farben definiert die Autorin ebenfalls neu. Nach einem fiktiven Verlust des Farbsinns sieht sie um sich eine grau-weiße Welt, der sie Stück für Stück die Farben neu entlockt. In dieser Metapher für den Verlust der bewußten Wahrnehmung im täglichen Leben entdeckt sie jede der Grundfarben in einer europäischen Großstadt wieder. Das ist durchaus phantasievoll gemacht und ohne vordergründige politische Assoziationen. 

Letztere sind vielleicht auch die einzige Schwäche in diesem Band. Immer wieder bemüht sie Szenen aus dem Dritten Reich und den Konzentrationslagern. Persönliche Betroffenheit aus eigenem Erleben nimmt man ihr jedoch aus Altergründen nicht mehr ab. So muß sie schon die soldatische Vergangenheit des Großvaters (statt des Vaters!) als dunklen Fleck bemühen, andere Verweise klingen eher bemüht als erlebt. Die unverkennbare  - "politisch korrekte" - moralische Keule der Vergangenheit wäre ein Fall für Marttin Walser. 

Das Buch umfaßt 127 Seiten und ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-1562474-6 erschienen.