Klugmann/Mathews: "Land in Sicht"

Ein kritisch-heiterer Roman über das nachsozialistische Hiddensee
 

Unter Insidern gilt die kleine Insel Hiddensee westlich Rügen als Geheimtip. Sie hat nicht nur ein ähnliches Image wie Sylt im Westen, sie gleicht dieser Insel auch wie eine kleine Schwester. Strand, Dünen, ein wenig Wald und "Spuckbreite". Vor dem zweiten Weltkrieg war Hiddensee Wohnstatt und Treffpunkt von Künstlern, und zu DDR-Zeiten diente sie den Partei-Bonzen als privilegiertes Urlaubsdomizil. Nach der Wende bemühen sich Legionen von Westdeutschen um einen mittlerweile prestigeträchtigen Urlaubsaufenthalt. 

Die beiden Autoren Norbert Klugmann und Peter Mathews haben diese verträumte Insel als Thema ihres Gemeinschaftsromans "Land in Sicht" gewählt. Formal ist die junge Berliner Tänzerin Lili die Hauptperson, eigentlich aber die Insel Hiddensee. Lili ist von ihrem Leben in der zweiten Ballettreihe und von der Beziehung zu ihrem Freund frustriert. Ihr erster großer Soloauftritt findet ausgerechet am 9. November 1989 statt und geht im Wenderummel unter. Ihr Freund widmet sich fortan nur noch den ungeahnten beruflichen Möglichkeiten als Architekt im gewendeten Berlin und findet keine Zeit mehr für Lili. Als sie die Nachricht vom Tode ihres schon lange von ihrer Mutter getrennt lebenden Vaters erhält, beschließt sie, seinen letzten Wunsch zu erfüllen und seine Asche in seinem Geburtsort Kloster auf Hiddensee beizusetzen. 

Auf Hiddensee trifft sie in der Pension ihrer Tante auf eine seltsame Gesellschaft. Die Schwester ihres Vaters taucht selbst nicht auf, in der Pension läuft jedoch alles seinen Gang. Uralte Stammgäste aus dem untergegangenen Staat und bodenständige Einwohner prägen das Bild. Die anfangs scheinbar noch überschaubare Situation kompliziert sich zusehends, und Lili sieht sich plötzlich im Gestrüpp alter Fehden und erotischer Avancen. Ihr Leben erfährt auf dem beschaulichen Hiddensee eine unerwartete Wende, und bis zur Klärung der verworrenen Verhältnisse muß sie noch einige spannende und gefahrvolle Momente durchleben. 

Trotz aller Spannung rutscht das Buch nie in die Machart eines typischen Thrillers ab. Hier geht es nicht um vordergründige "Action" und es werden auch keine liebgewordenen Klischees bedient wie sie die amerikanische Thriller-Industrie am Fließband erzeugt. Jede Person bleibt ihrer Herkunft verhaftet und erklärt sich aus der Lebensgeschichte, vornehmlich aus dem gescheiterten Sozialismus. Natürlich versucht jeder, aus der Wende das Beste zu machen, mit mehr oder weniger Erfolg, denn bisweilen erweist sich die Vergangenheit als übermächtig. 

Über all diesen Inselcharakteren dehnt sich die typische Insel-Atmosphäre mit viel Sand, autofreien Fahrradwegen, verträumten und wie hingeworfenen reetgedeckten Häusern und einem langen Strand. Hier gehen die Uhren anders, hier versäumt man nichts und gewöhnt sich ein anderes Lebenstempo an, das den Einwohnern bereits angeboren ist. 

Obwohl oder gerade weil die Autoren nicht den Fehler begehen, die Insel lauthals zu preisen, spürt man ihre Liebe zu dieser Insel in den Kleinigkeiten wie den Dorfteichen oder den noch nicht an den Kapitalismus angepaßten Ladeninhabern(das Buch spielt im Jahre 1991!). Stil und Sprache stehen bei aller Leichtigkeit auf einem hohen Niveau und entsprechen damit dem augenzwinkernden Humor des ganzen Buches. Kurz, die Lektüre dieses Buches bereitet wirklich Vergnügen. 

Am Ende bleibt auch keine Moral von siegendem Guten und bestraftem Bösen, sondern nur die Liebe zur Insel, und man kann sich vorstellen, daß jeder Leser sich anschließend in die Schlange der Urlaubsaspiranten einreiht. 

Das Buch umfaßt 250 Seiten und ist im Verlag Rütten & Loening unter der ISBN 3-352-00519-2 erschienen.