Markus Ramseier: "Das Land der letzten Meter"

Eine doppelte Metapher über das Leben
 

"Mensch ärgere Dich nicht" als Metapher des Lebens. Man verläßt - ohne Grund - das schützende Haus und begibt sich auf eine gnadenlose Jagd rund ums Karrée, nur um die Steinchen wieder in ein sicheres, geborgenes Feld zu bringen. Dabei wird man gebremst, überholt und bisweilen brutal aus dem Rennen geworfen. Manchen erwischt es noch "auf den letzten Metern". 

Der Schweizer Autor Markus Ramseier verbindet dieses Bild mit dem ebenso starken Symbol der Brieftaube, die weit von zu Hause ausgesetzt wird und doch so schnell wie möglich den heimischen Schlag sucht. 

Die verbindende Handlung spielt sich in einer Schweizer Familie in einem kleinen Dorf ab. Die alte Mutter - das Müeti - wohnt allein mit ihrem verschrobenen, der Brieftaubenzucht verfallenen Sohn Frieder in ihrem Haus, die anderen Kindern sind in der Umgebung verheiratet. Frieder, auch schon jenseits der dreißig und unbeweibt, arbeitet in einer Tierverwertungsfirma, sein einziger Lebenssinn liegt jedoch - Ironie des Schicksals - bei den Brieftauben. Er züchtet und gewinnt Preise, sieht sich jedoch bis in die Verwandtschaft hinein von Neidern und Feinden umstellt. 

Anjo, Abiturient und Neffe von Frieder, zieht sozusagen als "Stallwache" der Verwandtschaft in das Haus ein, hat jedoch viel zu sehr mit seiner eigenen Identität zu tun, als daß er maßgeblich in das Geschehen eingreifen könnte. Ausgerechnet Lisa, die junge Kollegin Frieders und Anjos ehemalige Klassenkameradin, zieht als vierte in das Haus ein, und damit ist das "Mensch ärgere Dich nicht" komplett. 

Doch hier geht es nicht um Spaß und Spiel, sondern um die Verbiegung von Menschen durch andere und durch sich selbst, die Unmöglichkeit, einfach nur miteinander auszukommen oder sich gegenseitig seine Bedürfnisse mitzuteilen. Keiner kann sich dem anderen wirklich verständlich machen, jeder würfelt vor sich hin und schiebt seine Figur ein Stück weiter. Fliegt er raus, fängt er wieder von vorne an. Real wird das berüchtigte Spiel in dem Buch nur ein- oder zweimal gespielt, doch im übertragenen Sinne findet es permanent statt. 

Ramseier legt das Buch daher auch konsequent wie das Spiel an. Die Kapitel sind thematisch mit den Hauptmerkmalen des Spiels betitelt und darunter im steten Wechsel von Rot, Blau, Grün und Gelb unterteilt, jeder Person eine Farbe. Auf diese Weise erlebt der Leser die Ereignisse aus vier Perspektiven. Ramseier gelingt es über lange Passagen überzeugend, die verlorene, fast aussichtslos stagnierende Situation der Personen zu beschreiben, die tatsächlich nur ihre Figuren einige Positionen weiterschieben, um einem verschwommenen Ziel näher zu kommen. Die Ausweglosigkeit liegt in der Unfähigkeit zur wirklichen Kommunikation und zur befreienden Tat. Nur Lisa versucht, diesen Rahmen unkonventionell zu sprengen, und schafft es am Schluß auch mit ihren Mitteln. 

Die Stärke dieses Buches liegt in der unprätentiösen und kompromißlosen Schilderung einer verkrachten und verklemmten dörflichen Familie, ohne dabei jemals in gestanzte Klischées zu verfallen. Die Schwäche jedoch liegt in dem dünnen Handlungsfaden, der sich nach der anfänglichen Zusammenstellung des "Plots" bald zwischen wiederkehrenden Taubenein- und ausflügen und familiären Querelen verliert. Hier hat den Autor etwas die Fantasie verlassen oder der Verlag auf eine größere Seitenzahl gedrängt. 

Dennoch ist das Buch wegen seiner Ehrlichkeit und des Verzichts auf "handelsübliche" Versatzstücke des Erfolgsromans lesenswert. 

Das Buch umfaßt 336 Seiten und ist im Cosmos-Verlag, Muri bei Bern, unter der ISBN 3-305-00362-6 erschienen.