| Joachim Westerbarkey: "Das Geheimnis" |
| Ein Streifzug durch die Welt des Verborgenen | |
Titel und "Cover" dieses Buches bieten sich zur Mißdeutung an, und so manche(r) wird vielleicht enttäuscht sein, nicht das zu finden, was er im "Geheimen" gehofft hat. Der Autor, nicht gerade im Thriller- oder Trivial-Milieu beheimatet sondern Professor an der Universität Düsseldorf, setzt sich in diesem Buch grundsätzlich mit der Bedeutung des Geheimen und Verborgenen aus soziologischer, psychologischer und philosophischer Sicht auseinander. Die Lektüre gerät dann schnell zu einem - zugegeben unterhaltsamen - Streifzug durch die Gefilde der menschlichen Psyche sowie der gesellschaftlichen Konventionen und Tabus. Trotz dem wissenschaftlichen Anspruch gelingt es dem Autor dabei, einen flüssigen und leicht lesbaren Stil zu bewahren.
Das Buch beginnt mit zehn Thesen, die leitmotivisch für das ganze Buch stehen. Dazu gehören die enge Kopplung von Öffentlichkeit und Geheimnis, die Selektivität der Wahrnehmung, die "kollektiven" Geheimnisse und die Bedeutung der Öffentlichkeitsarbeit als Geheimnis-Strategie, um nur einige zu nennen.
Bei seinen psychologischen Ausführungen greift der Autor immer wieder auf die Psychotherapie zurück und zitiert des öfteren auch Freud. Das Geheimnis verleiht dem Besitzer eine besonderen Aura, die er eigentlich nur durch die seinen eigenen Wert vernichtende Preisgabe vollständig genießen kann. Wir alle kennen den Drang, ein Geheimnis loszuwerden, und sind dann über den anschließenden Spannungsabfall enttäuscht.
Weiterhin weist der Autor darauf hin, daß die landläufig so genannten "Geheimnisse der Inkas" etc. eigentlich keine Geheimnnisse sondern schlicht Nichtwissen darstellen. Ein Geheimnis bedingt immer gezielten Informationsentzug und schafft dadurch Herrschaftswissen und Macht. In diesem Zusammenhang geht er auch auf die Bedeutung der religiösen Mysterien ein. Auch den "Geheimbünde" von den Freimaurern bis hin zu Rotarieren und Lions attestiert Westerbarkey nüchtern die blanke Absicht, sich durch geheime Riten und Hierarchien einen selbstdefinierten Elitestatus zu verleihen.
Eingehend beschäftigt sich der Autor mit der Bedeutung des Geheimnisses in der Politik, die sich in den Titeln "Kabinett", "Geheimer Rat" etc. widerspiegelt. Die Politik ist voller legitimer und illegitimer Geheimnisse, wobei der Autor sich jeglicher populistischer Polemik enthält, sondern vielmehr die strukturelle Bedeutung des Geheimnisses für das Funktionieren einer Gesellschaft herausarbeitet.
Besonders schlagend weist er dies im gesellschaftlichen Mikrokosmos mit seinen sogenannten "offenen Geheimnisse" nach, die jeder kennt aber keiner ausspricht(der Trinker von nebenan), da andernfalls ein tägliches Zusammenleben kaum noch möglich wäre.
Zum Schluß arbeitet Westerbarkey die Bedeutung des Geheimnisses in den Medien auf. Klatsch- und Enthüllungs-Journalismus spielen dabei ebenso eine Rolle wie die kritiklose Übernahme öffentlicher Verlaubarungen von Firmen und Behördern, die mit ihrer Öffentlichkeitsarbeit wiederum einen Schleier des Gewünschten über das Geheimnis der jeweiligen Realität legen.
Der publizistisch und soziologisch interessierte Leser erhält durch dieses profunde und sachliche Buch viele neue Denkanstöße und sieht sich zuweilen mit überraschenden Erkenntnissen konfrontiert. Die einzige Schwäche dieses Buches liegt vielleicht darin, daß der Autor einen zu großen Bereich möglicher Geheimnisse abzudecken versucht. Dadurch verliert das Buch etwas den scharfen Fokus auf das Thema und gewinnt den Charakter einer gewissen Beliebigkeit. Dies sollte jedoch niemanden abschrecken, sich die Zeit zur Lektüre der 220 Seiten zu nehmen. Schließlich kann man ja anschließend immer noch selektieren.
Das Buch ist im Verlag Gustav Kiepenheuer unter der ISBN 3-378-01031-2 erschienen.
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