Peter Nichols: "Der Freisegler"

Tagebuch einer befreienden Einhand-Atlantikreise
 

Der stille Traum vieler Segler ist es, einmal "einhand", d.h. alleine, mit einem Segelboot den Atlantik zu überqueren - vielleicht sogar den Globus zu umsegeln. Der Brite Peter Nichols hat diesen Traum realisiert und darüber ein Tagebuch verfasst. Er liefert jedoch mehr als nur den seemännischen Bericht über Wind, Wellen und Wehmut ab, indem er diese Reise mit einem Rückblick auf sein Leben und seine gescheiterte Ehe verbindet. Er segelt sich sozusagen auf dieser Reise "frei". 

Nichols hat mit seiner Frau Jahre in der Karibik und den angrenzenden Gewässern verbracht, moderne Hippies zur See. Man lebte von der Hand in den Mund, nahm Chartergäste auf oder fuhr als Skipper auf fremden Yachten, um den eigenen Unterhalt und den des  Bootes bezahlen zu können. Nach der Rückkehr nach Europa trennt sich das Ehepaar, und Peter Nichols beschließt, alleine an die Ostküste der USA zurückzukehren, um dort das Boot zu verkaufen und seine Frau auszuzahlen. Natürlich hätte er das Boot einfacher in England verkaufen können, aber zwischen den Zeilen wird klar, dass er sich nach der gescheiterten Beziehung mit der Atlantik-Überquerung selbst beweisen will. 

Die Fahrt über den Atlantik verläuft weitgehend ereignislos, und Nichols bechränkt sich darauf, dem Leser nebenher die Grundzüge der Navigation und allgemeine Segelkenntnisse beizubringen. Als er dann in der Vorpiek die Tagebücher seiner Frau findet, beginnt er anhand der Lektüre sein Leben zu rekapitulieren und Rückblenden in vergangene Segelzeiten einzuflechten. So gerät die Fahrt über den Atlantik zu einer Reise in die eigene Vergangenheit. Das liest sich recht abwechslungsreich und vermittelt einen Einblick in das Leben der maritimen Weltenbummler, das sich oftmals fernab jeder falschen Romantik abspielt und vorrangig von Geldmangel und Beziehungsstress geprägt ist. Dennoch wird dem Leser nie klar, warum er und seine Frau sich auseinandergelebt haben, wo die Gründe der zunehmenden Streitigkeiten lagen. Den Anspruch dieses Buches, etwas über sich selbst zu erfahren und zu vermitteln, erfüllt Nichols nur zu einem geringen Teil. Das Beziehungsproblem zeichnet er nur an der Oberfläche nach. Es wäre jedoch aufschlußreich gewesen, warum ein scheinbar freies und naturgebundenes Leben so wenig Befriedigung vermittelt. Er deutet bürgerliche Versagensängste und Zukunftssorgen an, setzt diese Analyse aber nicht konsequent fort. So bleibt ein etwas wehleidiger Rückblick - "es hätte doch so schön sein können" - ohne Erkenntnisprozess. 

So wie die Beziehung ohne erkennbare Ursachen zerrann, so endet auch sein Boot und das ganze Buch. Kurz vor den Bermudas vergrößert sich das anfangs nur kleine Leck am Bug, und Nichols kann das Boot nicht mehr mit Pumpen halten. Er ruft ein Schiff herbei, steigt mit seinen Habseligkeiten über und sieht nicht einmal sein Boot in den Wellen versinken. Der Rest ist ein kurzer Bericht über das Ende der Reise auf dem Copntainerschiff, der nichts mehr zum eigentlichen Thema des Buches beiträgt und dieses am Ende ohne Fazit auslaufen lässt. 

Für Segler sicher ein aufschlussreiches und auch informatives Buch, wenn auch ohne große seemännische Höhepunkte, für Leser mit geringen maritimen Neigungen jedoch eher eine unterhaltsame Reiselektüre. 

Das Buch ist in der Reihe "dtv premium" des Deutschen Taschenbuch-Verlags unter der ISBN 3-423-24140-3 erschienen und kostet 28,- DM.