| Ivan Ivanji:"Der Aschenmensch von Buchenwald" |
| Ein melancholischer Besuch der Kulturstadt Weimar | |
Der jugoslawische Autor Ivan Ivanji hat sich in allen Büchern der letzten Jahrzehnte mit dem Dritten Reich und dem Holocaust auseinandergesetzt, jedes Mal mit kühl analysierendem Blick und mit feinem Gefühl für den schmalen Grat zwischen wohlfeiler Anklage und Wahrhaftigkeit. In seinem neuesten Roman reist der Ich-Erzähler, unschwer als der Auto selbst zu erkennen, im Gefolge jugoslawischer Politiker als Dolmetscher in das zur "Welt-Kulturstadt" erhöhte Weimar. "Nichts zu suchen war dort sein Sinn", und doch marschiert er hinauf zur Gedenkstätte Buchenwald, dem Kontrastprogramm zur Goethe- und Schiller-Verehrung drunten im Tal.
Er schildert den Betrieb der Gedenkstätte als ein Faktum, ohne jeden polemischen Hintersinn, aber doch mit einer eher philosophischen Kritik des institutionalisierten Gedenkens. An diesen Stellen wirkt der Roman wie ein Dokumentarbericht, und man darf annehmen, daß er bei der Beschreibung von Ort und Leuten hart an der Realität bleibt. Angesichts der Hinwendung der gesamten Kultur-Welt zur kulturellen Vergangenheit Weimars wirkt Buchenwald seltsam deplaziert, wie ein uneheliches Kind abendländischer Kultur. Verbal hält jeder die Bedeutung Buchenwalds hoch, im tiefsten Innern verdrängt man jedoch dieses Mahnmal des Grauens.
Während einer Reparatur des Krematoriumsdaches findet man 700 Blechurnen mit Asche, die im dritten Reich dazu dienten, den Angehörigen der verstorbenen KZ-Insassen deren vermeintliche Asche zuzusenden. Da die Urnen keine Namen tragen, wird die Asche in einer schlichten Zeremonie - natürlich nicht ohne die Voyeure Fernsehen und Presse - anonym bestattet. Und nun beginnt der eigentliche Roman:
Im Erdreich bildet sich dank einer unerklärlichen chemischen Reaktion aus der Asche ein Wesen aus Energie und Gedanken. Die wahllos zusammengeschüttete Asche von 700 Toten entwickelt eine eigene Identität und ist in der Lage, Gedanken auszutauschen. Die "Seelen" beginnen, ihre Geschichten zu erzählen. Weitab von aktuellem Schmerz und Leid, eher sachlich und verwundert, erzählen sie vom Leben und Sterben in Buchenwald. Auch hier verzichtet der Autor auf verbale Anklagen, die Geschichten selbst sprechen für sich. Sogar etwas Humor blitzt bei einigen der Geister durch, und sie beschließen, sich eine Gestalt zu geben und die Menschen zu erschrecken. Die Einen sinnen auf Rache, die Anderen wollen nur erinnern. Ihre Gestaltungskraft reicht schließlich soweit, daß sie sich zu einem schemenhaften Wesen mit Menschengestalt formen können - zum "Aschenmenschen von Buchenwald".
Ivanji baut diese Metapher über Verdrängung und Erinnerung mit leichter Hand und ohne moralischen Zeigefinger auf. Er polemisiert nicht gegen die Kulturstadt Weimar, fordert jedoch aktives Gedenken anstelle verwalteter Gedenkstätten ein. Dabei bereiten ihm die aktuellen Geschehnisse im Kosovo - so aktuell ist das Buch - offensichtlich einiges Kopfzerbrechen. Sensibel spürt er, daß er nicht mehr nur zu den Opfern gehört, obwohl er selbst Insasse von Buchenwald war und nur durch Glück dem Tod entkommen ist. So entwickelt er zum Schluß so etwas wie Versöhnlichkeit, wenn dieses Wort im Umfeld von Buchenwald denn erlaubt ist. Die einzige Gefahr besteht darin, daß man dieses Buch wie eine abschließende versöhnende Geste betrachtet und annimmt. Jedoch: versöhnlich ja - aber abschließend nie!
Das stilsicher und flüssig geschriebene Buch ist es wert, gerade heute in Deutschland gelesen zu werden, und nach der letzten Seite sollte man dieses Kapitel nicht abschließen.
Das Buch ist im Picus-Verlag, Wien, unter der ISBN 3-85452-429-3 erschienen.
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