| Einar Már Gudmundsson:"Engel des Universums" |
| Die Weltsicht eines geistig Verwirrten | |
Der Autor versetzt sich in diesem Roman in die Rolle seines eigenen Bruders, der im Alter von 43 Jahren an einer Geisteskrankheit verstorben ist. Ob der Bruder auf die gleiche Weise wie die Romanfigur ums Leben kommt, sei dahingestellt, aber es ist davon auszugehen, dass der Autor versucht, dem Innenleben seines Bruders soweit wie möglich nahezukommen. Dies wird einem "normalen" Menschen nur bis zu einem gewissen Maße möglich sein, der Verdienst des Autors liegt jedoch in der Authentizität und der poetischen Kraft, die dieses Buch ausstrahlt.
Da der Roman eine Krankheitsgeschichte aus der Sicht des Betroffenen nachzuzeichnen versucht, fehlt ihm die üblicherweise vom Leser erwartete und aufzuspürende Aussage der Handlung. Dieses Buch hat keinen dramaturgischen Aufbau, enthält keine Aussage und keine Kritik, sei es gesellschaftliche oder medizinische. Es geht dem Autor nicht um die Zustände in Nervenheilanstalten - hier naiv-direkt als "Irrenanstalt" bezeichnet - und auch nur mittelbar darum, wie die Gesellschaft allgemein mit den Ausgestossenen umgeht. Er leiht sich Augen, Ohren und Gemüt des toten Bruders und durchstreift noch einmal in dessen virtuellem Leib seine isländische Heimat, die Familie, die Schule, die verschiedenen Stationen der Krankheitsbetreuung bis hin zum trostlosen Ende.
Pall, der Bruder, wächst normal auf, bis sich Kopfschmerzen und Aggressionen häufen, letztere oft überfallartig und ohne bedeutende Anlässe. So wird er schon als Jugendlicher in der Familie untragbar und auf einen Bauernhof weitab der Stadt geschickt, um dort durch frische Luft und körperliche Arbeit zu sich zu finden. Aber der Defekt ist kein Pubertätssyndrom, sondern sitzt tiefer. Lange Phasen der Normalität enden abrupt mit unverständlichen Ausbrüchen, die jedes normale Maß sprengen. Seine Vorliebe für Malerei und Vorbilder wie Gauguin und van Gogh - zeitweise fühlt er sich identisch mit beiden - verweisen auf die altbekannte Nähe von künstlerischer Sensibilität und Wahnsinn.
Fast humorvoll sind die Schilderungen aus der "Irrenanstalt", in der Pall nicht nur gleichgesinnte Kranke findet, sondern mit ihnen auch über das eigene Irresein witzelt, Streiche verübt und teilweise die eigene "Unverantwortung" gezielt gegen die Umwelt einsetzt. Diese Streiche sind einerseits Befreiung von der institutionellen Einengung des geistig Kranken, andererseits ein satirisches Spiel mit der hilflosen Gesellschaft. Anschließend kommt man jedoch freiwillig in die Anstalt zurück, weil es keine Alternative dazu gibt.
Erst als der scheinbar "Lebensfähige" in die freien Wildbahn des Lebens in Form einer offenen Wohnung mit Rente entlassen wird, setzt die Katastrophe ein. Die Gesellschaft "normaler" Verrückter wie Fixer und Krimineller, die längst die Rehabilitationswohnungen des Staates übernommen haben, nimmt Pall die letzte Lebensperspektive und weist ihm den Weg aus dem Fenster des sechsten Stocks.
Der Autor hütet sich davor, irgendwelche Jugenderlebnisse - Unterdrückung durch Mitschüler, unglückliche Liebesbeziehungen - als Grund für den geistgen Verfall des Bruders herbeizuzitieren. Die Schuldfrage stellt sich nicht, der Grund für die geistige Deformation sitzt tief im Gemüt, und diese innere Sicht eines unlebbaren Lebens stellt Gudmundsson meisterhaft dar.
Dieses Buch bietet keinen Exkurs über Geisteskrankheiten und keine Anklage gegen Medizin und Gesellschaft, aber es erzählt uns viel von verletzten und bedrohten Seelen, die sich im Leben nicht zurechtfinden. Nebenbei erfährt der Leser auch noch einiges über Island, seine Riten und seine Mythen.
Das Buch ist im Hanser-Verlag unter der ISBN 3-446-19112-7 erschienen und umfasst 196 Seiten.
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