| Fritz J. Raddatz:"Taubenherz und Geierauge" |
| Eine zwiespältig-sezierende Biographie Heinrich Heines | |
Heinrich Heine hat zeitlebens und posthum die Rolle eines Zankapfels gespielt. Von verschiedenen Ideologien und Ideologen mal vereinnahmt und mal verdammt, hat er die Geister der Zeitgenossen und Nachgeborenen nicht ruhen lassen. Diese Zerrissenheit der Nachwelt hat noch in den letzten Jahrzehnten zu einem unwürdigen Streit über die Namensgebung der letztlich nach ihm benannten Düsseldorfer Universität geführt....
Der Publizist Fritz J. Raddatz hat sich jetzt rechtzeitig zum 200. Geburtstag von Heine - er selbst kokettierte mit dem Geburtsjahr 1799, obwohl 1797 wohl eher zutrifft - mit einer Biographie des schillerndsten aller ernstzunehmenden deutschen Literaten auf dem Buchmarkt gemeldet.
Raddatz macht es sich nicht leicht. Es wäre verlockend gewesen, den Vorgaben einer links-irrealen Ideologie zu folgen und Heine als den aufrecht-widerspenstigen Intellektuellen mit dem unbestechlichen Blick auf die gesellschaftlichen Zustände zu beschreiben, der seiner Zeit mindestens fünfzig Jahre voraus war und keine Kompromisse mit den Herrschenden einzugehenden bereit war. So war es jedoch offensichtlich - laut Raddatz - nicht!
Heine war - als Jude - Ausgestoßener von Anbeginn, und dies hat er auch immer schneidend empfunden und daran ist er innerlich gescheitert. Er hat eine bürgerliche Karriere mit Amt und gutem Einkommen angestrebt, musste aber früh erkennen, dass dies in einer strukturell antisemitischen Gesellschaft wie der deutschen Anfang des 19. Jahrhunderts unmöglich war. Man hatte persönlich nichts gegen Juden, aber sie eigneten sich vorzüglich zur gesellschaftlich legitimierten eigenen Abgrenzung und Erhöhung. Wie später, nur nicht so schrecklich konsequent.
Raddatz legt diese Ausgangssituation seiner Biographie zugrunde. Man könnte sagen. "Der gefesselte Prometheus", sprach- und denkgewaltig aber einflusslos. Was er auch an Kritik anmerkte, war eh nur das - typische - Querulantentum eines Juden. Heine kann sich nicht wie viele andere mit diesem Zustand abfinden und zum - intellektuellen - Geldwechsler werden. Er fährt allen und jedem in die Parade, überzieht bedenkenlos und schont auch alte Freunde nicht. Seine Einstellungen zu bedeutenden Vertretern seiner Zeit und Zunft ändern sich oftmals nicht wegen derer politischer Schwenks, sondern wegen seiner eigenen Drehungen, die oftmals aus verletzter Eitelkeit erfolgen. Er sieht sich als Dichter mit Sondervollmachten und schaut auf andere "Schreiberlinge" hinab, beweist diesen Anspruch durch einmalige Lyrik und torpediert ihn im nächsten Moment durch ausfallendes Auftreten.
Auch seine finanzielle Situation ist nicht so, wie sie aufrechte Intellektuellem einem ihrer Vorbilder zugestehen. Keine selbstverordnete materielle Askese, sondern ein langjähriges, angenehmes finanzielles Polster durch den reichen Onkel Salomon aus Hamburg, dazu Renten des französischen Staates, einige dubiose Zuwendungen als Gegenleistung für journalistische Zurückhaltung und ein saftiger Erbstreit um den Nachlass seines reichen Onkels bilden den realen finanziellen Rahmen des Heineschen Lebens. Dazu kommt wiederkehrendes Gezänk mit im Grunde gutmeinenden Verlegern.
Heine ist ein schwieriger Charakter, aber immer wieder wagt er den Ausfall gegen Autorität und Unterdrückung - um sich bisweilen anschließend aus taktisch-praktischen Gründen zu entschuldigen. Seine Lyrik jedoch durchbricht immer wieder die Grenzen der Zunft und weist in die Zukunft. Unbekümmert mischt er nicht nur gewagte Reime sondern verbindet auch die verschiedensten Lebensbereiche in einem Gedicht, wie es kein anderer Dichter seiner Zeit gewagt hätte. Sein einziger großer Gegner, den er in seiner Größe leider erst spät akzeptiert hat, war Ludwig Börne, wie er Jude, ihm journalistisch oft überlegen und dabei mehr überlegend, doch Heine hat ihn lange als Konkurrenten um die Gunst des Publikums bekämpft.
Raddatz betont trotz aller kritischen Bestandsaufnahme das einzigartige literarisch-journalistische Talent Heines und seinen verzweifelten Mut, seine Paria-Situation in einen Offensiv-Vorteil zu verwandeln. Man spürt die Sympathie des Autors mit diesem zerrissenen Dichter, der in eine falsche Zeit geboren wurde - allerdings wäre hundert Jahre später eine noch größere Katastrophe gewesen - und sein Leben lang mit dieser Zeit gekämpft hat.
Wer einen möglichst vorurteilslosen und doch engagierten Eindruck dieses sperrigsten aller deutschen Dichter (nach Arno Schmidt) gewinnen möchte, sollte sich dieses Buch unbedingt zulegen.
Das Buch ist im BeltzQuadriga-Verlag unter der ISBN 3-88679-288-9 erschienen und umfasst - mit umfangreichem Anhang - 391 Seiten.
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