Thomas Lehr: "Nabokovs Katze"

Mitreißend erzählte Nabelschau eines Zeitgenossen
 


Die allgemeine Vergreisung unserer Gesellschaft macht auch vor den Schriftstellern nicht halt. Mit Vorliebe werden heute die 70-Jährigen gefeiert und erhalten als Lohn für jahrelanges Schreiben und vielfältige Öffentlichkeitsarbeit dann und wann auch den Nobelpreis. Dabei geht leider die Sicht auf den literarischen Nachwuchs etwas verloren, d.h. er verliert sich meist in den vorabendlichen Kultursendungen der Rundfunksender.

Mit Thomas Lehr (Jahrgang 1957) hat sich ein Autor in die vorderen Reihen des Literaturbetriebes geschrieben, der sowohl durch sprachliches Können als auch durch Mut zur Abkehr von ungeschriebenen Regeln auffällt. Von der ersten Seite an spürt man den Spaß am Erzählen, und politische oder psychologische Ideologien wird man ebenso wie Betroffenheitsrituale vergeblich suchen.

Lehrs Held Georg wächst in der Provinzstadt S. auf, schnell als die Heimatstadt Speyer des Autors zu erkennen. Dort beschäftigt er sich als Fünfzehnjähriger mit pubertärer Philosophie und Erotik. Kein Philosoph ist ihm zu hoch, und über sich erkennt er nur noch Sartre an. Mit viel Selbstironie beschreibt Lehr die unausgereiften und teils verquasten Gedankenflüge des Protagonisten und seiner Freunde. Dabei wird jedoch auch deutlich, das diese pseudo- philosophischen Irrflüge wie das Gebalge von jungen Hunden dem Training des Intellekts dienen. Georgs junge Freundin Camille gibt ihm wegen seiner selbstgefälligen Pseudo-Intellektualität den Laufpass, noch bevor man sich zur letzten Weihe der Beziehung durchgerungen hat. Darunter wird Georg sein Leben lang leiden, und von diesem Punkt an wird das Buch zur Suche nach "der Frau", die Camille für ihn darstellt. Er stolpert von Liebschaft zu Liebschaft, entwickelt sich schnell zum Liebling der Frauen an seinem Studienort Berlin, wobei er keine Variante der Erotik auslässt. Lehr schafft es dabei, trotz sehr detaillierter Szenen den Eindruck bloßer Pornographie zu vermeiden. Über jeder sexuellen Schilderung weht ein Hauch von Ironie, als wenn jemand balgende Kinder beschreibt.

Schon der pubertäre Georg versuchte, das Leben über die Philosophie "in den Griff" zu bekommen. Dies setzt er mit seinem Mathematikstudium fort. Obwohl als Körperteil eher an zweiter Stelle der Nutzung, steht der Kopf im Mittelpunkt von Georgs Leben. Ungesteuerte Emotionen - und da ist er ganz Mann seiner Zeit - sind ihm suspekt, er muss die Welt mit dem Verstand begreifen. Bald erkennt er, dass die Mathematik ihm dabei nicht weiter hilft, und wendet sich der zweiten Liebe seiner Schulzeit zu - dem Film. Er bricht sein Studium ab, um über die Bilder die Welt zu verstehen, und wird zum beachteten Nachwuchs- Regisseur. Dennoch vergisst er nie seine Jugendliebe Camille und flicht sie immer wieder als Metapher in sein filmisches Werk ein. Nach einem missglückten Besuch bei seiner Jugendliebe lernt er Klara kennen, die er heiratet. Von nun an wird Camille noch stärker zur Ikone, da sie ihm faktisch entglitten ist. Seine filmische Karriere hinterlässt bei ihm eine "Midlife- Crisis", die letztlich auf die unbewältigte Frage nach seinen emotionellen Bedürfnissen zurückgeht. Die Ähnlichkeit Camilles mit einer Indianerin bewegt Georg zu einer spontanen Reise nach Mexiko, um hier von seiner Sehnsucht nach dieser Frau geheilt zu werden. Das Ende seiner Ehe mit Klara nimmt er dabei in Kauf. 

Wieder zieren Frauen seinen Weg. Er erlebt sie jedoch immer als Durchgangsstationen, und sie verzweifeln schließlich an ihm, da er nur seinen Ideen und Sehnsüchten lebt. Schließlich führt den Vierzigjährigen der Weg in die Heimatstadt von Camille - Heidelberg. Auch das ist wieder Metapher, weil dieser Ort Wirkungsstätte großer Philosophen und Mathematiker war, die Georg hoch schätzt. Das letzte Kapitel besteht aus einer E-Mail an eine seiner Frauen, die so etwas wie ein Resümee und eine Standortbestimmung darstellt und gleich zeitig ironisch auf die heutigen Kommunikationsformen verweist.

"Nabokovs Katze" ist als Titel dieses Romans gleichzeitig Selbstreferenz auf den Inhalt, da auch ein Film Georgs so heißt, und die Namensgeberin nie den Sinn dieses Namens verraten hat. Diese Offenheit des Sinns gilt natürlich auch für den Roman selbst. Lehr verweigert sich dem "Lehrstück", das in der Folge von Brecht auch in den Roman Einzug gehalten hatte. Bei ihm steht keine Betroffenheit über irgendwelche Zu- oder Missstände im Vordergrund, die es lehrhaft darzustellen gilt, sondern ihm geht es nur um die Biografie eines jungen Mannes am Ende dieses Jahrhunderts. Die Geschichte läuft keinem Thema hinterher, ihre Bedeutung ergibt sich aus dem Erzählten selbst. Georg ist ein "Mann ohne Eigenschaften", und mit dem gleichnamigen Roman von Robert Musil hat auch das vorliegende Buch viel gemeinsam. Da ist der mathematisch geschulte Protagonist, der die Welt rational erfassen will und doch daran scheitert. Da ist die Erotik, die Musil noch verschlüsselt in den Mittelpunkt stellt, die bei Lehr jedoch in voller Prallheit und kompromisslos dasteht. Da sind auch die Diskurse zwischen Georg und seinen Freunden, die in ihrem Duktus dem Musilschen Vorbild folgen. Und da ist schließlich der offene Ausgang des Romans, der zum Ausdruck bringt, dass der Versuch der rationalen Annäherung an das Leben scheitern muss. Allerdings muss und wird mann es immer wieder versuchen...

Das Buch ist im Aufbau-Verlag unter der ISBN3-351-02869-5 erschienen und kostet 49,90 DM.