"Das Zille-Album"

Hommage an ein Berliner Original
 

Berlin entwickelt sich zur Zeit zu einer modernen Metropole. Glanz und Pracht der modernen Archi- tektur am Pots- damer Platz bei- spielsweise täu- schen darüber hinweg, dass nicht alle Bürger jung, reich, schön und gesund sind. Heinrich Zille - Ber- liner Urgestein im wahrsten Sinne des Wortes - ermöglicht uns mit seinen Zeichnungen einen Blick zurück ins Berlin um 1900, als die Stadt noch von Menschen statt vom Kapital geprägt war. 

All die kleinen und großen Sorgen des menschlichen Daseins hat Zille mit liebens- wertem Humor skizziert. Er hat wahrlich dem Volk aufs Maul geschaut. Ein Beispiel aus der Fülle dieses umfangreichen Bildbands soll für Zilles treffsichere Beobachtungsgabe stehen: Unter dem Sprichwort "Morgenstunde hat Gold im Munde" lässt er am frühen Morgen eine beleibte Dame mit folgendem Ausruf aus dem Restaurant "Zum Nussbaum" torkeln: "Haste Töne! Hat mir der verfluchte Strolch mein´ Goldzahn rausjebrochen!"(S. 61). Das waren damals noch rauhe Sitten, wenn einer die Zeche nicht zahlen konnte, und Sprich- wörter wurden offensichtlich noch sehr viel wörtli- cher genommen als heute.

Hübsche Szenen im Berliner Tiergarten, in dem sich "Berliner Rangen" tummelten und Kindermädchen und Ammen mit der Brut- pflege beschäftigt waren (S. 105), zeigen, 

wieviel nüchterner das Leben heute geworden ist. Wie sich das Leben nicht mehr auf der Straße, in Parks und auf öffentlichen Plätzen abspielt sondern innerhalb der eigenen vier Wände oder in abgeschirmten Reihenhaus- Gärten.
Damals fuhr man in Berlin am Wochenende "in´t Jrüne". Da wurde kräftig gezecht, getanzt, gestillt - kurz, man genoss das pralle Leben.

Mit neun Jahren kam Heinrich Zille 1867 mit seinen Eltern nach Berlin. Sein Vater war ein armer Handwerker und lebte mit seiner Fami- lie in eben jener Gegend, die Zille später so treffend darzustellen verstand. Er war kein ausgebildeter Künstler, sondern lernte ledig- lich im Abendstudium die Grundlagen der Anatomie und des Zeichnens. Seine Ausbil- dung in der "Berliner Photographischen Gesellschaft" vermittelte ihm die erforderliche handwerkliche Perfektion.

Wer die Berliner Vergangenheit angesichts der neu erblühten Zukunft an Hand von "Zille sein Milljöh" kennenlernen will, der sollte diesen Bildband in seine Büchersammlung aufnehmen. Das Zille-Album setzt die von Zille selbst begründete Tradition seiner Bilder- sammlungen fort. Sie folgt zum großen Teil den Buchtiteln, die Zille selbst ausgewählt hat.

Das Buch ist im Fackelträger-Verlag unter der ISBN 3-7716-2505-X erschienen und umfasst 400 Seiten.