Anonimo Veneziano: 

Authentisches Tagebuch einer Europa-Rundreise
 

Im Jahre 1708 unternimmt ein Venezianer eine Reise quer durch Europa, von Vene- dig über den Bren- ner, Augsburg, Nürnberg, Frank- furt, Mainz, Leipzig, Berlin, Hamburg, Kopenhagen und Stockholm. Wir wissen über den Grund der Reise leider nichts, auch akribische Textuntersuchungen haben keine eindeutigen Hinweise auf seine Iden- tität ergeben. Anonimo Veneziano - unter diesem Namen wird er als Autor geführt - hat jedoch ein ausführliches Tagebuch geführt, das erhalten geblieben ist.

Irene Schrattenecker hat das Tagebuch übersetzt, kommentiert und im Haymon-Verlag herausgege- ben. Auf 170 Seiten erscheint jeweils links der italienische Urtext und rechts die deutsche Über- setzung, die jedoch in heutiger Grammatik und Rechtschreibung verfasst ist, somit falsche "Historizität" vermeidend. Umfangreiches Bild- material - vorrangig Stiche aus der Epoche der Reise - veranschaulicht nicht nur die damalige geographische Umgebung sondern auch die Mentalität und Kultur ihrer Bewohner. Die umfangreichen Fußnoten sind vor allem für wissenschaftlich interessierte Leser aufschluss- reich.

 Selbst eingedenk der Tatsache, dass die Über- setzerin sich bewusst(?) gegen eine historisie- rend-"alterthümliche" Übersetzung entschieden hat, strahlt das Tagebuch eine erstaunliche Sach- lichkeit und Genauigkeit der Beobachtung aus, wie man sie vielleicht - ein Vorurteil? - dieser Zeit nicht zugetraut hätte. Da notiert der Reisende jedes Detail aus Architektur und Bautechnik, geht Ess- und Trinkgewohnheiten nach und begutachtet die Mode der Damen und Herren. Sogar die Hingerichteten bzw. die auf den Tod wartenden Delinquenten werden mit nahezu unbefangener Sachlichkeit und ohne jegliches Entsetzen be- schrieben.

Das Buch vermittelt gerade wegen seines fehlen- den literarischen Anspruches ein genaues Bild seiner Zeit. Hier wollte kein Dichter eine Wunsch- welt vorstellen oder die Realität schönen. Die Nachwelt spielt für den Autor nur eine geringe Rolle. Er hat offensichtlich - wie damals üblich - die Aufgabe erhalten, von seiner Reise möglichst viele kommerziell nützliche Informationen mitzu- bringen, und diese Aufgabe erfüllt er mit Akribie. Dem heutigen Leser kommt dies in Form eines minütösen Einblicks in die Alltagswelt des frühen 18. Jahrhunderts zugute.

Der Band ist aufwendig und mit viel Liebe zum Detail gestaltet und eignet sich hervorragend als (Weihnachts-)Geschenk für Liebhaber der italienischen Sprache und der Reiseliteratur.

Das Buch ist im Haymon-Verlag unter der ISBN 3-85218-293-x erschienen und kostet 58 DM.