Mesa Selimovic: "Der Derwisch und der Tod"

Die Bitternis von Schuld und Unterdrückung
 

Wie verhalten sich Menschen in Zeiten der Unterdrückung und Rechtlosigkeit? Wie stellen sich die religiö- sen Führern zu den Rechtsbrüchen und Verbrechen der welt- lichen Führer? 

Diese Themen sind in Mitteleuropa nach dem zweiten Weltkrieg und dem Ende des Faschismus mehr oder weniger offen diskutiert und literarisch verarbeitet worden. Im autokratischen Jugosla- wien der siebziger Jahre unter Tito war diese Abrechnung mit Vergangenheit und Gegenwart nicht so direkt möglich. 
Mesa Selimovic (1910- 1982), Professor und Schriftsteller aus Sarajevo, hat deshalb eine nicht näher bezeichnete Epoche aus der bosnischen Vergangenheit gewählt, um vor allem den Konflikt zwischen Religion und Staatsmacht darzustellen.  
Im Mittelpunkt seines Romans steht ein Derwisch, religiöse Respektsperson, der in einer Art Koster zurückgezogen lebt und sich vom weltlichen Ge- triebe möglichst fernhält. Eines Tages wird er unmittelbar mit der Unterdrückung durch die Machthaber konfrontiert, als ein Gefangener seinen Bewachern entwischt und gehetzt Zuflucht bei dem Derwisch sucht. Nur durch unentschlos- senes Nichtstun ermöglicht er dem Flüchtling das Überleben. Als zur gleichen Zeit sein eigener Bruder in die Mühlen der Willkür gerät, versucht der Derwisch, sein Wissen um die Schwächen der Menschen zur Rettung seines Bruders einzusetzen. Doch selbst menschlicher Verrat kann die Ermor- dung seines Bruders nicht verhindern.

Von diesem Moment an ändert sich das Leben des Derwisch: seine so lange bewahrte innere Ruhe erweist sich ihm immer mehr als Flucht vor der Verantwortung gegenüber seinen Mitmen- schen und als Feigheit vor den Forderungen des Lebens. Als eine öffentliche Äußerung der Trauer über die Ermordung seines Bruders ihn selbst in die Einzelhaft einer dunklen, feuchten Zelle führt, beginnt der innere Konflikt in ihm an Schärfe zu gewinnen.

Im Mittelpunkt seiner inneren Kämpfe steht immer wieder der Konflikt zwischen dem Gehorsam gegenüber den Forderungen des Koran und den unhaltbaren gesellschaftlichen und politischen Zuständen. Selimovic schildert die innere Situation eines Volkes, das zwischen den muslimischen Reich der Türken und dem abendländischen Christentum zerrieben wird. Die Heimatlosigkeit und Hoffnungslosigkeit einer weitgehend des- orientierten Gesellschaft schlägt sich in Fatalismus und Emigration in die Religiosität nieder. 

Die eigentliche Handlung schreitet - mit unseren westlichen literarischen Maßstäben gemessen - in diesem Roman nur sehr langsam voran und schlägt sich mehr in den inneren Kämpfen des Protagonisten nieder. Melancholie und verzwei- felte Ergebenheit in das Schicksal prägen die inneren Monologe des Derwischs. 

Wer sich an dieses Buch wagt, sollte sich Zeit dafür nehmen und von vornherein die Vorstellung einer spannenden Handlung aufgeben. Er erhält dafür Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Volkes an der Nahtstelle zweier Kulturen.

Das erstmals 1972 herausgebene Buch ist 1994 in einer neuen Übersetzung  im Otto Müller Verlag, Salzburg, unter der ISBN 3-7013-0837-3 erschienen und umfasst 350 Seiten.