| Mesa Selimovic: "Der Derwisch und der Tod" |
| Die Bitternis von Schuld und Unterdrückung | |
Wie
verhalten sich Menschen in Zeiten der Unterdrückung und Rechtlosigkeit?
Wie stellen sich die religiö- sen Führern zu den Rechtsbrüchen
und Verbrechen der welt- lichen Führer?
Diese Themen sind in Mitteleuropa nach dem zweiten Weltkrieg und dem
Ende des Faschismus mehr oder weniger offen diskutiert und literarisch
verarbeitet worden. Im autokratischen Jugosla- wien der siebziger Jahre
unter Tito war diese Abrechnung mit Vergangenheit und Gegenwart nicht so
direkt möglich.
Von diesem Moment an ändert sich das Leben des Derwisch: seine
so lange bewahrte innere Ruhe erweist sich ihm immer mehr als Flucht vor
der Verantwortung gegenüber seinen Mitmen- schen und als Feigheit
vor den Forderungen des Lebens. Als eine öffentliche Äußerung
der Trauer über die Ermordung seines Bruders ihn selbst in die Einzelhaft
einer dunklen, feuchten Zelle führt, beginnt der innere Konflikt in
ihm an Schärfe zu gewinnen.
Im Mittelpunkt seiner inneren Kämpfe steht immer wieder der Konflikt zwischen dem Gehorsam gegenüber den Forderungen des Koran und den unhaltbaren gesellschaftlichen und politischen Zuständen. Selimovic schildert die innere Situation eines Volkes, das zwischen den muslimischen Reich der Türken und dem abendländischen Christentum zerrieben wird. Die Heimatlosigkeit und Hoffnungslosigkeit einer weitgehend des- orientierten Gesellschaft schlägt sich in Fatalismus und Emigration in die Religiosität nieder.
Die eigentliche Handlung schreitet - mit unseren westlichen literarischen Maßstäben gemessen - in diesem Roman nur sehr langsam voran und schlägt sich mehr in den inneren Kämpfen des Protagonisten nieder. Melancholie und verzwei- felte Ergebenheit in das Schicksal prägen die inneren Monologe des Derwischs.
Wer sich an dieses Buch wagt, sollte sich Zeit dafür nehmen und von vornherein die Vorstellung einer spannenden Handlung aufgeben. Er erhält dafür Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt eines Volkes an der Nahtstelle zweier Kulturen.
Das erstmals 1972 herausgebene Buch ist 1994 in einer neuen Übersetzung im Otto Müller Verlag, Salzburg, unter der ISBN 3-7013-0837-3 erschienen und umfasst 350 Seiten.
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