Paulus Hochgatterer: "Caretta Caretta"

Ein "schwer Erziehbarer" erzählt...
 

Man kennt das alte Spiel: ein neuer Autor erscheint auf der Bildfläche mit einem neuen Thema und flotter Schreibe. Der Erfolg fordert weitere Beispiele seines Könnens – schmiede das Eisen .... – und irgendwann versiegen die Ideen. Auch die derzeit auf die Bestsellerlisten abonnierte Donna Leon entgeht diesem Schicksal nicht. Ihr Commissario Brunetti hat eine Anzahl durchaus spannender und gut recherchierter Fälle gelöst, aber nun wird er zum Opfer literarischer Auszehrung.

In dem neuesten Krimi unter Titel "Nobilita" geht es um die Machenschaften des venezianischen Adels. Auf einem Acker werden die Überreste eines jungen Mannes aus adligem Hause gefunden, der vor zwei Jahren entführt und niemals gefunden wurde. Ein Loch im Schädel lässt auf Erschießen schließen. Sowohl die schwer getroffenen Eltern als auch die Vorgesetzten Brunettis möchten die Akten nach dieser Zeit nicht mehr öffnen, eine Wiederaufnahme der Suche nach den Schuldigen scheint sinnlos.

Doch Brunetti nimmt die Witterung auf, entdeckt Ungereimtheiten in den Reaktionen des Vaters bei der Entführung und erfährt obendrein, das der Verstorbene trotz seiner 21 Jahre zum Schluss schwer krank war. Stück für Stück setzt er, wie gewöhnlich, die Teile des Puzzles zusammen, bis er zum Schluss die unerwartete und grausame Wahrheit enthüllt.

Die Geschichte könnte durchaus viel Spannung und Substanz entwickeln, wenn sie nicht mit der "heißen Nadel" gestrickt wäre. Die grundlegende Schwäche liegt schon im Ansatz: die Machenschaften, denen der Adel angeklagt wird, haben nichts spezifisch Adliges an sich und könnten jeder mafiösen Organisation "zur Ehre" reichen. Auf diese Weise könnte man literarisch jeden beliebigen "Stand" wegen krimineller Verfehlungen ihrer Mitglieder denunzieren.

Wohlgemerkt, hier soll nicht dem italienischen Adel das Wort geredet werden, aber die Geschichte hat nur insofern mit dem Adel zu tun, als die kriminellen Akteure adlig sind. Darüber hinaus werden die Personen nur oberflächlich charakterisiert, die Motive kommen erst zum Schluss und dann nahezu hastig an die Oberfläche. Obendrein überzeugen sie nicht, wenn man einmal von der allgemein verbreiteten Geldgier absieht. Auch Brunettis Recherche-Erfolgen beruhen mehr auf – zugegeben naheliegenden – Vermutungen als auf handfesten Beweisen, und die Verdächtigen brechen bereits unter der Andeutung dieser Vermutungen zusammen.....

Glücklicherweise beschränkt sich dieser Hör-Krimi auf eine Kassette mit einer Spieldauer von 62 Minuten. Sie ist im HÖR-Verlag unter der ISBN 3-89584-815-8 erschienen.