Benjamin Lebert: „Crazy“

Die Memoiren eines Sechzehnjährigen
 

Der Autor gehört zur Garde der „jungen Unbe- fangenen“. Frei von jeglichen literarischen Vor- bildern, Schulen oder weltan- schaulichen Vor- gaben schreibt diese Generation einfach über ihr alltägliches Leben und die Allerweltsprobleme. Keine Anklagen gegen die Gesellschaft und keine stirnzerfurchende Betroffenheit, sondern nur die Schilderung der eigenen Lebenssituation steht im Vordergrund. Dabei ist das eigentlich Faszinie- rende, dass diese jungen Autoren anscheinend nicht mit dem Anspruch des „Schriftstellers“ daherkommen oder unter ihm leiden, sondern dass sie einfach drauflos schreiben und auch die Triviali- tät riskieren, ohne sie jedoch bewusst zwecks Auflagen steigernder Befriedigung eines vermeint- lichen Massenbedürfnisses einzusetzen. Der sechzehnjährige Ich-Erzähler – gleichen Vor- namens wie der Autor, auch dies eine erfrischende Aufrichtigkeit – kommt dank miserabler Schulleistungen in ein Internat und muss sich dort mit seinen neuen Schulkameraden zusammenraufen. Als halbseitig leicht Gelähmter befürchtet er, Außenseiter zu sein, sieht aber bald, dass auch die Anderen ihre „Behinderungen“ haben und mit diesen Dingen erstaunlich nüchtern umgehen. Auf der CD liest der Autor selbst, und zwar „live“ vor einem echten Auditorium. Auch die Zwischen- bemerkungen wurden nicht herausgeschnitten, was dem Ganzen einen authentischen Charakter ver- leiht. Man darf von diesem Text keine große literarische Aussage verlangen. Ihr Wert liegt allein in der unbefangenen Darstellung nur scheinbar alltäglicher Vorgänge, die jedoch gerade durch die Gerad- linigkeit und Sparsamkeit mehr aussagt als so mancher psychologisierende Text.

Als „Schnappschuss“ der neueren deutschen Literaturszene durchaus zum Hören empfohlen.

Die CD mit einer Laufzeit von 48 Minuten ist im HÖR-Verlag unter der ISBN 3-89584-785-2 erschienen.