Lily Brett: „Einfach so“

Drei Generationen jüdischer Emigranten in New York
 

Esther lebt mit ihrem Mann und Kunstmaler Shaun und ihren diversen Kindern in New York. Sie selbst schreibt für Tageszeitungen Nachrufe auf verstorbene Persönlichkeiten, um die teure „Loft“ bezahlen zu können. Esthers Eltern – pol- nische Juden – hatten Auschwitz überlebt und waren nach dem Krieg nach Australien ausge- wandert, wo der mittlerweile verwitwete Vater Edek immer noch – mittlerweile vereinsamt – lebt. Dies ist der Ausgangspunkt des Romans von Lily Brett, der unprätentiös, sachlich und dennoch mit viel Humor das Leben jüdischer Emigranten der zweiten und dritten Generation beschreibt. Es geht der Autorin in diesem Roman nicht um die Schil- derung tragischer Konflikte oder familiärer Dra- men.

Ihre Personen führen durchweg ein typisch amerikanisches Leben mit all den bekannten Problemen wie pubertierenden Töchtern und störrischen Eltern. Esther muss dabei als Vertreterin der mittleren Generation nach beiden Seiten Kompromisse eingehen und immer wieder Seelentröster spielen. Bei ihren Betrachtungen über den „american way of life“ flicht die Autorin immer wieder Erinne- rungen Esthers an die Erzählungen ihrer Eltern über die Verfolgung im Dritten Reich und die Angst im KZ ein. Dabei erfolgen die Assoziationen immer aus einer aktuellen Alltagssituation – Essen, Trin- ken, Lieben -, die sie an vergleichbare Situationen ihrer Eltern denken lässt. Diese scheinbar beiläu- figen Übergänge – eine andere selbst knapp ent- kommende KZ-Insassin erzählt zum Beispiel, sie habe ihre Schwester sozusagen „aus den Öfen gezogen“ - beeindrucken gerade wegen des unterkühlten Tones. Der Versuch eines diesen Vorgängen angemessenen ernsthaften Tonfalls wäre von vornherein zum Scheitern verurteilt, da durch unzählige wohlfeile Sonntagsreden längst verschlissen. Nur die beiläufige Schilderung der Tatsachen vermittelt eine Ahnung....

Bei allen tiefgehenden Verletzungen nicht nur der Opfer-Generation sieht Esther – und mit ihr die Autorin – jedoch nach vorn. Ihre Kinder stehen symbolisch für diesen unerschütterlichen Optimis- mus, aber auch die Alten werden nicht abgeschrie- ben, sondern auch für sie gibt es nach dem Schrecken der frühen Jahre noch einmal einen unerwarteten Frühling....

Nebenbei teilt die Autorin kräftig gegen die gesellschaftlichen Zustände in New York aus, den Snobismus der Reichen, die sich wie Duodez- Fürsten Künstler „halten“ möchten, oder gegen die amerikanische Anwalt-„Mafia“...

Trotz dem zwischen den Zeilen schimmernden Ernst atmet das Buch viel Humor, und das Zuhören bereitet ausgesprochenes Vergnügen. Dazu trägt entscheidend die Vorleserin Leslie Malton bei, die es schafft, mit ihrer Stimme selbst in Dialogen den unterschiedlichen Personen – sei es Mann oder Frau, jung oder alt – charakteristi- sche Züge zu verleihen.

Der gesamte Roman umfasst sechs Kassetten und ist im HÖR-Verlag unter der ISBN 3-89584-802-6 erschienen.