Theodor Fontane: "Schach von Wuthenow"

Der Roman um verqueren preußischen Ehrbegriff als Hörbuch
 

Theodor Fontane hat sich in seinen Romanen unter ande- rem mit den Ehr- und Moralvor- stellungen des alten Preußens auseinander- gesetzt. Markante Beispiele hierfür sind "Effi Briest" - junge Frau muss älteren Mann heiraten und verliebt sich in einen Anderen - sowie "Schach von Wuthenow". Letzterer steht jetzt auch in einer Hörversion zur Verfügung. In diesem Roman beschreibt Fontane den Zustand der preußischen Gesellschaft im Jahre 1806 nach Austerlitz. Preußen ist von Napoleon besiegt und hat sich mit dem Imperator arrangiert. Die preußische Armee und damit ganz Preußen reagiert gespalten, teils nüchtern-pragmatisch, teils enttäuscht-verbittert.

Vor diesem Hintergruind führt die schöne Berliner Witwe Josephine mit ihrer Tochter einen kleinen Salon, in dem Offiziere und Schriftsteller verkehren, unter ihnen der Rittmeister Schach von Wuthenow, der sich durch besondere Ritterlichkeit und einen hohen Ehrbegriff auszeichnet, weshalb ihm Mutter wie Tochter geneigt sind. Mittelpunkt seines Lebens ist jedoch die Armee, mit der Preußen für ihn steht und fällt.

Während man bereits munkelt, dass sich eine Beziehung zwischen Josephine und ihm anbahne, geht er - halb aus Mitleid - ein Verhältnis mit der einst schönen und jetzt von Blatternarben gezeichneten Tochter ein. Bereit, auf Druck der Mutter dieses Verhältnis zu legalisieren, sieht er sich jedoch dem Spott seiner Offizierskameraden ausgesetzt, an dem er schließlich zerbricht.

Die Hörversion verzichtet auf Dialogisierung des Stoffes und vertraut auf die vorlesende Interpretation von Otto Mellies, die vor allem den ruhigen, lang gezogenen Duktus von Fontanes Sprache zur Geltung bringt. Dabei gelingt es Mellies, die feine Ironie zwischen den Zeilen des Fontaneschen Textes heraus zu arbeiten. Schließlich war es damals in der Literatur noch nicht üblich, Kritik an zentralen Punkten des preußischen Selbstverständnisses "mit offenem Visier" anzusprechen. Man ließ sie entweder durch Freidenker oder andere Personen ausssprechen, die nicht unbedingt zur herrschenden Schicht des Landes gehörten, so eine gewisse Ambiguität der Aussage sicher stellend. Der Vorleser muss daher die einzel- nen Personen vom Tenor sehr genau treffen, will er die Kritik an den Zuständen verdeut- lichen. Schon leichte Akzentverschiebungen können daher einen falschen Ehrbegriff und damit die entsprechenden Taten zu ungewollter Höhe erheben. Otto Mellies gelingt es jedoch, Fontanes Entlarvung eines krankhaften Ehr- begriffs auf den Punkt genau zu treffen. Auch wenn dieses Thema heute nicht mehr die gleiche Rolle spielt wie vor zweihundert Jahre, bringt uns der Roman noch einmal Lebens- gefühl und historischen Hintergrund der napoleonischen Zeit in Preußen nahe, und so manche propetische Aussage Fontanes in diesem Roman hat sich später bitter bewahr- heitet.

Das Hörspiel ist als Reclam-Hörbuch unter der ISBN 3-15-120008-7 erschienen und umfasst 5 CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 290 Minuten.