Christa Wolf: "Kein Ort. Nirgends"

Zwiegespräch zweier verwandter Seelen
 



Im Jahre 1804 besucht der 24-jährige Heinrich von Kleist eine Gesellschaft im Rheinischen und lernt dort Karoline von Günderrode kennen. Christa Wolf hat dieses Treffen erfunden und lässt in ihrem Roman "Kein Ort. Nirgends" , die beiden Protagonisten in Gedanken und Worten miteinander kommunizie- ren. Kleist sieht sich als ein Geschei- terter, der aufgrund der äußeren Umstände seiner wahren Berufung nicht nachgehen kann. Sein Broter- werb im preußischen Staatsdienst nimmt ihm nicht nur die Zeit für seine schriftstellerischen Arbeit sondern trifft ihn aufgrund der Zensur sowie der restaurativen und engstirnigen Grund- stimmung ins Mark. Die Günderrode trifft es noch härter: eine freie schrift- stellerische Betätigung ist für eine Frau aus gutem Hause in dieser Zeit absolut undenkbar. Alle geistig herausgehobenen Aktivitäten stehen nur Männern zu. So treffen die beiden im Salon eines Kaufmanns in Winkel am Rhein aufein- ander, weitere Gäste sind der damals als Intellektueller und Weltmann gefeierte Friedrich Carl von Savigny, der den Ton in der Unterhaltung angibt, sowie Clemens von Brentano mit Schwester Bettina. Kleist und Günderrode sind von Erfolgreichen, sozusagen "Etablierten" umgeben, ohne selbst die Chance auf einen ähnlichen Erfolg zu sehen.

Das Hörspiel gibt die Gedanken und Unterhaltungsbeiträge der beiden jungen Leute vor dem Hintergrund eines bürgerlichen Bildungsgesprächs wider, das nur die bestehenden Ver- hältnisse bestätigt und die Kunst als angenehmes Beiwerk des Lebens zitiert, ihr jedoch beileibe keine Wahr- haftigkeit zumutet oder gar abfordert.

Die vom Verrat Napoleons und der europäi- schen Regierungen an der Französischen Revolution tief enttäuschten Literaten sehen sich einer Gruppe von gesellschaftlich unkri- tischen aber tonangebenden Bürgern gegen- über, ohne ihre Vorstellungen artikulieren zu können. So bewegt sich das Hörspiel haupt- sächlich in den inneren Monologen der bei- den, ihren Reaktionen auf die Unterhaltung und ihrem Leiden an dem Zustand der Realität. Aber auch, als sich die beiden von der Gesellschaft trennen können und mitein- ander ins Gespräch kommen, ändert sich die Situation nicht, denn letzten Endes können sie einander nur ihr Leiden an der Welt mitteilen aber die Verhältnisse nicht ändern.

Christa Wolf hat diesen Roman 1977 in der DDR geschrieben und ihre eigene Situation in diese beiden Figuren gelegt. Die DDR war Kleistens preußischem Staat sehr ähnlich, und der Roman trägt daher Züge eines "Schlüsselroman". Das Hörspiel unter der Regie von Ernst Wendt charakterisiert die Personen mit viel Sensibilität und Sinn für die gebrochenen Persönlichkeiten. Der Hörer sollte sich jedoch eine ruhige Umgebung schaffen, da die Gedankengänge oft sehr leise vorgetragen werden.

Das Audio-Buch besteht aus zwei CDs mit einer Gesamtlaufzeit von 81 Minuten und ist im Audio-Verlag unter der ISBN 3-89813-109-2 erschienen.