Jens Sparschuh: "Ein Nebulo bist Du"

Monolog eines Dieners über seinen Herrn
 



Immanuel Kant gilt als einer der Eckpfeiler der europäischen Philosophie. Die Sekundärliteratur berühmter Geister füllt ganze Bibliotheken. Der 1955 in der DDR geborene Jens Sparschuh charak- terisiert diese Ausnahme-Persönlichkeit in seinem Hörspiel aus der Sicht seines Dieners Lampe, der nach 30 Jahren treuer Dienste entlassen werden soll, was er jedoch nur durch Zufall erfährt. In einem fortwährenden inneren Monolog lässt Lampe die zeit revue passieren und rechnet mit kant ab. Dabei gelten bei ihm ganz andere Kriterien als bei den Größen der philosophischen Sekundärliteratur. Er sieht nur den ewig herumnörgelnden Herrn - das lautstarke "Lampe, wo bleibt er denn" ertönt immer wieder aus dem "Off" des Monologs - mit seinem geringen Sinn fürs Praktische, der sich einerseits frühes Wecken ausbedingt und dann gerade diese getreulich ausgeführte Dienstleistung mit lautstar- kem Schimpfen belohnt, dem kein Essen des Dieners richtig schmeckt und der auch die in bester Absicht erfolgten kupplerischen Versuche des Dieners mit Verachtung straft. Aus Lampes Sicht bechäftigt sich Kant nur mit dummem Zeug. Wäre er bei seinen anfänglichen poetischen Versuchen geblieben - da sind wohl einige recht nette Verse entstanden -, wäre aus ihm sicher ein durchaus bekannter Heimatdichter geworden. So wird nach 30 Jahren niemend mehr von ihm sprechen.

In dieser Sicht der Dinge scheint natürlich auch humorvoll die begrenzte Sicht des Dieners Lampe durch. Er wird hier nicht - wie etwa in französichen Lustspielen derselben Epoche - als einzig vernünf- tiger Gesit in einem dekadenten Umfeld geschil- dert, sondern als ein lebendiges Beispiel eben jener "praktischen Vernunft", die Kant nur akademisch in Unkenntnis des wahren Lebens entworfen hat.

So kommen in nahezu marxistischer Dialektik sowohl Herr als auch Knecht in den Genuss von Anerkennung und Kritik, wobei eine in der anderen enthalten ist.

Der Text enthält viele Anspielungen auf Kants Philosophie und den historischen Kontext, und Kenner der Kantschen Texte dürften hier durchaus ihre besondere Freude finden. Aller- dings dürfen sie nicht vom Schlage des in Ehr- furcht erstarrten Oberlehrers sein, sonst erlei- den sie beim Zuhören eine mittlere Schädi- gung ihres Kant-Bildes. Wer will, kann in dem 1975 entstandenen Text auch durchaus den Widerspruch zwischen der abstrakten, weil nur theoretischen Weltsicht des realen Sozia- lismus und dem gesundem Menschenverstand der Bevölkerung sehen.

Das Hörbuch umfasst eine CD mit einer Lauf- zeit von 75 Minuten und ist im Audio-Verlag unter der ISBN 3-89813-065-7 erschienen.