Martin Amis: "Night Train"

Kriminalhörspiel über die Grenze zwischen Mord und Selbstmord
 

Die Detektivin Mike Hoolihan sollte eigentlich ein Junge werden und wurde auch als ein solcher erzo- gen, so dass sie schließlich in den Polizeidienst ging und dort bald die männliche Sprache und Den- weise annahm. Niemand sieht mehr in ihr eine Frau, und ihr Jahre zurückliegender alkolholischer Zusammenbruch wird nur als Betriebsunfall gewertet. Ausgerechnet diese Frau wird mit dem Selbstmord einer jungen Astrophysikerin konfrontiert. Jennifer Rockwell war dazu noch die Tochter von Mikes Chef und hat Mike geholfen, als diese unter ihrer Alkoholsucht litt. Jennifer war schön, intelligent und erfolgreich. Die Männer umschwärmten sie. Daher lehnt Mike die Selbstmord-Theorie vehement ab, zumal ihr Chef unbedingt den Mörder seiner Tochter dingfest gemacht sehen will und auch den Täter schon zu kennen meint. Jennifers langjähriger Freund Trader muss es gewesen sein, da einige Indizien gegen ihn sprechen. Mike geht den Hinweisen nach und schlüpft in die Rolle des Rächers, da sie meint, ihrem Chef etwas schuldig zu sein. Sie unterzieht Trader einem har- ten Verhör, das von Anfang an unter der Prämisse eines zu erzielenden Geständnisses steht, sieht sich jedoch einem so verzweifelten wie ratlosen Trader gegenüber, der alle Vermutungen über einen Mord aus EIfersucht von sich weist. Mike bohrt weiter und setzt alle Mittel ein, die ihr zur Verfügung stehen. Ihre Sprache reflektiert dabei die verhärtete und desillusionierte Welt der Mord- kommissare, die schon alles gesehen haben, was Menschen Ihresgleichen antun können, und sich einen harten Panzer aus scheinbarer Gefühllosig- keit und Professionalität zugelegt haben. Wie es hinter dieser Fassade aussieht, geht schließlich niemanden etwas an, und Mike geht es richtig dreckig. Sie wird mit diesem so unverständlichen wie unlösbaren "Selbst-Mord" nicht fertig. Während der Hörer noch gespannt auf die konven- tionelle und hoffentlich ausgefallene Lösung dieses Falles wartet, dreht sich dieser bereits unmerklich, und mehr menschliche als kriminalistische Aspekte treten in den Vordergrund. Bei ihren Recherchen lernt Mike auch das Arbeitsumfeld der Verstorbenen kennen und stößt dabei auf neue Ungereimt- heiten, die sie anfangs nur schwer einordnen kann. Langsam jedoch dämmert ihr, dass sie mit diesem Fall an die Grenzen der Kriminalis- tik stößt und das dieser Fall mit den üblichen Methoden nicht zu lösen ist. Die nieder- schmetternde Erkenntnis hat auch für sie persönlich schwer wiegende Folgen. Leider gelingt es dem Hörspiel nicht, die kom- plexen psychischen Vorgänge, die diesem Fall zugrunde liegen, sichtbar zu machen. Zu Vieles bleibt der Spekulation und der Interpre- tation vorbehalten. Wer den Roman nicht gelesen hat, muss sich mit Mutmaßungen behelfen. Man ahnt, worum es dem Autor geht, kann es jedoch nicht schlüssig aus der Handlung folgern. Dafür entschädigen die intensiven aus Blues und Jazz gemischten Gesangseinlagen von Tom Waits, die dem Hörspiel eine intensive und fast transzendente Atmosphäre verleihen. Das Hörbuch umfasst eine CD mit einer Laufzeit von 56 Minuten und ist im Audio-Verlag unter der ISBN 3-89813-179-3 erschienen.