| Kurt Tucholsky: "Rheinsberg" |
| Geistreiche Liebesgeschichte eines großen Satirikers | |
Kurt Tucholsky hat sich in der ausgehenden Kaiserzeit und vor allem in der Weimarer Republik als unbestechlicher politischer Journalist mit satirischem Talent ausgezeichnet. Doch bei aller politischen Schärfe haftet allen seinen Erzählungen ein - scheinbar - unbesiegbarer Humor an. Dass dieser Humor nicht unbedingt seine seelischen Befindlichkeit beschrieb, zeigt sein Freitod im schwedischen Exil.
In der Komödie "Rheinsberg" jedoch, 1912 in der so genannten "guten alten Zeit" entstanden, zeigt er sich von einer selten leichten, humorvollen und emotionalen Seite.
In der erz-puritanischen Gesellschaft der wilhelmi- nischen Ära wagen es die Studenten Kläre und Wolfgang, unter Vortäuschung anderer Sachver- halte - angeblich verbringt sie das Wochenende bei einer Freundin - ein verlängertes Liebes-Wochen- ende im Städtchen Rheinsberg zu verbringen. Damals musste man sich zu diesem Zweck am Zielort natürlich noch als Ehepaar anmelden und lief dennoch immer Gefahr entlarvt zu werden.
Völlig unbeschwert verleben die beiden schöne Stunden beim Bootfahren, bei der Besichtigung der Jugendresidenz von Friedrich dem Großen und bei Spaziergängen. Fremden gegenüber geben sie sich spontan entweder als Geschwister oder als Ehe- paar mit exotischen Berufen aus. Kläre sprüht gera- dezu vor witzigen Ideen und eigenwilligen Sprach- schöpfungen, die weit über die in Berlin übliche freie Verwendung von Artikeln und Personalprono- mina hinausgehen. "Wölfchen" zeigt bereits als Student die Insignien späterer bürgerlicher Würde und spielt bisweilen den gnädig bevormundenden Beschützer.
Gesellschaftskritik kommt in dieser Komödie nur versteckt in den Anspielungen auf Dritte vor, vornehmlich das konservative Elternhaus oder die Sitten und Gebräuche der Gesell- schaft. Natürlich entfallen auch ein paar freundliche Seitenhiebe auf den "alten Fritz" und sein Preußen. Ansonsten konzentriert sich die Geschichte jedoch weitgehend auf die unbeschwerte Liebe der beiden jungen Leute. Tucholsky lässt die Geschichte so ausklingen wie sie beginnt, ohne Katastrophen oder gesellschaftliche Samktionen an den beiden vorehelichen Übertätern. Klar, dass ein sol- ches Buch im Kaiserreich bei den herrschen- den Kreisen einen mittleren Skandal auslöste. Aber das war Tucholsky ja gewohnt, und gegenüber späteren Anfeindungen war die Reaktion wohl eher milde.
Das Hörbuch umfasst eine CD mit einer Laufzeit von 58 Minuten und ist im Audio- Verlag unter der ISBN 3-89813-158-0 erschienen.
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